Tuesday, September 2, 2014
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Wer soll an die Spitze der Weltbank?

WASHINGTON – Wenn Robert Zoellick im Juni sein Amt als Präsident der Weltbank aufgibt, wird es erneut um die heikle Frage gehen, wer an die Spitze der Bretton-Woods-Zwillinge (Weltbank und Internationaler Währungsfonds) treten soll. Bei ihrer Geburtsstunde warnte John Maynard Keyton davor, dass diese Institutionen, wenn sie keine guten Präsidenten bekämen, „in einen ewigen Schlaf verfallen würden“, und dass man „niemals mehr etwas von ihnen in den Gerichten und auf den Märkten der Menschheit hören würde“.

Wenn man einen guten Präsidenten finden will, benötigt man natürlich einen sorgfältigen Auswahlprozess. Zurzeit steckt die Welt jedoch in genau dem Gegenteil: einem schrecklich antiquierten Prozess, bei dem die USA und Europa trotz ihrer wirtschaftlichen Probleme ein Monopol auf die jeweilige Präsidentschaft von Bank und IWF besitzen.

Man sieht zwar ein, dass sich dieses System ändern muss, aber die Kräfte, die den Status Quo fortschreiben – der Widerstand Europas und der USA gegen eine Veränderung und die Passivität der Schwellenländer – sind noch immer sehr wirkungsvoll, wie die Ernennung von Christine Lagarde zur IWF-Chefin bewies. Die Wahlkampfpolitik in den USA wird diese Kräfte weiter stärken, Präsident Obamas Administration wird ein Symbol für globale Macht nicht so einfach aufgeben, weil er sich nicht Führungsschwäche vorwerfen lassen will.

Aber man würde es sich auch zu leicht machen, wenn man lediglich auf das Offensichtliche hinwiese, nämlich, dass die Bank ein neues Auswahlverfahren benötigt, damit die am besten qualifizierte Person gefunden werden kann, unabhängig von deren Nationalität. Viel schwieriger ist es, die Qualifikationen zu benennen, die man für das Spitzenamt der Weltbank mitbringen muss, wenn die Rolle der Bank gleichzeitig an weit reichende globale Veränderungen angepasst werden muss.

Zum ersten Mal seit langer Zeit befinden sich zahlreiche Entwicklungsländer auf Erfolgskursund wird die Liste der positiven Entwicklungen immer länger. Das bedeutet, dass viele der ärmsten Länder auf die Darlehensvergabe der Bank zu Vorzugsbedingungen nach und nach nicht mehr angewiesen sein werden.

Die Agentur der Bank für Darlehen zu Marktpreisen, die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, wird ihr Grundprinzip höchstwahrscheinlich beibehalten, besonders da Dreiviertel der Ärmsten der Welt jetzt in Ländern mit mittlerem Einkommen leben. Aber erleichterter Zugang zu privater Finanzierung wird zwangsläufig eine Neubewertung der Methoden der IBWE und den Umfang ihrer Kreditvergabe herbeiführen. Länder könnten zum Beispiel von der Bank weiterhin neutrale Beratung und das Setzen von Standards für Beschaffung und Qualität verlangen, aber ohne die hohen Transaktionskosten, die für das Bankwesen so typisch geworden sind.

Gleichzeitig globalisieren sich die Entwicklungsherausforderungen verstärkt – Klimawandel, geringe landwirtschaftliche Produktion, wachsende Wasserknappheit. Anstatt hauptsächlich Regierungen Geld zu leihen, werden Banken künftig die Bereitstellung globaler öffentlicher Güter finanzieren.

Erfolgreichere Entwicklungsländer sind auch eine intellektuelle Herausforderung für die Bank als Hüterin von Forschung und Politik im Bereich Entwicklungswirtschaft. Die Bank, die sich hauptsächlich auf US-amerikanische Bildungszentren bezieht, kann nicht länger ein einziges Modell vertreten oder eine allgemeingültige Schablone anwenden. Man muss der Fairness halber sagen, dass sich die Bank dem Eklektizismus verschrieben hat, aber ein neuer Präsident muss weiter gehen, indem er immer auch den spezifischen Kontext und die Anforderungen eines jeden Darlehensnehmers und ein breiteres Spektrum an erfolgreichen Entwicklungserfahrungen berücksichtigt.

Die wichtigsten Aktionäre der Bank stehen auch vor einer schwierigen Wahl. Wenn sie glauben, dass der Bank eine bedeutsame Zukunft bevorsteht, die unterstützenswert ist, dann kommen die dazu nötigen Mittel aus den schnell wachsenden Schwellenländern, nicht aus dem verschuldeten Westen (damit ist natürlich China gemeint, aber sogar Brasilien und Indien haben wachsende Hilfsprogramme). Im Gegenzug werden sie berechtigterweise ein größeres Mitspracherecht bei der Leitung der Bank verlangen, besonders, wenn sich der Fokus der Bank mehr in Richtung globale öffentliche Güter verschiebt.

Aber wenn die Status-Quo-Mächte ihren Einfluss nicht aufgeben wollen, wird das System offizieller internationaler Finanzen, das in Bretton Woods eingerichtet wurde, zunehmend zerstückelt. Länder wie China werden in dem Glauben bestärkt, dass ein Alleingang die beste Lösung sei, mit allen negativen Folgen für den Multilateralismus.

Diese dramatischen Veränderungen und Herausforderungen bedeuten, dass der nächste Präsident oder die nächste Präsidentin der Weltbank jemand sein muss, dessen vorrangige Aufgabe es ist, Veränderungen herbeizuführen und zu verstetigen und sich gleichzeitig der Unterstützung der Mitglieder der Bank zu versichern. Er oder sie wird auch nachweisliche politische Führungsqualitäten benötigen sowie die Grundüberzeugung, dass die Bank eine neue Vision und einen neuen Weg in die Zukunft braucht.

Es ist unabdingbar, dass der Auswahlprozess erweitert wird, um die Suche nach Kandidaten zu erweitern, die sich der veränderten Realitäten bewusst sind und die Schlüsselqualifikationen besitzen. Das bedeutet nicht, dass man eine verdiente Kandidatin wie Hillary Clinton von vornherein ausschließen sollte, aber es bedeutet eben auch, dass man sorgfältig nach anderen Ausschau hält, wie den ehemaligen Präsidenten Luiz Inázio da Silva aus Brasilien und Ernesto Zedillo aus Mexiko, Ngozi Okonjo-Iweala, der Wirtschaftszarin aus Nigeria, Mo Ibrahim, einem Beispiel für unternehmerischen Erfolg in Afrika, Nandan Nilekani, dem ehemaligen indischen Software-Mogul und jetzigen Entwicklungsbeamten oder Andrew Sheng aus Malaysia, einem renommierten ehemaligen Finanzregulierer.

Das gegenwärtige Auswahlverfahren verliert in einer sich verändernden Welt seine Legitimität und birgt das große Risiko des Scheiterns in sich, falls sich der Kandidat als nicht geeignet herausstellt. Die Folgen, sollte das Verfahren nicht geändert werden, mögen nicht so dramatisch sein, wie von Keynes prophezeit, aber es besteht die reale Möglichkeit, das die Bank zu einer Institution versteinert, deren zunehmend verarmten G-7-Geber immer kleinere Summen auf dieselbe fragwürdige Art und Weise immer weniger Antragstellern zur Verfügung stellen.

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