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Welche Nachrichten bewegen die Märkte?

Die Aktienmärkte in einem Großteil der Welt haben seit ungefähr dem 10. Mai deutliche Kursverluste hinnehmen müssen. Die meisten davon ereigneten sich in den zwei Wochen bis etwa zum 23. Mai; im Durchschnitt jedoch sind die Kurse seitdem weiter fallen. Weisen diese Probleme an den internationalen Börsen auf Probleme für die Weltwirtschaft hin?

Lassen Sie uns die stärksten Kursverluste betrachten. Bei den wichtigsten nationalen Indices erfolgte der größte Crash in Indien, wo die Aktienkurse vom 10. bis zu 23. Mai um 16,9% fielen. Das Debakel auf der anderen Seite des Erdballs war nahezu ebenso groß, und die Höchst- und Tiefststände wichen nur zwei Tage von jenen in Indien ab: In Argentinien gaben die Kurse um 16,1% nach, in Brasilien um 14,7% und in Mexiko um 13,8%.

Auch die europäischen Märkte erlitten hohe Verluste. In Schweden sanken die Kurse zwischen dem 9. und 22. Mai um 15,2%; in fast demselben Zeitraum fielen sie in Deutschland um 9,7%, in Frankreich um 9,4% und in Großbritannien und Italien um 9,3%. In Asien fielen die Kurse in fast genau demselben Zeitraum von relativen Höchstständen auf relative Tiefstände – in Korea um 11,5%, in Hongkong um 9,3% und in Japan um 8%.

Viele Kommentatoren sind bemüht, diese Vorgänge an den Entwicklungen in den Vereinigten Staaten festzumachen. Aber in den USA fielen die Aktien zwischen dem 9. und 24. Mai lediglich um 5,2%. Ebenso wenig scheint China hinter dem weltweiten Kursrückgang zu stecken, da die Kurse dort während dieses Zeitraums sogar stiegen.

Die Standarderklärung der Ökonomen stellt die Geldpolitik in den Mittelpunkt. Im Zuge der großen Deflationsangst des Jahres 2003 senkten die Zentralbanken weltweit die Zinsen und lösten damit spekulationsbedingte Aufschwünge sowohl auf dem Aktien- als auch auf dem Häusermarkt aus. Jetzt jedoch, so diese Sichtweise, machen sich steigende Zinsen unangenehm bemerkbar, was für die Zukunft weitere Kursrückgänge erwarten lässt.

Hierin steckt zweifellos ein wichtiges Körnchen Wahrheit. Die US Federal Reserve hob die Zinsen am 10. Mai tatsächlich, und ihr Chairman, Ben Bernanke, deutete die Möglichkeit weiterer Zinserhöhungen an. Am 17. Mai wurden sich verschlechternde Inflationsdaten gemeldet, was darauf hindeutet, dass eine weitere Straffung der Geldpolitik bevorsteht.

Die Ökonomen betrachten die Welt gern als logisch und beherrschbar – und implizieren damit, dass sie verstehen, was in ihr vor sich geht. Aber indem sie dies tun, bewerten sie die Rolle der Zentralbank häufig über. Tatsächlich war die Zinserhöhung in den USA nur eine in einer ganzen Reihe von Zinserhöhungen – die 16. in Folge. Keine andere wichtige Zentralbank hat nach den Kursverlusten an den Aktienmärkten bis zum 7./8. Juni die Zinsen erhöht, als dann mehrere es taten (die EZB und die Zentralbanken Indiens, Südkoreas, Südafrikas, Thailands und der Türkei).

Ein weiterer Faktor ist der Ölpreis, der zwischen dem 22. März und dem 2. Mai um 24% anstieg und dabei mehrere absolute Höchststände aufstellte. Dies war mit Sicherheit ein wichtiges Ereignis, und es leuchtet ein, dass es Auswirkungen auf die Aktienmärkte überall auf der Welt haben könnte. Ölpreiserhöhungen haben zu praktisch allen wirtschaftlichen Rezessionen seit dem Zweiten Weltkrieg beigetragen.

Allerdings fallen die Ölpreiserhöhungen nicht in das Zeitfenster Mitte Mai, als die Indices am deutlichsten nachgaben. Wer argumentiert, dass steigende Ölpreise die Kursverluste am Aktienmarkt verursachten, setzt voraus, dass die Aktienmärkte mit mehrwöchiger Verzögerung reagierten.

Nun agieren Aktienmärkte nicht unbedingt besonders logisch, und so könnte eine verzögerte Reaktion auf die Ölpreisschocks vorliegen. Wie bei allen anderen Preisen auf den Finanzmärkten ruft eine Erhöhung auch hier Aufmerksamkeit hervor. Wenn die Ölpreise in die Höhe schießen, achten die Menschen auf mit den Ölpreisen zusammenhängende Nachrichten und unterhalten sich verstärkt über die Ölpreisentwicklung – was eine zunehmende Sensibilisierung für derartige Nachrichten bewirkt.

Die Krise im Nahen Osten, die die Nachrichten im Mai beherrschte, steht mit den Ölpreisen im Zusammenhang. Möglicherweise haben die Anleger aufgrund der Ölpreiserhöhungen unheilverkündende Hinweise und die drohende Wortwahl verschiedener politischer Akteure verstärkt wahrgenommen. So erklärte am 8. Mai der stellvertretende israelische Ministerpräsident Shimon Peres in Reaktion auf feindselige Äußerungen des iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinedschad : „Der Präsident des Iran sollte sich vergegenwärtigen, dass auch der Iran von der Landkarte gewischt werden kann.“

In ähnlicher Weise berichteten die Zeitungen am 13. Mai, etwa zum Beginn der Kursstürze an den Börsen, dass Ahmadinedschad bei seinem Besuch in Indonesien – dem bevölkerungsreichsten mehrheitlich muslimischen Land der Welt – von Studenten von zweien der Topuniversitäten des Landes mit stehenden Ovationen bedacht worden sei. Diese Meldung mag als Beleg dafür interpretiert worden sein, dass sich Ahmadinedschads Konfrontationskurs in der Nuklearfrage für diesen politisch auszahlt – was der Vorstellung Auftrieb gegeben haben mag, dass die gespannte Lage im Nahen Osten zu sogar noch höheren Ölpreisen führen könnte.

Diese Nachrichtenmeldungen mögen dem Anschein nach viel weiter weg sein vom Aktienmarkt als die Geldpolitik. Aber die öffentliche Reaktion auf sie – zusammen mit dem jüngsten Anstieg der Ölpreise – mag zu einem guten Teil für die Änderung der Marktpsychologie verantwortlich sein. Die Risikobereitschaft ändert sich im Laufe der Zeit, und Ereignisse wie Ahmadinedschads und Peres’ Äußerungen können solche Änderungen auslösen. Derartige Dinge geschehen auf schwer quantifizierbare Weise. Trotzdem sollten die Analysten bei ihren Versuchen, die Entwicklung an den weltweiten Aktienmärkten vorherzusagen, den Äußerungen Ahmadinedschads möglicherweise ebenso viel Aufmerksamkeit schenken wie jenen Bernankes.

Es mag den Ökonomen nicht gefallen, Ihr Augenmerk auf die Haltung der Öffentlichkeit und ihr Zusammenspiel mit Preisänderungen, weltweiten Nachrichtenmeldungen und Spekulationsdynamiken zu konzentrieren. Schließlich würden sie damit eingestehen, dass wirtschaftliche Ereignisse weniger vorhersagbar (und die Ökonomen selbst weniger allwissend) sind, als sie es gerne hätten. Aber ein derartiger Blickpunkt ergibt intuitiv einen Sinn. Was bewegt die Anleger wirklich? Ahmadinedschad ist eine charismatische Gestalt; Bernanke ist es nicht. Ahmadinedschad verfolgt einen abenteuerlichen Kurs; Bernanke tut es nicht. Und, vielleicht am wichtigsten: Ahmadinedschad ist ein destabilisierender Einfluss, Bernanke ist es nicht.

Tatsächlich weist der weltweite Fall der Aktienkurse Mitte Mai, was immer seine letztliche Ursache sein mag, auf eine instabile Marktpsychologie hin. Es ist schwer vorstellbar, dass er nur an den Ansichten über die vermutliche Geldpolitik festzumachen ist und nicht an umfassenderen und tiefer greifenden, für die weltwirtschaftliche Entwicklung grundlegenden Problemen – einschließlich der Energieversorgung und der politischen Spannungen.

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