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Wie sollte Bretton Woods II aussehen?

NEW YORK – Diejenigen unter uns, die schon lange auf die Notwendigkeit einer umfassenden Reform des internationalen Finanzsystems hinweisen, begrüßen die Forderung nach einem „Bretton Woods II“ durchaus. Natürlich gab es nach den Krisen in Asien und Russland in den Jahren 1997 und 1998 ähnliche Forderdungen, die aber von den reichen Industrieländern nicht ernst genommen wurden. Jetzt, da diese Länder selbst im Zentrum des Sturmes stehen, wird sich das vielleicht ändern.

Mit dieser Forderung nach Reformen gibt es zwei grundlegende Probleme. Erstens fehlt es an Inhalt: Es ist nicht klar, worum es bei möglichen Bretton Woods II-Gesprächen gehen soll. Zweitens wurde der Prozess falsch in Angriff genommen, indem man die meisten Länder von den Gesprächen ausschloss. Für die G-7-Länder oder für einen Teil dieser Länder ist es klarerweise von Vorteil, die Führungsrolle zu übernehmen, aber eine grundlegende Reform kann nicht ohne einen umfassenden Prozess gelingen, im Rahmen dessen Industriestaaten und Entwicklungsländer, sowie große und kleine Länder adäquat vertreten sind. Nicht ad hoc gebildete Ländergruppen, sondern globale Institutionen müssen das Herz der Reformbemühungen bilden. 

Die vordringlichste Frage ist momentan die Korrektur des Regulierungsdefizits, das die weltweiten Finanzmärkte beherrscht. Zunächst muss man sich in den Gesprächen über Prinzipien der Regulierung einigen. Klar ist, dass es sich um umfassende Regulierungen handeln muss, damit die massiven Schlupflöcher gestopft werden, die in das derzeitige Chaos geführt haben. 

Außerdem sollten diese Regulierungsbestimmungen einen stark antizyklischen Schwerpunkt haben, indem man exzessive Ansammlung von Fremdkapital unterbindet,  Kapital und Rückstellungen (Reserven) in guten Zeiten erhöht und verhindert, dass Vermögenspreisblasen wiederum zu einer Kreditexpansion führen. Die Praxis, dass Finanzinstitutionen ihre Risiken selbst bewerten -  ein Grundpfeiler von Basel II über Bankenregulierung – sollte verworfen werden. Diese Strategie hat sich als gefährlich erwiesen und die Anwendung ähnlicher Risikomodelle durch Finanzinstitutionen kann zu größerer Instabilität führen.

Jedes neue Regulierungssystem sollte auf einem gut funktionierenden Netzwerk nationaler und regionaler Behörden beruhen (das es in der EU noch immer nicht gibt) und eine wirklich internationale Überwachung der Finanzinstitutionen vorsehen. Es besteht breiter Konsens darüber, dass der Internationale Währungsfonds nicht im Zentrum eines Regulierungssystems stehen soll. Die Bank für internationalen Zahlungsausgleich und der Basler Ausschuss wären dazu besser geeignet. Allerdings bedarf es einer grundlegenden Reform zur Verbreiterung ihrer Mitgliedschaft, um ein Hauptproblem des Basler Ausschusses zu beseitigen: die mangelhafte Vertretung der Entwicklungsländer.

In die Reform des  IWF sollten drei zentrale Aspekte einbezogen werden. Erstens die Notwendigkeit einer wirklich globalen Reservewährung, die vielleicht auf den Sonderziehungsrechten (SZR) des IWF basiert. Damit würde man sowohl Ungleichgewichte als auch die Instabilität eines globalen Reservesystems beseitigen, das auf einer nationalen Währung beruht. Das derzeitige System leidet unter zyklischen Veränderungen des Vertrauens in den Dollar und unter regelmäßigen Schocks aufgrund amerikanischer Strategien, die unabhängig von ihren weltweiten Auswirkungen verfolgt und damit dem Rest der Welt aufgezwungen werden.

Zweitens besteht die Notwendigkeit, den IWF und nicht die G-7 – oder sonst ein „G“ – als Koordinationszentrum für globale makroökonomische Politik einzusetzen. Das ist die einzige Möglichkeit, den Entwicklungsländern eine Stimme zu geben. Die im Jahr 2006 vom IWF lancierte multilaterale Überwachung globaler Ungleichgewichte war zwar ein interessanter Schritt in diese Richtung, aber es fehlte am entsprechenden Engagement der Beteiligten und obendrein war der Entwurf zahnlos.

Der dritte Aspekt ist der große Bedarf in den Entwicklungsländern. Der IWF sollte in Zeiten von Zahlungsbilanzkrisen Kredite rasch und ohne überbordende Bedingungen vergeben, vor allem, wenn der Krise eine abrupte Umkehr der Kapitalflüsse oder eine Verschlechterung der Handelsbedingungen zugrunde liegt.  Das würde den IWF zu einer Art Zentralbank machen, die unmittelbar Liquidität zur Verfügung stellen kann, so wie es die Zentralbanken in den Industrieländern in letzter Zeit vorgeführt haben. Im Fall des IWF könnte diese Liquidität durch antizyklische Zuteilung von SZR erfolgen.

In allen diesen Bereichen sollte sich der IWF regionale Institutionen aktiver zunutze machen. Ein Jahrzehnt lang habe ich geraten, den IWF der Zukunft als Spitze eines Netzwerks regionaler Reservefonds zu sehen – als ein System also, das im Aufbau eher der Europäischen Zentralbank oder dem Federal Reserve-System der USA gleicht. 

Ein ähnliches institutionelles Konzept könnte man im Bereich der Bankenaufsicht umsetzen. Ein dichteres institutionelles Netzwerk scheint für eine heterogene internationale Gemeinschaft besser geeignet, würde nützlichere Dienste anbieten und den kleineren Ländern mehr Gewicht einräumen.

Ein wesentliches Manko der derzeitigen internationalen Finanzarchitektur ist schließlich das Fehlen eines institutionellen Rahmenwerks – also eines Gerichtshofs wie es ihn auch in nationalen Ökonomien für Insolvenzverfahren gibt  – um mit übermäßigen Schulden auf internationaler Ebene umzugehen. Das gegenwärtige System basiert auf  Ad-hoc-Mechanismen, die generell zu spät eingesetzt werden, nachdem eine hohe Verschuldung bereits zu verheerenden Auswirkungen geführt hat. Der einzige institutionelle Mechanismus in diesem Zusammenhang ist der Pariser Club, der sich ausschließlich mit Fragen der Umschuldung und des Schuldenerlasses beschäftigt.   Bretton Woods II sollte dieses Problem durch die Schaffung eines internationalen Schuldengerichtshofs lösen.

Durch die derzeitige Finanzkrise wurde die Notwendigkeit einer Reform der internationalen Finanzarchitektur offenkundig. Aber jede Forderung nach einem „Bretton Woods II“ muss konkrete Inhalte aufweisen. Mit auf die Agenda müssen ein globales System zur Bankenaufsicht und Überwachung, ein erneuerter IWF, der eine globale Reservewährung verwaltet, die weltweite makroökonomische Politik koordiniert und flexible Kreditlinien anbietet sowie ein internationaler Schuldengerichtshof.

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