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Was ist der Westen?

PARIS – Überall auf der Welt hat man inzwischen vom „Kampf der Kulturen“ gehört. Dieser von Samuel Huntington geprägte Ausdruck ist mittlerweile zu einem universellen Begriff geworden. In den 1950er Jahren landete der französische Wirtschaftswissenschaftler Alfred Sauvy einen vergleichbaren Erfolg mit dem Ausdruck „Dritte Welt“. Ein Grund dafür, warum diese Ausdrücke weithin angenommen werden, ist das Fehlen einer klaren Definition. Der „Kampf der Kulturen“, d. h. im Grunde der Westen gegen den Rest, soll die Welt beschreiben, wie sie ist. Tatsächlich ist der Begriff Westen jedoch ungenau genug, um eine riesige Vielfalt von Gebieten einzuschließen, ohne ihre gemeinsamen Merkmale zu beschreiben.

Was genau also ist der Westen? Was bedeutet Verwestlichung? Warum wird Japan als Westen angesehen und China nicht? Wo steht Schanghai? Gehört Russland zum Westen?

Aus diesen Ungewissheiten können wir schließen, dass es sich beim Westen nicht um eine geografische Einheit handelt. Er wurde wahrscheinlich zunächst als Denkweise etabliert, als sich die Griechen vor 25 Jahrhunderten im Gegensatz zu den orientalischen Persern als westlich ansahen. Da der Westen seitdem jegliche eindeutige territoriale Grundlage verloren hat, ist der Begriff „der Westen“ zu einer allgemeinen anstatt zu einer geografischen Vorstellung geworden.

Westlich oder verwestlicht zu sein, ist vor allem eine Denkweise, die sich nicht mit einem Kontinent oder irgendeiner bestimmten Nation oder Religion deckt. Huntingtons Fehler scheint zu sein, den Westen in nationalen Grenzen zu beschreiben: Es gibt keine Landkarte des Westens.

Keine Landkarte kann funktionieren, wenn asiatische Nationen westlich sind (Japan, Taiwan), nichtwestliche Gruppen (Muslime in Europa) in angeblich westlichen Ländern leben, wenn einige östliche Länder teilweise verwestlicht und einige westliche Länder (Russland) nicht vollkommen westlich sind. Am Ende scheint es einfacher zu sein, die geistigen Grenzen des Westens zu definieren als seine territorialen Grenzen.

Ich glaube, dass der Westen eine Denkweise ist, die von drei grundlegenden Zügen bestimmt wird, welche in den so genannten östlichen Kulturen nicht so leicht zu finden sind: der Wunsch nach Innovation, die Fähigkeit zur Selbstkritik und die Gleichberechtigung der Geschlechter.

„Was gibt’s Neues?“ – ein persönlicher Gruß seit der hellenistischen Zeit – bringt den Kern der westlichen Mentalität zum Ausdruck. Ein „Nichtwestler“ würde die Tradition eher über die Innovation stellen. Doch erklärt die Innovation als grundlegender Wert die wissenschaftlichen Durchbrüche des Westens verglichen mit dem Osten. Sie erklärt unvermeidliche Konflikte mit den konservativen nichtwestlichen Kulturen, und ebenso erklärt sie das, was wir als „Verwestlichung des Westens“ bezeichnen sollten.

Der Westen zerstört kontinuierlich seine eigenen Traditionen, einschließlich seiner Religionen. Der Ökonom Joseph Schumpeter definiert diesen Prozess als „schöpferische Zerstörung“. Dieser Begriff gilt für alle Gesellschaftsschichten im Westen. Westliche Konservative neigen genauso zur schöpferischen Zerstörung wie westliche Liberale: Konservative sind sogar dafür bekannt, Traditionen zu erfinden. Zum Beispiel der britische Premierminister Benjamin Disraeli im 19. Jahrhundert, der die meisten der angeblich uralten Traditionen der britischen Monarchie erfand. Innovation scheint im Westen ein niemals endender Prozess zu sein, der den Westen selbst verändert.

Mehr noch als die Innovation stellt die Selbstkritik ein bestimmendes Merkmal des Westens dar. In den meisten, wenn nicht in allen nichtwestlichen Kulturen, wird die Selbstkritik oder zumindest die Kritik an der eigenen Kultur an sich durch Stolz und Selbstliebe ausgeschlossen. Ein echter muslimischer oder chinesischer Gelehrter könnte nicht als echter Chinese oder echter Muslim gelten, indem er seine eigene Welt kritisiert. Ganz anders im Westen.

Für den westlichen Gelehrten ist es vollkommen legitim, westliche Werte zu Fall zu bringen: Es gibt keinen chinesischen oder muslimischen Nietzsche, der behauptet, Gott sei tot. Gibt es einen chinesischen oder muslimischen Montaigne, der bereit wäre zu schreiben, dass die „wilden Indianer“ womöglich klüger sind als wir, wie Montaigne im 16. Jahrhundert in Frankreich schrieb?

Selbstverständlich muss es irgendeinen chinesischen oder muslimischen Montaigne oder Nietzsche geben, aber sie würden nicht als Leitsterne ihrer Kulturen angesehen. Selbstkritik, nicht Selbstliebe, und kultureller Relativismus sind die praktischen Grundlagen der westlichen Denkweise.

Dasselbe gilt für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Das war nicht immer so. In den alten griechischen, jüdischen und christlichen Religionen wurden die Frauen als den Männern untergeordnet angesehen. Doch ist diese Vorstellung im Westen seit Jahrhunderten umstritten. Heutzutage ist die Gleichberechtigung der Geschlechter zur Norm geworden. Das ist in den meisten nichtwestlichen Zivilisationen nicht der Fall. Manche würden argumentieren, die Gleichberechtigung sei eine Konsequenz des Modernisierungsprozesses und nicht der Verwestlichung. Das ist womöglich richtig, doch ist der Status von Frauen eindeutig ein Punkt, der nichtwestliche Muslime in Widerspruch zum Westen setzt.

Wenn wir die oben genannte Definition des Westens als Denkweise annehmen, bleiben drei Hauptfragen offen: Kann der Osten modernisiert werden, ohne verwestlicht zu werden? Wo ziehen wir die Grenze zwischen Westen und Osten? Wird der Westen westlich bleiben?

Bisher gibt es in der Geschichte keinen Fall einer nichtwestlichen Modernisierung; die Debatte über die asiatischen Werte, die in Singapur ihren Anfang nahm, ist im Grunde ein politischer Diskurs. Erst nachdem sie ihre Denkweise mit Innovation und Selbstkritik ausgerüstet hatten, wurden die asiatischen Länder modern.

Dadurch werden sie nicht weniger asiatisch. Die heutigen Koreaner oder Japaner bleiben vollkommen koreanisch bzw. japanisch, stehen jedoch einem Westler näher als ihren eigenen Vorfahren. Ganz ähnlich gleicht ein moderner Ägypter oder ein moderner Saudi eher einem Franzosen oder einem Amerikaner als einem früheren Araber.

Werden der Ägypter oder der Saudi durch diese Verwestlichung zu weniger authentischen Arabern? Eine derartige Debatte findet in allen östlichen Gesellschaften statt, was uns zum wirklichen Kampf der Kulturen führt: Alle heutigen Gesellschaften sind zwischen den Befürwortern der Verwestlichung und ihren Gegnern gespalten. Der Kampf innerhalb der Kulturen darüber, was Modernisierung bedeutet, ist bedeutsamer als Huntingtons angeblicher Konflikt zwischen geografischen Einheiten.

Die Kontroverse über die grundlegende Bedeutung der Modernisierung, auch als Identitätskrise bekannt, betrifft auch westliche Länder. Große, im Westen lebende Gruppierungen, westliche und nichtwestliche Fundamentalisten, kämpfen im Namen der Tradition gegen den nicht enden wollenden Prozess der Verwestlichung. Viele würden die Maschine gern anhalten und benutzen dazu verschiedene Deckmäntel wie Ökologie oder Identität, doch wäre eine westliche Gesellschaft, in der man seinen Tag nicht mit der Frage „Was gibt’s Neues?“ beginnen könnte, nicht mehr westlich.

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