Thursday, April 24, 2014
Exit from comment view mode. Click to hide this space
13

Was man für Geld kaufen kann

CHICAGO – In seinem kürzlich erschienenen, interessanten Buch, What Money Can’t Buy: The Moral Limits of the Market, zeigt der Harvard-Philosoph Michael Sandel die Dinge auf, die man in modernen Gesellschaften für Geld kaufen kann, und versucht, auf sanfte Weise unsere Empörung über die wachsende Dominanz der Märkte zu schüren. Hat er damit recht, dass wir beunruhigt sein sollten?

Sandel macht sich über die korrumpierende Natur einiger monetärer Transaktionen Sorgen (entwickeln Kinder wirklich eine Liebe zum Lesen, wenn sie dafür bestochen werden, Bücher zu lesen?) und kritisiert den ungleichen Zugang zu Geld, was Handel, bei dem Geld im Spiel ist, an sich ungleich macht. Allgemeiner betrachtet hat er Angst, dass die Zunahme anonymen Geldaustauschs den sozialen Zusammenhalt zerrüttet, und setzt sich für die Reduzierung der Rolle des Geldes in der Gesellschaft ein.

Sandels Sorgen sind nicht ganz neu, aber seine Beispiele sind beachtenswert. In den Vereinigten Staaten bezahlen manche Unternehmen Arbeitslose dafür, für kostenlose öffentliche Eintrittskarten für Kongressanhörungen Schlange zu stehen.. Dann verkaufen sie die Karten an Lobbyisten und Unternehmensanwälte, die an der Anhörung interessiert sind, aber zu wenig Zeit haben, sich selbst in die Schlange zu stellen.

Sicherlich sind öffentliche Anhörungen ein wichtiges Element der partizipatorischen Demokratie. Alle Bürger sollten gleichen Zugang zu ihnen haben. Der Verkauf der Zugangsrechte scheint also eine Perversion demokratischer Prinzipien zu sein.

Das grundlegende Problem dabei ist allerdings die Knappheit. Im Raum einer besonders wichtigen Anhörung ist vielleicht nicht genügend Platz für alle, die daran Interesse haben. Also müssen wir den Eintritt “verkaufen”.. Entweder ermöglichen wir Menschen, ihre Zeit einzusetzen (indem sie Schlange stehen), oder wir können die Plätze für Geld versteigern. Das erstere erscheint uns fairer, da alle Menschen offensichtlich mit gleich viel Zeit auf die Welt kommen. Aber hat eine allein erziehende Mutter mit einem aufreibenden Job und drei kleinen Kindern ebenso viel Zeit wie ein Student in der Sommerpause? Und ist es für die Gesellschaft besser, wenn sie als Anwältin für einen großen Konzern einen Großteil ihrer Zeit damit verbringt, Schlange zu stehen?

Ob es besser ist, Eintrittskarten für Zeit oder für Geld zu verkaufen, hängt also davon ab, was wir erreichen wollen. Wenn wir die Produktivitätseffizienz der Gesellschaft verbessern wollen, ist die Bereitschaft der Menschen, mit Geld zu bezahlen, ein vernünftiger Indikator dafür, wieviel Gewinn sie sich durch den Zugang zu der Anhörung versprechen. Dann ist es sinnvoll, Eintrittskarten für Geld zu versteigern – die Rechtsanwältin trägt mehr zur Gesellschaft bei, wenn sie Schriftstücke aufsetzt, als wenn sie in der Schlange steht.

Auf der anderen Seite ist es wichtig, dass junge, leicht zu beeindruckende Bürger sehen, wie ihre Demokratie funktioniert, und dass wir dadurch soziale Solidarität schaffen, dass Unternehmensführer gemeinsam mit arbeitslosen Teenagern Schlange stehen. Dann ist es sinnvoll, Menschen dazu zu zwingen, ihre Zeit einzusetzen und die Eintrittskarten nicht übertragbar zu machen. Aber wenn wir der Ansicht sind, dass beide Ziele – Effizienz und Solidarität – eine Rolle spielen sollten, können wir vielleicht akzeptieren, dass Arbeitslose dafür angestellt werden, für viel beschäftigte Rechtsanwälte Schlange zu stehen, so lange letztere nicht alle Plätze für sich beanspruchen.

Wie verhält es sich mit dem Verkauf von menschlichen Organen, einem weiteren Beispiel, worüber sich Sandel sorgt? Wenn eine Lunge oder eine Niere für Geld verkauft wird, scheint uns das falsch zu sein. Auf der anderen Seite feiern wir die Großzügigkeit eines Fremden, der einem kleinen Kind eine Niere spendet. Also ist es offensichtlich nicht die Transplantation des Organs selbst, die uns erzürnt – wir glauben nicht, dass der Spender sich nicht über den Wert der Niere im Klaren ist oder zu ihrer Abgabe gezwungen wurde. Auch sorgen wir uns anscheinend nicht über die Skrupel der Person, die das Organ verkauft – immerhin trennt sie sich unwiderruflich von etwas für sie sehr wertvollem, für einen Preis, den wenige von uns akzeptieren würden.

Ich glaube, dass ein Teil unseres Unwohlseins mit den Umständen zu tun hat, unter denen die Transaktion stattfindet. Was ist das für eine Gesellschaft, in der Menschen ihre Organe verkaufen müssen, um zu überleben?

Aber auch wenn uns ein Verbot von Organverkäufen vielleicht erleichtern würde, ist die Frage, ob es für die Gesellschaft gut wäre. Möglicherweise dann, wenn sie sich mehr Mühe gibt, sicherzustellen, dass Menschen nie in die Situation geraten, darüber nachdenken zu müssen, ein lebenswichtiges Organ zu verkaufen. Vielleicht aber auch nicht, wenn es dazu führt, dass die Gesellschaft das zugrunde liegende Problem ignoriert – und sich der Handel in den Untergrund verlagert oder Menschen in Notsituationen dazu gezwungen sind, noch schlechtere Alternativen zu wählen.

Dann wiederum hat ein Teil unserer Unruhe damit zu tun, dass wir den Handel als ungleichen Austausch wahrnehmen. Der Verkäufer gibt in einer unwiderruflichen Transaktion einen Teil seines Körpers her. Der Käufer gibt nur sein Geld – das er vielleicht durch einen erfolgreichen Handel an der Börse oder einen überbezahlten Job bekommen hat. Hätte er das Geld durch den Verkauf eines Teils seiner Lunge oder durch harte Arbeit und langes Sparen erhalten, würden wir den Handel als gerechter empfinden.

Natürlich liegt der Hauptvorteil von Geld gerade in seiner Anonymität. Um den Euroschein nutzen zu können, muss ich nichts über ihn wissen. Die Tatsache aber, dass die Anonymität des Geldes seine Herkunft verschleiert, könnte es für manche Objekte als Zahlungsmittel weniger akzeptabel machen.

In beiden Beispielen – Eintrittskarten für den Kongress und Organverkäufe – schlägt Sandel die Reduzierung der Rolle des Geldes vor. Aber Geld bietet für die Durchführung von Transaktionen viele Vorteile – und deshalb wird es so allgegenwärtig verwendet. Also liegt die wichtigste Botschaft vielleicht darin, dass die Toleranz der Gesellschaft gegenüber der Monetarisierung proportional zur Legitimität ist, die der Verteilung des Geldes zugesprochen wird.

Je mehr Menschen glauben, dass das Geld in Besitz derjenigen ist, die hart arbeiten und es verdienen, desto mehr sind sie gewillt, monetäre Geschäfte zu tolerieren (obwohl manche Transaktionen immer noch als inakzeptabel gelten können). Aber wenn Menschen dagegen glauben, dass das Geld überwiegend denen gehört, die gute Beziehungen haben oder unehrlich sind, sind sie weniger bereit, monetäre Transaktionen zu tolerieren.

Anstatt Geldgeschäfte zu verbieten, sollten wir uns von den Beispielen Sandels eher angesprochen fühlen, weiter daran zu arbeiten, die wahrgenommene Legitimität der Verteilung des Geldes zu verbessern.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Exit from comment view mode. Click to hide this space
Hide Comments Hide Comments Read Comments (13)

Please login or register to post a comment

  1. CommentedMukesh Adenwala

    There is one more aspect that would need to be considered - that of values. Can a society live with efficiency as its only value? If not, what other values we need? As yet there is no consensus on that and that could be reason for this debate.
    I am of the opinion that the society maybe able to but should not be allowed to flourish without a set of values because such efficiencies cannot be sustained. Efficiency is also embodied in eugenics and prostitution. It can be argued that gambling can increase the size of the market because more people would be willing to lose a small sum of money to get a chance to `win' a product than the people who can afford to buy that product. I wonder, what kind of society would we live in if each of these are allowed.
    Whereas it is true that mere values cannot allow the society to flourish, arguing solely on the basis of efficiency also remains flawed.

  2. CommentedKarthik M

    How about lucky? How would you percieve the legitimacy of money’s distribution then?
    I worry that, by the tone of this article, Sandel's worries aren't your worries.

  3. CommentedSarchis Dolmanian

    How about understanding, at last, that money is a tool and not a goal?
    And, as such, the way we use it and the consequences of this are our individual and collective responsibility?

  4. CommentedKarthik M


    I agrue for the corruption side of the argument so I disagree with your article.
    What is at stake is not only what money can or cannot buy but rather also what money should and should not buy. Sandel was too polite in his book.
    A man's kidney need not be bought with money. And in the case you presented, is effective if the money is just a supplement. What essentially transacts is gratitude. (something which money can't buy (and shouldn't try to!))
    Else nice article!
    Read more at http://www.project-syndicate.org/commentary/what-money-can-buy-by-raghuram-rajan#f61AVQM1UZu4tYP6.99

  5. CommentedKarthik M

    I agrue for the corruption side of the argument so I disagree with your article.
    What is at stake is not only what money can or cannot buy but rather also what money should and should not buy. Sandel was too polite in his book.
    A man's kidney need not be bought with money. And in the case you presented, is effective if the money is just a supplement. What essentially transacts is gratitude. (something which money can't buy (and shouldn't try to!))
    Else nice article!

  6. CommentedMeenakshi Srinivasan

    I agree to some extent to this last para as well as Justin Douglas' comment. My only addition to this view would be delinking essentials such as water, land, food crops and such that are basic needs for survival from a "monetary" system that has contributed to large scale inequities with moneyed people playing the markets with these basic commodities and thus playing with people's lives. These should not even be listed on any commodities or trading lists. The entire agri policy of many countries in the name of "trade" has cause huge discrepancies in health of land, water and people (chemical inputs) and petroleum needs to farm causing dependance on oil rather than farming oil-free. And on the other end we see disappearance of native crop varieties and increased malnutrition amongst children. These are sever problems that require quick microeconomic response but requiring macro support.

  7. CommentedMeenakshi Srinivasan

    I begto differ- scarcity is man made to ensure this uneven playing field. Let us revisit this scenario with the hearing being televised live via the internet/ TV and every registered voter can have an opportunity to "speak up". Then nobody needs to stand in line or sell their spots.

    The idea of "money" is an illusion. RO water can be bought for 20 cents/ gal if I take my bottle to the water center. If I want the same water bottled for me then it becomes $1 on a sale or $2 full price. If the same water is not RO but from an exotic glacier or fancy artisan well from a polution free country, it becomes $10- even $100 a gal! If I trusted my municipality tap and filled my water from a tap, it costs less than .2 cents a gal (not considering the people who scour the land for drinking water and sometimes have to make do with contaminated water or dry wells and thus have to walk miles to get a gallon). Thus, this "perceived" value can easily be manipulated with "money", but bottomline, as humans we all need to drink water to survive.

  8. CommentedJustin Douglas

    I think that much of the problem with money lies in perceived discrepancies between use-value and exchange-value. That is, organ sales make us uncomfortable because it requires that we give it a value that (a) is separate from its intrinsic worth (b) is measurable (c) can be compared with other things (d) is influenced by anonymous market forces.

    While I also don't think it would be wise to try to transition to a moneyless economy in our lifetime, it is important to keep this discrepancy in mind, if not work to diminish it somehow.

  9. CommentedDavid Thaler

    I think that you are wrong concerning the nature of the objection to selling organs. Organs are usually in short supply; the patients who obtain them will have a chance to live, while those who don't will die. In rationing them by price, we are saying that the rich should be saved while the poor should be left to die. If we except that, then we are economists, not moral agents, and hence not fully human.

  10. CommentedProcyon Mukherjee

    A brilliant article that is synthesis of what Sandel summarized as the benefits that society would acrue with limiting the role of money.

    I would have liked the analysis to be shifted to the area of information asymmetries that create the inequality and the monetizing of these asymmetries, which has become an overwhelming driver for all investing and trading activity; sometimes one feels that we live in a world where we are simply betting against rise or fall based on information. I see that instead of limiting the role of money, we are moving towards a phase where money essentially could replace emotions, fear, happiness, love, camaraderie and all other objects of humanness, that we were so proud of.

    With so much money following so few goods and opportunities, this is not that distant a possibility.

    Procyon Mukherjee

  11. CommentedPaul Jacobson

    Your point about distribution is key. When the rich can evade taxes because of their scale of wealth and earn that wealth by eliminating jobs or by financial trickery, then we have issues.

  12. CommentedA. T.

    Ideally, what we are shooting for is some sort of "equal sacrifice" – some sense of "do not take more than you give/have given". Either you and I both make similar sacrifices in an exchange (and are, therefore, 'made whole' in terms of amount sacrificed at the end of it), or the person willing to make the bigger sacrifice for a scarce resource gets the resource. Unfortunately, neither time nor money is an adequate measure of effort or sacrifice – both of them can be worth a lot less to some people than to others. Perhaps the cost of something needs to depend on how much one has – like a sales tax whose rate depends on the wealth of the purchaser.

Featured