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Siegerjustiz à la Irak

Saddam Hussein ist tot, doch nicht alle Iraker feiern. Im Gegenteil, die Art, in der die verschiedenen religiösen und ethnischen Gruppen im Irak auf seine Hinrichtung reagiert haben, ist ein Sinnbild für die Schwierigkeit, den Irak als zusammenhängende Einheit zu erhalten.

Für die schiitische Mehrheit, die lange von Saddam und allen vorherigen sunnitisch dominierten Regierungen des Iraks brutal unterdrückt wurde, symbolisiert Saddams Tod die Erlangung der politischen Vorherrschaft. Zudem ist ihre triumphierende Freunde eine grausame Erinnerung daran, dass Unterdrückte, wenn sie befreit werden, sehr leicht selbst zu Unterdrückern werden können.

Für die sunnitische Minderheit, die durch die amerikanische Invasion von der Macht verdrängt wurde und ihrer Frustration durch tägliche Angriffe auf die schiitische Bevölkerung und ihre heiligen Stätten Luft macht, wird Saddam noch lange ein Held bleiben. Die Kurden, die wie die Schiiten von Saddam jahrzehntelang schikaniert wurden, halten stillschweigend an ihrer faktischen Unabhängigkeit im Norden fest und stellen dabei sicher, dass sie nie wieder unter arabische Herrschaft gelangen.

Iraks Premierminister Nuri el Maliki, der die regierende schiitisch-kurdische Koalition vertritt, hat die Hoffnung geäußert, dass das Ende des Diktators dazu beitragen werde, die Gräben zwischen den Konfessionen zu überwinden. Doch egal, wie aufrichtig seine Worte klingen mögen, die Wirklichkeit bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung, und die hässlichen Wortwechsel, die den Hinrichtungsakt selbst begleitet haben, werden sicherlich wenig dazu beitragen, mit der Vorstellung aufzuräumen, dass es sich hierbei nicht um „Siegerjustiz“ gehandelt habe und die Sieger nicht die Vereinigten Staaten seien, sondern die Schiiten.

Das alles verheißt nichts Gutes für die Zukunft des Landes, das wir – daran sollten wir uns gewöhnen – den „ehemaligen Irak“ nennen sollten. Tatsächlich ist die Washingtoner Debatte darüber, wie man den Irak „in Ordnung bringt“ irrelevant, weil etwas, das nicht mehr als funktionierender Staat existiert – nämlich der Irak – nicht in Ordnung gebracht werden kann. Unter dem Deckmantel einer von den USA inspirierten Verfassung ist es der schiitischen Mehrheit gelungen, fast die absolute Macht für sich zu beanspruchen.

Somit ist das, was noch vor wenigen Monaten von Washington aus wie ein erfolgreicher Übergang zu einer Art repräsentativen Regierung ausgesehen hatte, offenbar lediglich ein Zerrbild: Genau wie unter Saddam bestimmen auch heute die Gewehrläufe über die Macht – nur hat der Staat jetzt kein Monopol auf die Gewaltmittel. Jede Miliz, jedes Ministerium, jede schiitische politische Fraktion verfügt über eigene Geschütze, Schläger und Todesschwadronen – während die Sunniten weiterhin die Stapel von Waffen einsetzen, die sie unter Saddam angehäuft haben, um in einem Rückzugsgefecht gegen die neue Ordnung anzukämpfen, die anscheinend durch Wahlen legitimiert wurde.

Es gibt keine Macht – außer einer neuen gewalttätigen Diktatur – die die Schiiten, Sunniten und Kurden dazu bringen kann, in einem Staatskörper zu leben. Amerikas fantastischer Traum, eine zutiefst gespaltene Gesellschaft, die nur Gewalt und Zwang kennt, über Nacht zu demokratisieren, hat eine Reihe furchterregender politischer Dämonen entfesselt.

Unter diesen Umständen ist die Debatte in der Folge des Baker-Hamilton-Berichts in Washington weitgehend unerheblich für die Zukunft des Iraks – obwohl sie weiterhin entscheidend für die Macht, das Prestige und die Stellung der USA in der Welt bleibt. Die Zukunft des Iraks wird von den Menschen im Irak entschieden, allerdings mit Gewehrkugeln und nicht mit Wahlen. Die USA und die gesamte internationale Gemeinschaft sind überhaupt nicht dazu ausgerüstet, mit dieser Nahost-Version Jugoslawiens und ihren regionalen Auswirkungen fertigzuwerden. Und anders als in den jugoslawischen Nachfolgerstaaten, die sich Europa zuwenden konnten, ist die Schaffung einer demokratischen Ordnung durch das Fehlen eines legitimen arabischen demokratischen Modells noch schwieriger.

Vielleicht freuen sich einige Europäer und andere hämisch über Amerikas Scheitern im Irak, zudem schreit die Unbeholfenheit – oder schlimmer – der US-Politik für die Zeit nach der Besatzung zum Himmel. Doch reichen die grundlegenden Ursachen weiter zurück: bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts, als imperialistische britische Planer den Irak als künstliche Einheit schufen. Sie fassten drei grundverschiedene Provinzen des Osmanischen Reichs zu einem Staat zusammen, der niemals eine einheitliche Identität besaß.

Sogar die Gründung selbst des Iraks geht auf Siegerjustiz zurück: Nachdem das Britische Weltreich die Osmanen bezwungen hatte, machte es die sunnitischen Araber zu Oberherren in einem Land, in dem sie eine Minderheit darstellten. Diese Ordnung fällt nun nach einem weiteren Zyklus der Siegerjustiz auseinander.

Die Folgen dieser Neuordnung der Macht sind noch nicht absehbar. Doch wird ein einheitlicher irakischer Staat – ob als Einheitsstaat, Föderation oder Konföderation – nicht aus einer Gesellschaft erwachsen, in der ein Teil der Bevölkerung Saddam zu Recht als schauerlichen Unterdrücker ansieht, während ein anderer Teil ihn als Held und Märtyrer verehrt.

Kriege führen immer zu unbeabsichtigten Folgen und grausamer Ironie. Im Irak wird erst jetzt deutlich, dass manche Staaten nicht gerettet werden können, ohne zerstört zu werden.

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