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Warum Amerika arbeitslos ist

CAMBRIDGE –Während sich die US-Konjunktur dem zweiten Jahrestag der Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers entgegen schleppt, verharrt die Arbeitslosenquote aufgrund des schwachen Wachstums bei knapp 10% und die Aussichten für eine wesentliche Verbesserung in absehbarer Zeit stehen schlecht. Angesichts der im November bevorstehenden Zwischenwahlen im Kongress ist es also kein Wunder, dass die Amerikaner wütend fragen, warum die aggressiven Konjunkturprogramme der Regierung keine Kehrtwende bewirkt haben. Was kann, wenn überhaupt, noch getan werden?

Die ehrliche Antwort – die allerdings kaum ein Wähler hören will – lautet, dass es keine Wunderwaffe gibt. Es hat über zehn Jahre gedauert das Loch zu graben, in dem sich die Wirtschaft heute befindet, und es wird ebenfalls einige Zeit dauern wieder hinauszukommen. Carmen Reinhart und ich haben in unserem 2009 erschienen Buch über acht Jahrhunderte Finanzkrisen (mit dem ironischen Titel „Dieses Mal ist alles anders“) gewarnt, dass eine langsame, langwierige Erholung mit anhaltend hoher Arbeitslosigkeit in der Folgezeit einer schweren Finanzkrise die Norm ist.

Warum ist es so schwer nach einer Finanzkrise für eine schnelle Ankurbelung der Beschäftigung zu sorgen? Ein Grund ist natürlich, dass das Finanzsystem Zeit braucht, um sich zu regenerieren – und den Fluss von Krediten wieder richtig in Gang zu bringen. Gefräßige Finanzungeheuer mit umfangreichen Steuergeldern zu füttern löst nicht das tiefer liegende Problem eine überschuldete Gesellschaft zu kurieren. Die Amerikaner dachten die stetig steigenden Preise auf dem Immobilienmarkt würden alle finanziellen Sünden fortwaschen und haben bis zum Gehtnichtmehr Kredite aufgenommen und eingekauft. Der Rest der Welt ließ Geld in die USA fließen und es schien als hätte das alles keinen Preis.

Sogar jetzt glauben viele Amerikaner die simple Lösung für das Problem ihres Landes bestünde darin, einfach die Steuern zu senken und den privaten Verbrauch zu beflügeln. Steuersenkungen sind grundsätzlich sicher nicht schlecht, besonders zur Förderung langfristiger Investitionen und langfristigen Wachstums. Das Prinzip Steuersenkung birgt allerdings mehrere Probleme.

Zunächst einmal steuert die Staatsverschuldung insgesamt (einschließlich Verschuldung des Bundes und der Bundesstaaten) auf das höchste Defizit seit dem Zweiten Weltkrieg zu, als diese 119% des BIP betrug. Einige plädieren leidenschaftlich dafür, sich zum jetzigen Zeitpunkt keine Gedanken über zukünftige Schuldenprobleme zu machen, doch meiner Ansicht nach verbietet es uns jede realistische Einschätzung der mittelfristigen Risiken solche Bedenken einfach zu verwerfen.

Ein zweites Problem bei Steuersenkungen besteht darin, dass diese kurzfristig durchaus nur begrenzt Einfluss auf die Nachfrage haben können und der private Sektor einen bedeutenden Anteil der Mittel hortet, um schwer überschuldete Bilanzen zu sanieren.

Nicht zuletzt stellt sich die Frage der Gerechtigkeit. Wenn man bestimmte Messwerte berücksichtigt, zahlt fast die Hälfte aller Amerikaner ohnehin keine Einkommensteuer, somit würden Steuererleichterungen die Schieflage bei der bereits bestehenden ungerechten Einkommensverteilung verschärfen. Die Vernachlässigung von Maßnahmen im Bereich der Einkommensgleichheit ist eines von vielen Ungleichgewichten, das sich in der US-Wirtschaft während des Booms vor der Krise aufgebaut hat. Lässt man diese Problematik schwelen, könnten ernste politische Konsequenzen die Folge sein, einschließlich Handelsprotektionismus und möglicherweise sogar soziale Unruhen.

Diejenigen, die meinen, dass die Regierung die bei den privaten Ausgaben entstandene Lücke ausgleichen sollte, weisen auf eine Fülle von wachstumsfördernden Projekt hin – ein Punkt, der jedem bekannt sein sollte, der mit Amerikas maroder Infrastruktur vertraut ist. Ebenso würde der Transfer von Mitteln an die Regierungen der Bundesstaaten und Gemeinden, die verfassungsbedingt nur begrenzt Zugang zum Kreditmarkt haben, dazu beitragen die schmerzlichen Entlassungen von Lehrern, Feuerwehrleuten und Polizisten aufzuhalten. Desweiteren sollte sich eine Erweiterung der Arbeitslosenversicherung angesichts einer Krise wie sie nur einmal in einem halben Jahrhundert vorkommt von selbst verstehen.

Bedauerlicherweise ist auch eine keynsianische Nachfragesteuerung kein Allheilmittel. Zudem kann die Regierung nicht immer der letztmögliche Arbeitgeber sein. Steuersenkungen fördern zwar die langfristige Produktivität, aber eine Ausweitung des staatlichen Sektors ist kaum ein Rezept für wirtschaftliche Dynamik. Es gibt sicherlich viele sinnvolle Aktivitäten, die die Regierung in einer Marktwirtschaft unternehmen kann, aber eine hektische Ausgabenorgie zur Ankurbelung der Wirtschaft ist einer rationalen Diskussion darüber, wie diese Aktivitäten gestaltet sein sollten, nicht förderlich. Und dann ist da natürlich erneut das Problem der rapide zunehmenden Staatsverschuldung.

Im Großen und Ganzen scheint die Politik der G-20 auf eine allmähliche Stabilisierung der wachsenden Staatsschulden abzuzielen und diese bis zum Jahr 2016 mit dem Wachstum des Nationaleinkommens in Einklang zu bringen ein vernünftiger Ansatz, um kurzfristige Konjunkturimpulse gegen längerfristige finanzielle Risiken abzuwägen, auch auf Kosten anhaltender Arbeitslosigkeit.

Während Amerika fiskalpolitisch an seine Grenzen stößt, hat die Geldpolitik noch Handlungsspielraum, wie Notenbankchef Ben Bernanke kürzlich in einer Rede in Jackson Hole, Wyoming, ausführte. Da die Kreditmärkte beeinträchtigt sind, könnte die US-Notenbank mehr Staatsanleihen oder Wertpapiere kaufen, die mit Verbraucher- und Unternehmenskrediten besichert sind. Außerdem erwähnte Bernanke die Möglichkeit, das mittelfristige Inflationsziel der US-Notenbank vorübergehend anzuheben (eine Vorgehensweise, die ich im Dezember 2008 im Rahmen dieser Kolumne vorgeschlagen habe).

In Anbetracht des massiven Schuldenabbaus im öffentlichen und privaten Sektor, der uns bevorsteht, und meines anhaltenden Zynismus über die Fähigkeit des politischen und rechtlichen Systems in den USA Sanierungsmöglichkeiten zu schaffen, erscheinen mir zwei oder drei Jahre einer leicht erhöhten Inflation als beste vieler sehr schlechter Optionen und einer Deflation bei weitem vorzuziehen. Während die Notenbank nach wie vor zögert ihre langfristige Unabhängigkeit zu gefährden, gehe ich davon aus, dass sie die meisten, wenn nicht alle, der von Bernanke umrissenen Instrumente einsetzen wird bevor das hier vorbei ist.

Unterm Strich werden sich die Amerikaner viele Jahre in Geduld üben müssen, während der Finanzsektor sich regeneriert und die Wirtschaft langsam aus dem Loch klettert, in das sie gefallen ist. Die Regierung kann gewiss dabei helfen, man sollte allerdings vor Rattenfängern auf der Hut sein, die schnelle Lösungen propagieren.

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