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Was ist los mit Indien?

CHICAGO: Das Wirtschaftswachstum in Schwellenmärkten überall auf der Welt – darunter Brasilien, China, Indien und Russland, um nur die größten zu nennen – verlangsamt sich. Ein Grund dafür ist, dass diese Länder nach wie vor direkt oder indirekt von Exporten in die hoch entwickelten Industrieländer abhängig sind. Langsames Wachstum dort, insbesondere in Europa, drückt auf die Wirtschaft.

Ein zweiter Grund freilich ist, dass alle diese Länder wichtige Schwächen aufweisen, die sie in den guten Zeiten nicht beseitigt haben. Was China angeht, ist dies die übermäßige Abhängigkeit von Anlageinvestitionen, an der das Wachstum hängt. In Brasilien sorgen niedrige Ersparnisse und verschiedene institutionelle Hemmnisse für hohe Zinsen und geringe Investitionen, während große Teile der Bevölkerung durch das Bildungssystem nur schlecht versorgt werden. Und das Wachstum in Russland ist trotz dessen sehr gut ausgebildeter Bevölkerung weiter von den Rohstoffbranchen abhängig.

Am schwersten begreiflich ist allerdings, warum Indien so stark hinter seinem Potenzial zurückbleibt. Tatsächlich ist das jährliche BIP-Wachstum seit 2010 um fünf Prozentpunkte gefallen.

Für ein so armes Land wie Indien sollte Wachstum ein Selbstgänger sein. Es ist primär eine Frage der Bereitstellung öffentlicher Güter: einer grundlegenden Infrastruktur – Straßen, Brücken, Häfen und Stromversorgung – sowie des Zugangs zu Bildung und einer grundlegenden Gesundheitsversorgung. Und anders als viele genau so arme Länder hat Indien bereits eine sehr starke Unternehmerschicht, eine relativ große und gut ausgebildete Mittelschicht und eine Anzahl von Konzernen von Weltrang, die man für die Bereitstellung dieser öffentlichen Güter rekrutieren kann.

Die Befriedigung der Nachfrage nach diesen Gütern ist bereits selbst eine Wachstumsquelle. Doch eine zuverlässige Straße sorgt auch für enorme zusätzliche Wirtschaftsaktivität, da der Handel zwischen den durch sie verbundenen Gebieten zunimmt und an ihr entlang eine Vielzahl von Unternehmen, Restaurants und Hotels aus dem Boden schießen.

Als Indien in den 1990er Jahren das „Licence Raj“ – das das Land lähmende überbordende Lizenzwesen – abschaffte, waren sich konsekutive Regierungen der zwingenden Notwendigkeit wirtschaftlichen Wachstums bewusst – so sehr sogar, dass die Indische Volkspartei (BJP) die Wahlen von 2004 mit einem entwicklungsorientierten Wahlprogramm bestritt, auf den Punkt gebracht durch den Slogan „India Shining“. Doch die von der BJP geführte Koalition verlor diese Wahlen. Egal, ob das Debakel die unglückliche Auswahl an Koalitionspartnern der BJP widerspiegelte oder ihre Fixiertheit auf Wachstum, wo doch zu viele Inder davon gar nicht profitiert hatten: Die Politik zog daraus die Lehre, dass Wachstum keine Stimmen bringt.

Jedenfalls legten diese Wahlen die Notwendigkeit zur Ausweitung des Nutzens des Wachstums auf die ländlichen Gegenden und die Armen nahe. Es gibt zwei Möglichkeiten, wie man das machen kann. Die erste, die schwieriger ist und Zeit erfordert, besteht im Ausbau der Einkommen generierenden Kapazitäten in den ländlichen Gebieten und unter den Armen durch einen leichteren Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, Krediten, Wasser und Strom. Die zweite besteht darin, die Kaufkraft der Wähler durch Subventionen und Transferleistungen zu erhöhen, die jedoch in der Regel an die politisch Einflussreichen gerichtet sind und nicht an die wirklich Bedürftigen.

In den Jahren nach dem Machtverlust der BJP entschied Indiens politische Klasse, von ein paar bemerkenswerten Ausnahmen abgesehen, dass der traditionelle Populismus eine sicherere Route zur Wiederwahl darstellte. Diese Sichtweise passte zudem gut zu den geringen Erwartungen der durchschnittlichen (in der Regel armen) Wähler an die Regierung in Indien, die sie als Quelle sporadischer Almosen statt verlässlicher öffentlicher Dienstleistungen betrachten.

Ein paar Jahre lang trug die von den Reformen der Vorjahre ausgehende Dynamik – im Verbund mit einem starken weltweiten Wachstum – Indien voran. Die Politiker sahen wenig Grund für weitere Reformen, und schon gar nicht für solche, die die mächtigen Partikularinteressen verstimmen würden. Der Ruck in Richtung Populismus verstärkte sich, als die von der Kongresspartei (INC) geführte Vereinigte Fortschrittliche Allianz (UPA) zu dem Schluss gelangte, dass Beschäftigungsgarantien für die ländlichen Gebiete und ein populistischer Verzicht auf Rückzahlung landwirtschaftlicher Kredite zu ihrem Wahlsieg im Jahr 2009 beigetragen hätten.

Aber während die Politik die Wachstumsdividende für wenig zielgerichtete Wohltaten wie subventioniertes Benzin und Kochgas ausgab, nahm die Notwendigkeit weiterer Reformen immer weiter zu. So erfordert die Industrialisierung etwa ein transparentes System für den Erwerb von Land von den Bauern und indigenen Bevölkerungsgruppen, was seinerseits viel bessere Aufzeichnungen über das Eigentum an Grund und Boden voraussetzt, als Indien sie hat.

Die zunehmende Nachfrage nach Land und steigende Landpreise sorgten für weit verbreitete Korruption, und Politiker, Industrielle und Bürokraten nutzen die mangelnde Transparenz bei Grundeigentum und Flächennutzungsplänen, um sich widerrechtlich zu bereichern. Indiens korrupte Eliten waren von der Kontrolle über das Lizenzwesen zur Vereinnahmung neuer wertvoller Ressourcen wie Land übergegangen. Aus der Asche des „Licence Raj“ erwuchs das „Resource Raj“.

Irgendwann reagierten Indiens Bürger. Eine eklektische Mischung aus idealistischen und opportunistischen Politikern und NGOs mobilisierte die Menschen gegen die Landakquisitionen. Und als sich dann investigative Journalisten einmischten, wurde der Landerwerb zur politischen Tretmine.

Zudem leiteten wichtige staatliche Institutionen wie Bundesrechnungshof und Justiz, die mit Angehörigen der zunehmend verärgerten Mittelschicht besetzt sind, ebenfalls Untersuchungen ein. Als Beweise für weit verbreitete Korruption bei Vertragsvergabe und Ressourcenzuweisung auftauchten, wurden Minister, Bürokraten und hochrangige Führungskräfte verhaftet, und einige sitzen inzwischen lange Haftstrafen ab.

Dies hatte freilich den Nebeneffekt, dass selbst ehrliche Funktionsträger heute zu viel Angst haben, den Unternehmen den Weg durch Indiens bürokratischen Dschungel zu weisen. Daher sind zahlreiche Industrie-, Bergbau- und Infrastrukturprojekte zum Erliegen gekommen.

Die populistische Ausgabepolitik der Regierung wiederum und die Unfähigkeit der Angebotsseite der Wirtschaft, Schritt zu halten, haben zu einem Anstieg der Inflation geführt, während die indischen Haushalte – aus Sorge, dass keine Anlageform mehr sicher aussieht – begonnen haben, ihr Geld in Gold zu investieren. Weil Indien selbst kaum Gold produziert, haben diese Käufe zu einem abnorm großen Leistungsbilanzdefizit beigetragen. Viel mehr war nicht erforderlich, um die Begeisterung der Anleger für ein Engagement in Indien zu dämpfen, und so ist die Rupie in den letzten Wochen deutlich gefallen.

Wie die anderen großen Schwellenmärkte hat Indien sein Schicksal selbst in der Hand. Harte Zeiten neigen dazu, das Problembewusstsein zu schärfen. Wenn Indiens Politiker es schaffen, ein paar wenige Schritte zu ergreifen, um zu zeigen, dass sie ihre eigenen engen Parteiinteressen überwinden können, um jene transparentere und effizientere Regierung hervorzubringen, die ein Land mittleren Einkommens braucht, könnten sie Indiens potenziell enorm starke Wachstumsmotoren rasch wieder in Gang bringen. Tun sie ist nicht, könnte Indiens Jugend angesichts ihrer zunichte gemachten Hoffnungen und Ziele beschließen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan