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Warum Kapital bergauf fließt

LONDON – Auf den ersten Blick scheint es schwer begreiflich: das globale Kapital fließt von den armen in die reichen Länder. Während die Schwellenländer über Leistungsbilanzüberschüsse verfügen, weisen die Industrieländer Defizite aus. Eigentlich würde man erwarten, dass rasch wachsende, kapitalschwache Entwicklungsländer (mit junger Bevölkerung) Kapital aus dem Rest der Welt importieren, um Verbrauch und Investitionen zu finanzieren. Warum aber schicken sie ihr Kapital stattdessen in reichere Länder?

China ist so ein Beispiel. Mit einem durchschnittlichen Leistungsbilanzüberschuss von 5,5 Prozent des BIP in den Jahren 2000-2008 wurde China zu einem der größten Kreditgeber der Welt. Doch trotz seines raschen Wachstums und der vielversprechenden Investitionsmöglichkeiten transferiert das Land unentwegt einen beträchtlichen Teil seiner Ersparnisse ins Ausland.  

Und China steht nicht allein da. Auch andere Schwellenländer – wie Brasilien, Russland, Indien, Mexiko, Argentinien, Thailand, Indonesien, Malaysia und die Ölexporteure im Nahen und Mittleren Osten – haben ihre Leistungsbilanzüberschüsse seit den frühen 1990er Jahren beträchtlich gesteigert. Insgesamt leihen kapitalschwache Entwicklungsländer Geld an kapitalreiche Industrieländer.

Zahlreiche Beobachter glauben, dass sich in diesen globalen Ungleichgewichten die finanzielle Integration der Entwicklungsländer in Kombination mit deren unterentwickelten Finanzmärkten widerspiegelt. Dieser Ansicht zufolge kann die Nachfrage nach Vermögenswerten - sowohl quantitativ als auch qualitativ – in diesen Ländern  nicht befriedigt werden, wodurch sie einen Teil ihrer Ersparnisse in Länder wie die USA transferieren, wo man ein vielfältigeres Angebot an qualitativ hochwertigen Vermögenswerten vorfindet.   

Obwohl durchaus plausibel, suggeriert dieses Argument, dass die globalen Ungleichgewichte aufgrund der Verbesserung der Finanzmärkte in den Entwicklungsländern unweigerlich schrumpfen werden. Eine derartige Umkehr ist aber nirgends in Sicht. Warum?

Eine entscheidende Dimension der Globalisierung ist die Handelsliberalisierung. In China stieg der Anteil des Außenhandels als Prozentsatz des BIP von 25 Prozent im Jahr 1989 auf 66 Prozent im Jahr 2006 drastisch an. Dies vor allem aufgrund seiner Aufnahme in die Welthandelsorganisation im Jahr 2001.  

Bei dem Großteil der von China und anderen Entwicklungsländern produzierten und exportieren Güter handelt es sich um Textilien und Bekleidung. Dies ermöglicht es den Industrieländern wiederum, kapitalintensivere Produkte mit höherer Wertschöpfung zu produzieren und zu exportieren. Durch die Handelsglobalisierung konnten die Länder Effizienzgewinne nutzen, die die Spezialisierung in Sektoren, wo sie über einen komparativen Vorteil verfügen, mit sich brachten.

Mit etwas Fantasie kann man sich vorstellen, dass Produktion und Güterhandel eines Landes seine Ersparnisse und Investitionsentscheidungen beeinflussen. In einer Ökonomie, in der die wichtigste wirtschaftliche Aktivität beispielsweise das Beerenpflücken ist, besteht nur wenig Bedarf an Investitionen und Kapitalbildung. Die Arbeiter verdienen Löhne, konsumieren und sparen einen Teil ihres Einkommens. Da der Produktionsprozess nur wenig Kapital benötigt, besteht auch keine Nachfrage nach inländischen Investitionen – und daher gibt es auch keine Sparformen. Stattdessen besteht die einzige Sparmöglichkeit darin, im Ausland Kapital zu kaufen – in Ökonomien mit kapitalintensiver Produktion und Investitionsnachfrage. Eine Volkswirtschaft wie oben beschrieben, wird ihre Ersparnisse immer exportieren.

Das ist vielleicht ein Extrembeispiel, aber es veranschaulicht allgemein, wie der Handel Finanzflüsse beeinflussen kann. In Ländern, die – wie China aufgrund einer wachsenden Öffnung des Handels oder eines rascheren Arbeitskräfte- und Produktivitätswachstums  – arbeitsintensivere Güter produzieren und exportieren, kommt es zwar zu einem Anstieg der Ersparnisse, aber nicht zu einem entsprechendem Anstieg der Kapitalnachfrage.

Im Gegensatz dazu sind reiche Länder in der Lage, kapitalintensivere Güter zu exportieren, wodurch sie einen größeren Bedarf an Investitionen aufweisen. Sie importieren also mehr Kapital – was zu einem größeren Leistungsbilanzdefizit führt – weil sie einfach kapitalintensivere Produkte herstellen.

Da die Entwicklungsländer – allen voran China, Indien und der ehemalige sowjetische Block – seit den frühen 1990er Jahren beinahe 1,5 Milliarden Arbeitskräfte in die Weltwirtschaft einbrachten, sind die potenziellen Auswirkungen dieser Entwicklung nicht schwer zu verstehen. Schließlich wanderte ein Großteil dieser Arbeitskräfte in arbeitsintensive Branchen, wo man letztlich Produkte herstellt, die in den Rest der Welt exportiert werden. Tatsächlich trug dieser massive Anstieg von Arbeitskräften dazu bei, die relativen Preise arbeitsintensiver Güter zu drücken. Zwischen 1989 und 2008 gingen diese Preise auch um etwa 15 Prozent zurück.

Da die Entwicklungsländer die Produktion und den Export arbeitsintensiver Güter steigerten, wuchsen auch die Leistungsbilanzüberschüsse – im Schnitt um fast 3,6 Prozentpunkte zwischen 1989 und1993 sowie zwischen 2002 und 2006. Der Leistungsbilanzüberschuss in China stieg im gleichen Zeitraum um fast 11 Prozent, in Indien um 2,5 Prozentpunkte und in Russland um 7 Prozentpunkte. In den erwähnten Ländern sowie auch in anderen Staaten mit großen Überschüssen wie Brasilien, Saudi Arabien und dem Iran kam es gleichzeitig zu einem Anstieg der Arbeitsintensität ihrer Exporte. 

Diese Entwicklung steht im Gegensatz zu den Gegebenheiten in den Vereinigten Staaten und vielen anderen Industrieländern, wo es zu einer Verschlechterung der Leistungsbilanzen kam, da Produktion und Export kapitalintensiver wurden.

Vielfach wird angezweifelt, dass China arbeitsintensivere Güter exportiert, statt seine Exporte hinsichtlich Kapital- und Qualifikationsintensität auf eine höhere Stufe zu bringen. Aber aus den Handelsdaten ergibt sich das Gegenteil, denn Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation führte zu Zollsenkungen, die eine arbeitsintensive Produktion förderten.

Tatsächlich wird in diesen Handelsdaten das wahre Ausmaß der Arbeitsintensität chinesischer Exporte möglicherweise unterschätzt und die Kapital- und Qualifikationsintensität überbewertet. China verzeichnet ein rasches Wachstum im Bereich der verarbeitenden Industrie, also im Bereich des Zusammenbaus – aus Ländern wie den USA und Japan importierter – kapital- und qualifikationsintensiver Zwischenprodukte. Während also der Export dieser Endprodukte die Kapital- und Qualifikationsintensität auf chinesischer Seite erhöht, bestand die wahre Rolle des Landes lediglich im arbeitsintensiven Zusammenbau. 

Die Produktionsstruktur eines Landes bestimmt sehr wohl, wie viel Kapital ein Land zur Verfügung stellt und wie viel es braucht. Darum sollte die Tatsache, dass Kapital in reiche Länder fließt, die kapitalintensivere Produkte herstellen und exportieren, nicht weiter verwunderlich sein.

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  1. Commented

    PROCYON MUKHERJEE

    The case in point is that as U.S. exports capital intensive products and imports labor intensive products its economy is bound to absorb more global capital. The real puzzle is to channelize all resource endowments in U.S. to be able to cope up with this challenge of converting this capital into more efficient capital goods, but that in itself does not solve its employment problem as this would need far greater investments in education which does not necessarily in the short term result in higher efficiency. Thus the looming gap is bound to increase, while more capital inflow would not make the task any easier.

    Procyon Mukherjee

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