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Was man für Geld kaufen kann

CHICAGO – In seinem kürzlich erschienenen, interessanten Buch, What Money Can’t Buy: The Moral Limits of the Market, zeigt der Harvard-Philosoph Michael Sandel die Dinge auf, die man in modernen Gesellschaften für Geld kaufen kann, und versucht, auf sanfte Weise unsere Empörung über die wachsende Dominanz der Märkte zu schüren. Hat er damit recht, dass wir beunruhigt sein sollten?

Sandel macht sich über die korrumpierende Natur einiger monetärer Transaktionen Sorgen (entwickeln Kinder wirklich eine Liebe zum Lesen, wenn sie dafür bestochen werden, Bücher zu lesen?) und kritisiert den ungleichen Zugang zu Geld, was Handel, bei dem Geld im Spiel ist, an sich ungleich macht. Allgemeiner betrachtet hat er Angst, dass die Zunahme anonymen Geldaustauschs den sozialen Zusammenhalt zerrüttet, und setzt sich für die Reduzierung der Rolle des Geldes in der Gesellschaft ein.

Sandels Sorgen sind nicht ganz neu, aber seine Beispiele sind beachtenswert. In den Vereinigten Staaten bezahlen manche Unternehmen Arbeitslose dafür, für kostenlose öffentliche Eintrittskarten für Kongressanhörungen Schlange zu stehen.. Dann verkaufen sie die Karten an Lobbyisten und Unternehmensanwälte, die an der Anhörung interessiert sind, aber zu wenig Zeit haben, sich selbst in die Schlange zu stellen.

Sicherlich sind öffentliche Anhörungen ein wichtiges Element der partizipatorischen Demokratie. Alle Bürger sollten gleichen Zugang zu ihnen haben. Der Verkauf der Zugangsrechte scheint also eine Perversion demokratischer Prinzipien zu sein.

Das grundlegende Problem dabei ist allerdings die Knappheit. Im Raum einer besonders wichtigen Anhörung ist vielleicht nicht genügend Platz für alle, die daran Interesse haben. Also müssen wir den Eintritt “verkaufen”.. Entweder ermöglichen wir Menschen, ihre Zeit einzusetzen (indem sie Schlange stehen), oder wir können die Plätze für Geld versteigern. Das erstere erscheint uns fairer, da alle Menschen offensichtlich mit gleich viel Zeit auf die Welt kommen. Aber hat eine allein erziehende Mutter mit einem aufreibenden Job und drei kleinen Kindern ebenso viel Zeit wie ein Student in der Sommerpause? Und ist es für die Gesellschaft besser, wenn sie als Anwältin für einen großen Konzern einen Großteil ihrer Zeit damit verbringt, Schlange zu stehen?

Ob es besser ist, Eintrittskarten für Zeit oder für Geld zu verkaufen, hängt also davon ab, was wir erreichen wollen. Wenn wir die Produktivitätseffizienz der Gesellschaft verbessern wollen, ist die Bereitschaft der Menschen, mit Geld zu bezahlen, ein vernünftiger Indikator dafür, wieviel Gewinn sie sich durch den Zugang zu der Anhörung versprechen. Dann ist es sinnvoll, Eintrittskarten für Geld zu versteigern – die Rechtsanwältin trägt mehr zur Gesellschaft bei, wenn sie Schriftstücke aufsetzt, als wenn sie in der Schlange steht.

Auf der anderen Seite ist es wichtig, dass junge, leicht zu beeindruckende Bürger sehen, wie ihre Demokratie funktioniert, und dass wir dadurch soziale Solidarität schaffen, dass Unternehmensführer gemeinsam mit arbeitslosen Teenagern Schlange stehen. Dann ist es sinnvoll, Menschen dazu zu zwingen, ihre Zeit einzusetzen und die Eintrittskarten nicht übertragbar zu machen. Aber wenn wir der Ansicht sind, dass beide Ziele – Effizienz und Solidarität – eine Rolle spielen sollten, können wir vielleicht akzeptieren, dass Arbeitslose dafür angestellt werden, für viel beschäftigte Rechtsanwälte Schlange zu stehen, so lange letztere nicht alle Plätze für sich beanspruchen.

Wie verhält es sich mit dem Verkauf von menschlichen Organen, einem weiteren Beispiel, worüber sich Sandel sorgt? Wenn eine Lunge oder eine Niere für Geld verkauft wird, scheint uns das falsch zu sein. Auf der anderen Seite feiern wir die Großzügigkeit eines Fremden, der einem kleinen Kind eine Niere spendet. Also ist es offensichtlich nicht die Transplantation des Organs selbst, die uns erzürnt – wir glauben nicht, dass der Spender sich nicht über den Wert der Niere im Klaren ist oder zu ihrer Abgabe gezwungen wurde. Auch sorgen wir uns anscheinend nicht über die Skrupel der Person, die das Organ verkauft – immerhin trennt sie sich unwiderruflich von etwas für sie sehr wertvollem, für einen Preis, den wenige von uns akzeptieren würden.

Ich glaube, dass ein Teil unseres Unwohlseins mit den Umständen zu tun hat, unter denen die Transaktion stattfindet. Was ist das für eine Gesellschaft, in der Menschen ihre Organe verkaufen müssen, um zu überleben?

Aber auch wenn uns ein Verbot von Organverkäufen vielleicht erleichtern würde, ist die Frage, ob es für die Gesellschaft gut wäre. Möglicherweise dann, wenn sie sich mehr Mühe gibt, sicherzustellen, dass Menschen nie in die Situation geraten, darüber nachdenken zu müssen, ein lebenswichtiges Organ zu verkaufen. Vielleicht aber auch nicht, wenn es dazu führt, dass die Gesellschaft das zugrunde liegende Problem ignoriert – und sich der Handel in den Untergrund verlagert oder Menschen in Notsituationen dazu gezwungen sind, noch schlechtere Alternativen zu wählen.

Dann wiederum hat ein Teil unserer Unruhe damit zu tun, dass wir den Handel als ungleichen Austausch wahrnehmen. Der Verkäufer gibt in einer unwiderruflichen Transaktion einen Teil seines Körpers her. Der Käufer gibt nur sein Geld – das er vielleicht durch einen erfolgreichen Handel an der Börse oder einen überbezahlten Job bekommen hat. Hätte er das Geld durch den Verkauf eines Teils seiner Lunge oder durch harte Arbeit und langes Sparen erhalten, würden wir den Handel als gerechter empfinden.

Natürlich liegt der Hauptvorteil von Geld gerade in seiner Anonymität. Um den Euroschein nutzen zu können, muss ich nichts über ihn wissen. Die Tatsache aber, dass die Anonymität des Geldes seine Herkunft verschleiert, könnte es für manche Objekte als Zahlungsmittel weniger akzeptabel machen.

In beiden Beispielen – Eintrittskarten für den Kongress und Organverkäufe – schlägt Sandel die Reduzierung der Rolle des Geldes vor. Aber Geld bietet für die Durchführung von Transaktionen viele Vorteile – und deshalb wird es so allgegenwärtig verwendet. Also liegt die wichtigste Botschaft vielleicht darin, dass die Toleranz der Gesellschaft gegenüber der Monetarisierung proportional zur Legitimität ist, die der Verteilung des Geldes zugesprochen wird.

Je mehr Menschen glauben, dass das Geld in Besitz derjenigen ist, die hart arbeiten und es verdienen, desto mehr sind sie gewillt, monetäre Geschäfte zu tolerieren (obwohl manche Transaktionen immer noch als inakzeptabel gelten können). Aber wenn Menschen dagegen glauben, dass das Geld überwiegend denen gehört, die gute Beziehungen haben oder unehrlich sind, sind sie weniger bereit, monetäre Transaktionen zu tolerieren.

Anstatt Geldgeschäfte zu verbieten, sollten wir uns von den Beispielen Sandels eher angesprochen fühlen, weiter daran zu arbeiten, die wahrgenommene Legitimität der Verteilung des Geldes zu verbessern.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff