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Wer wird die USA in den Schatten stellen?

WASHINGTON, D.C.: Laut Voltaire fiel das Römische Weltreich, „weil alles fällt“. Dem lässt sich, als allgemeine Aussage über den Niedergang, schwer widersprechen: Nichts hält ewig. Aber es hilft einem nicht viel weiter. Wenn man etwa über die amerikanische Dominanz in der heutigen Welt nachdenkt, wäre es schön, zu wissen, wann sich dieser Niedergang ereignen wird und ob die USA irgendetwas tun können, um das Unvermeidliche zu verzögern.

Zeitgenössische Kommentatoren verzweifelten am Römischen Reich schon viele hundert Jahre vor seinem schließlichen Zusammenbruch. Könnten die USA einen Weg finden, ihr Bestehen in ähnlicher Weise zu verlängern?

Einen wichtigen Beitrag dabei, der Diskussion dieses Problems eine grundlegende Struktur zu geben, leistet Arvind Subramanians neues Buch Eclipse: Living in the Shadow of China’s Economic Dominance. (Anmerkung: Subramanian und ich sind Kollegen am Peterson Institute for International Economics und haben in der Vergangenheit bei anderen Fragen zusammengearbeitet.)

Insbesondere hat Subramanian einen Index für wirtschaftliche Dominanz entwickelt, der überall dort, wo über Änderungen bei der weltweiten wirtschaftlichen Führung nachgedacht wird, zu einem Gesprächsfokus werden sollte. Man muss nichts von Ökonomie verstehen, um von diesem Buch fasziniert zu sein: Es geht dabei, schlicht und einfach, um Macht.

Die grundlegenden Fakten sind unbestreitbar. Großbritannien war die vorherrschende Wirtschaftsmacht der Welt, seit im frühen 19. Jahrhundert die Industrialisierung an Tempo gewann. Es verlor diese Vorherrschaft jedoch und wurde allmählich von den USA überholt, die zumindest seit 1945 die unbestrittene Führung unter den marktbasierten Volkswirtschaften innehaben.

Die USA zogen, was die Industrieproduktion anging, schon Ende des 19. Jahrhunderts an Großbritannien vorbei, doch reichte dies nicht, um das bestehende Gleichgewicht umzukehren. Die wirtschaftliche Vorherrschaft verlagerte sich erst, als Großbritannien während der beiden Weltkriege große Leistungsbilanzdefizite anhäufte – das Land musste sich schwer verschulden, um seine Kriegsanstrengungen zu finanzieren, und die Importe übertrafen die Exporte bei weitem. Ein Großteil der weltweiten Goldreserven landete so in den Händen der USA.

Dies half, die Rolle des britischen Pfundes international zu untergraben, und katapultierte den US-Dollar in den Vordergrund – insbesondere nach der Konferenz von Bretton Woods 1944, auf der vereinbart wurde, dass die Länder ihre Währungsreserven in Dollar und in Gold halten würden.

In letzter Zeit freilich waren es die Amerikaner, die ständig hohe Leistungsbilanzdefizite aufwiesen, indem sie mehr von der übrigen Welt kauften, als sie mit dem Verkauf ihrer Waren und Dienstleistungen im Ausland verdienten. Auf dieser Ebene sieht es ganz danach aus, als würden die USA den Fehler der Briten wiederholen.

Zugleich hat das Pro-Kopf-Einkommen der Schwellenländer zugenommen – und ebenso ihre internationale Rolle. Insbesondere China hat während der letzten etwa zehn Jahre eine Strategie verfolgt, die große Leistungsbilanzüberschüsse und den Aufbau von Devisenreserven vorsieht; Letztere belaufen sich Berichten zufolge inzwischen auf über drei Billionen Dollar. Tatsächlich ist Subramanians provozierendstes Argument, dass China die USA, was die wirtschaftliche Dominanz angeht, bereits überholt hat – nur dass wir diese neue Realität noch nicht begriffen haben.

Subramanians Geschichte ist faszinierend und gut erzählt, aber es gibt noch eine ganze Menge, über das man streiten kann. Zum Beispiel: Beruhte der britische Niedergang darauf, dass die USA nicht zu stoppen waren, oder auf den Problemen innerhalb des Britischen Weltreichs und im eigenen Lande?

Noch vor wenigen Jahren vertraten einige die Ansicht, dass Japan die USA überholt habe. Auch Europa konkurrierte angeblich um die globale wirtschaftliche Vorherrschaft. Heute würden derartige Behauptungen grotesk erscheinen. In beiden Fälle geriet das Kreditsystem außer Kontrolle – in Japan durch eine überhöhte Kreditvergabe an den privaten Sektor während der 1980er Jahre und in der Eurozone durch eine übermäßige staatliche Kreditaufnahme in den 2000er Jahren.

In ähnlicher Weise bleibt unklar, ob die chinesische Entwicklung weiter reibungslos ablaufen wird. Die Anlageinvestitionen in China belaufen sich auf nahezu 50% vom BIP – das muss Weltrekord sein. Der Umfang der Kredite an staatliche Unternehmen und Haushalte wächst weiter rasant. Ist dies nicht eine Variante genau jener Entwicklung, die das japanische Wachstum aus den Schienen warf?

Was das zentrale Problem einer Reservewährung angeht, die Anleger und Regierungen gerne annehmen, so hat Subramanian Recht: China erfüllt viele der Voraussetzungen. Aber ihm fehlen noch immer einige zentrale Elemente, u.a. voll entwickelte Eigentumsrechte. Wenn Sie sich Sorgen machen, ob Sie in schwierigen Zeiten ihr Geld aus einem Land herauskriegen, dann ist China kein attraktiver Ort, um Ihre Reserven zu halten.

Manchmal führen externe Herausforderungen zum Niedergang von Staaten. Häufiger jedoch liegen die großen Probleme im Innern – das Regime kann kein Wachstum gewährleisten, seine Legitimität schwindet, und die Menschen beginnen, zum Ausgang zu streben (oder zumindest ihr Geld abzuziehen).

Sollten die USA irgendwann in nächster Zeit in den Schatten gestellt werden, dürfte der Grund dafür eher im Verlust ihres sozialen Zusammenhalts und ihrer dysfunktionalen Politik liegen. Es mag durchaus sein, dass China dann das Vakuum füllt, aber das ist etwas ganz Anderes als die Fähigkeit, Amerika aus eigener Kraft zu verdrängen.

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