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Welche Geldpolitik braucht China?

In jüngster Zeit wurde das bemerkenswerte Wachstum Chinas durch eine rasante Geld- und Kreditexpansion finanziert, die zu einem zunehmend unhaltbaren Investitionsboom führt. Dies gibt erneut Anlass zur Sorge, das Land könnte außer Stande sein, die mögliche Neuauflage eines schmerzhaften Boom-and-Bust-Zyklus abzuwenden, wie er das Land Mitte der 1990er Jahre ereilte.

In derartigen Situationen wendet man sich normalerweise als erstes geldpolitischen Maßnahmen zu. Allerdings ist Chinas Geldpolitik durch ein rigoroses Wechselkursregime gelähmt, das die chinesische Zentralbank – die People’s Bank of China (PBC) – daran hindert, geeignete strategische Entscheidungen hinsichtlich der Inlandsnachfrage zu treffen, denn Zinsanstiege könnten Kapitalzuflüsse bewirken und so noch mehr Druck auf den Wechselkurs ausüben.

Natürlich gibt es momentan eine heftige Debatte über die chinesische Wechselkurspolitik. Aufgrund des steigenden chinesischen Handelsbilanzüberschusses fordern manche Beobachter eine Neubewertung des Renminbi, um den in ihren Augen unfairen Wettbewerbsvorteil Chinas auf den internationalen Märkten zu korrigieren. Andere wiederum argumentieren, dass die stabilen Wechselkurse der makroökonomischen Stabilität in China förderlich seien. Diese Debatte geht allerdings am Kern der Sache vorbei.

Was China wirklich braucht, ist eine absolut unabhängige, an nationalen Zielen orientierte Geldpolitik. Dies würde es der PBC ermöglichen, die Inlandsnachfrage zu steuern, indem man durch die Möglichkeit steigender Zinssätze das Kreditwachstum bremst und leichtsinnige Investitionen hintan hält. Die Voraussetzung für eine unabhängige Geldpolitik sind allerdings flexible Wechselkurse und keine Neubewertung. Was allerdings könnte an die Stelle stabiler Wechselkurse als Grundlage der Geldpolitik und zur Zügelung der Inflationserwartungen treten?

Wir empfehlen ein niedriges Inflationsziel als Fundament für die chinesische Geldpolitik. Sowohl theoretische Forschung als auch praktische Erfahrungen in vielen Ländern zeigen, dass ein Schwerpunkt auf Preisstabilität der geeignetste geldpolitische Weg ist, um die weiter gesteckten Ziele in den Statuten der PBC zu erreichen, nämlich makroökonomische und finanzielle Stabilität, hohes Beschäftigungswachstum usw. Ein niedriges Inflationsziel muss nicht mit Inflationssteuerung einhergehen, wie sie von der Europäischen Zentralbank oder der Bank of England verfolgt wird und ist vom Ansatz her auch jener Strategie ähnlich, wie sie von Ben Bernanke, dem Chef der amerikanischen Notenbank Federal Reserve, empfohlen wird.

Wie könnte ein derartiges Rahmenwerk in einer Ökonomie effektiv gestaltet werden, deren Probleme auf dem Finanzsektor den monetären Transmissionsmechanismus geschwächt haben? Das ist eine Schlüsselfrage, denn trotz der jüngsten Reformen bleibt das Bankensystem fragil. Dennoch sind wir der Meinung, dass ein Mindestmaß an Reformen auf dem Finanzsektor – im Wesentlichen eine genügende Stärkung der Bankbilanzen, um spürbaren zinspolitischen Maßnahmen standzuhalten - ausreichen sollte, um ein niedriges Inflationsziel umzusetzen.

Obwohl man von einer umfassenden Modernisierung des Finanzsektors auch im günstigsten Fall noch weit entfernt ist, könnten die von uns empfohlenen Minimalreformen das Bankensystem kurzfristig ausreichend stärken, um einen flexibleren Wechselkurs auf Grundlage eines Inflationszieles zu unterstützen. Tatsächlich würden Preisstabilität und die daraus resultierende allgemeine makroökonomische Stabilität eine gute Grundlage bilden, von der aus andere Reformen des Finanzsektors vorangetrieben werden könnten.

Ein wichtiger Nutzen des von uns angeregten Rahmenwerks ist Kontinuität. Die PBC müsste ihren operativen geldpolitischen Ansatz nicht ändern. Es bedürfte lediglich einer Verschiebung des strategischen Schwerpunkts, um die Geldpolitik in einem langfristigen angestrebten niedrigen Inflationsziel zu verankern. Die Überwachung der geld- und kreditpolitischen Ziele wäre auch für die Erreichung des Inflationszieles von Bedeutung. Überdies sollte es einfacher sein, dass neue Rahmenwerk in guten Zeiten wie jetzt umzusetzen, da das Wachstum stark und die Inflation gering ist.

Es besteht ein gewisses Risiko, dass eine Währungsaufwertung im Falle möglicher größerer Flexibilität zu einer Deflation führt. In Wahrheit wird dadurch allerdings unterstrichen, wie wichtig es wäre, die Debatte über Wechselkursflexibilität in einem allgemeineren Kontext zu führen. Eine unabhängige Geldpolitik, mit der man den Boom-and-Bust-Zyklen entgegenwirken könnte, wäre für China das probateste Mittel, mit derartigen Risiken umzugehen.

Im Gegensatz zu denjenigen, die eine Diskussion über ein alternatives geldpolitisches Rahmenwerk für verfrüht halten, gibt es für China gute Gründe, jetzt gleich mit dem Aufbau einer institutionellen Grundlage für den Übergang zu einer unabhängigen Geldpolitik zu beginnen. Tatsächlich würde die frühzeitige Formulierung eines niedrigen Inflationszieles helfen, die monetäre und finanzielle Stabilität zu sichern, die China bei einer höheren Flexibilität der Wechselkurse braucht.

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