Exit from comment view mode. Click to hide this space
Email | Print

Wer hilft den Armen?

PARIS – Während sich die Wirtschaftskrise verschärft und sich die Möglichkeit einer weiteren Rezession am Horizont abzeichnet, wird die zunehmende soziale Ungleichheit ein immer dringenderes Thema. Wie kann man in einem Land den Sinn für Solidarität und Verantwortung stärken? Wer schützt die Schwächsten der Gesellschaft?

Ich erinnere mich an eine Diskussion, die ich vor mehr als zehn Jahren in Berlin mit dem deutschen Theologen Hans Küng und Teilnehmern aus Amerika und Asien geführt habe. Das Thema war “Globalisierung und Ethik” – darunter ein Vergleich der Methoden, mit denen Europa, die USA und Asien die jeweils schwächsten Mitglieder der Gesellschaft schützen.

Alle Beteiligten waren sich einig, dass in den USA private Philanthropie, in Asien die Familie und in Europa der Staat zuständig ist. Aber alle stimmten überein, dass diese Modelle ihre Grenzen haben: In Asien war die Familie nicht mehr so zuverlässig wie früher, in den USA spielte der Staat eine größere Rolle als erwartet, und in Europa konnte er seine Rolle oft nicht ausreichend erfüllen.

Seitdem ist die Wirklichkeit noch komplizierter geworden: In Asien verliert die Familie weiter an Bedeutung. Trotz mancher sehr großzügiger Spender stößt die Philanthropie in den USA an ihre Grenzen. Und in Europa haben die Staaten mit Ausnahme einiger nordischer Länder nicht mehr Mittel und Willen, neue Verantwortung zu übernehmen.

Wer übernimmt also den Schutz der Schwächsten, wenn diese drei Akteure dazu immer weniger in der Lage sind? Bewegen wir uns in zu einer Welt der Inkompetenz und Ungleichheit?

Im Westen leiden unter der wirtschaftlichen Stagnation besonders die Ärmsten. Und in sich schnell entwickelnden Schwellenländern verschließen die Reichen die Augen vor den Leiden der Armen, so lang sie sich nicht wie in Saudi Arabien von politischen Aufständen bedroht fühlen.

In der Tat ignorieren die reichen Eliten in den Entwicklungsländern die arme Bevölkerung völlig. Brasilien und Indien sind dafür die schlimmsten Beispiele. Wirtschaftswachstum ist wichtig, reicht aber nicht aus: Wir brauchen zusätzlich ein starkes Gefühl für soziale Verantwortung.

Für das Versiegen der traditionellen Unterstützungsmechanismen der Armen nur die Globalisierung verantwortlich zu machen, wäre absurd. In erster Linie ist Globalisierung ein Kontext, eine Umgebung, auch wenn die Folgen der ersten großen Finanz- und Wirtschaftskrise des globalen Zeitalters den Graben zwischen den Superreichen und den Bettelarmen noch vergrößern.

Aber Globalisierung macht die Schwächsten unter uns besser sichtbar, und daher können wir das Fehlen sozialer Gerechtigkeit nicht mehr tolerieren. In einer Welt mit größerer Transparenz und gegenseitiger Abhängigkeit stehen die Reichen einer neuen Verantwortung gegenüber. Oder, genauer gesagt, wird die alte Verantwortung zum Schutz der Schwächsten schwieriger und dringender.

In einer immer komplexeren Welt brauchen wir möglicherweise einfache Lösungen. Man könnte sich nach Adam Smiths Prinzip des komparativen Vorteils richten: In Europa ist die staatliche Kompetenz stark, Asien verlässt sich immer noch auf die Familie, und die USA konzentrieren sich weiter auf individuelle Initiativen. Das Problem ist, dass in einer Welt universellen Leistungsvergleichs Lösungen immer mehr nach ihrer kulturellen Akzeptanz und ihrer Effizienz bewertet werden.

In Westeuropa beispielsweise steht der Ruf, dass alle Bürger zur Behebung der Schuldenkrise Opfer bringen müssen, der Wahrnehmung gegenüber, dass nicht alle den gleichen Beitrag leisten und die Sparmaßnahmen die soziale Ungleichheit verschärfen. Die einzige Antwort auf die Krise könnte darin bestehen, kurzfristig das Wachstum wiederherzustellen sowie mittel- und langfristig die Schuldenprobleme zu lösen.

Aber ohne eine viel größere Betonung sozialer Gerechtigkeit wird dies weder in Europa noch anderswo funktionieren. Auch wenn sich einige Superreiche wie kürzlich Warren Buffett beklagen, dass sie nicht genug Steuern zahlen müssen, kann die erleuchtete Großzügigkeit dieser glücklichen Minderheit – die Kapitalismus und Liberalismus retten will – sicher nicht als Modell für die Neureichen der Entwicklungsländer oder anderswo dienen. Lasst uns realistisch sein: Leute wie Buffett oder Bill Gates haben sogar unter den Reichsten der USA nur wenige Anhänger. Und können die asiatischen Gesellschaften wirklich die Verantwortung der Familie wiederbeleben?

Es scheint, dass die kulturellen Unterschiede im letzten Jahrzehnt durch die Globalisierung deutlich verringert wurden. Aber wenn es darum geht, die Schwächsten zu schützen und gegen steigende soziale Unterschiede zu kämpfen, bietet “globale Entkulturalisierung” vielleicht die Möglichkeit, die besten Seiten bestimmter Traditionen zu kombinieren. Vielleicht brauchen unsere Sozialsysteme eine neue Synthese des Staates, der Familie und der Philanthropie.

Reprinting material from this Web site without written consent from Project Syndicate is a violation of international copyright law. To secure permission, please contact us.

Exit from comment view mode. Click to hide this space

Comments (0)

You need to login in order to leave a comment. If you do not yet have an account, please register.

Show comments of
close

The two commenting options explained

Watch a 1 minute video
to discover how you can comment on the entire article or a specific paragraph. The two images below also explain the two ways of commenting.

1) Entire article comment
Once logged in, simply click inside the comment box where it says "Enter text here." Enter and post your comment.

2) Paragraph comment
Please log in first. Then click to the left of the desired paragraph. Your cursor will automatically move to the comments box. Enter and post your comment.

Top Project Syndicate commentaries

Email this article

Your name is required.

Your email is required.


Your friend's name is required.

Your friend's email is required.


A message is required.