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Die Dollarabhängigkeit der Ukraine

KIEW – In der Ukraine steigt die Inflation sprunghaft an. Im März erreichte sie einen Wert von 26 %  pro Jahr und der Trend nach oben hält weiter an. Obwohl die Preise weltweit steigen, ist die Inflation in der Ukraine extrem, nämlich doppelt so hoch wie im benachbarten Russland. Aber erstaunlicherweise schürt die ukrainische Zentralbank die Inflation, anstatt etwas dagegen zu unternehmen.

Die Preise in der Ukraine begannen ungefähr zu dem Zeitpunkt aus dem Ruder zu laufen, als Julia Timoschenko letzten Dezember als Premierministerin zurückkehrte. Böswillige Beobachter meinen, dass wohl sie aufgrund ihrer Politik der populistischen Sozialausgaben für diese Preisentwicklungen verantwortlich sei. Das ist aber falsch. Vielmehr sorgte ihre Regierung kurz vor Neujahr für eine Straffung des Budgets. Tatsächlich berichtet Finanzminister Viktor Pynzenyk, dass man im ersten Quartal 2008 einen Budgetüberschuss von 0,6 % des BIP aufweist.

Das ist auch keine Überraschung, denn bei steigenden Preisen erhöhen sich die Staatseinnahmen, während die Ausgaben größtenteils gleich bleiben. Aber Timoschenkos Regierung hat in Wahrheit eine solide haushaltspolitische Leistung geliefert. Die Staatsfinanzen sind insgesamt in guter Verfassung, wobei die Staatsschulden lediglich 11 % des BIP betragen. Laut Angaben der Nationalbank der Ukraine (NBU) sind die internationalen Reserven kontinuierlich gestiegen und haben mittlerweile einen Wert von 33 Milliarden Dollar erreicht.

Der wahre Grund für die Inflation in der Ukraine ist, dass ihre Währung, die Hryvnia, an den US-Dollar gekoppelt ist. Wenn der Dollar an Wert verliert, wie dies jetzt geschehen ist, importiert die sehr offene Ökonomie der Ukraine die Inflation. Im letzten Jahr ist der Wert des Dollars gegenüber dem Euro um 12 % gefallen und der Euro ist im ukrainischen Außenhandel von größerer Bedeutung als der Dollar. 

Der Internationale Währungsfonds hat die Ukraine ständig davor gewarnt, dass die Koppelung ihrer Währung an den Dollar aufgrund einer Über- oder Unterbewertung eine Finanzkrise auslösen könnte. Überdies forderte man die Ukraine jahrelang auf, den Wechselkurs der Währung freizugeben. Aber die NBU weigerte sich dem nachzukommen – wodurch die Ukraine das letzte Land in Mittel- und Osteuropa mit einer an den Dollar gekoppelten Währung ist.

Die mächtigen Industriellen in der Ukraine lobten die von der NBU verfolgte Politik des niedrigen Wechselkurses, weil man meinte, dies würde das Land wettbewerbsfähiger machen. Dabei ignoriert man allerdings die Tatsache, dass die NBU nur die nominelle Aufwertung der Hryvnia kontrollieren kann. Tatsächlich werden die Kosten aber von der realen Aufwertung bestimmt, die sich aus den Wechselkursänderungen und der Inflation zusammensetzt. 

Die Anbindung an den Dollar hat die NBU auch zu einer lockeren Geldpolitik gezwungen. Die gegenwärtige Refinanzierungsrate der Ukraine beträgt 16 % pro Jahr, ist also um 10 % niedriger als die Inflation. Das heißt, dass die Ukraine einen negativen realen Zinssatz von 10 % aufweist. Infolgedessen explodierte letztes Jahr die Geldmenge M3 um nicht weniger als 52 %, was darauf hindeutet, dass die Inflation bald 30 % erreichen könnte.

Die Führung der NBU weiß, dass sie aktiv werden muss, um die Inflation einzudämmen. Durch ihr Beharren auf der Koppelung an den Dollar sind ihr aber die Hände gebunden, weil sie dies an einer ausreichenden Anhebung der Zinssätze hindert. Stattdessen greift man auf strenge Reserverichtlinien zurück, wodurch es zu Kreditrationierung kommt und löst damit mitten in der internationalen Kreditkrise eine nationale Kreditknappheit aus, die wohl manche mittelgroße Bank aufgrund von Liquiditätsproblemen in den Bankrott treiben wird. Eine Rationierung ist immer schlechter als ein Markt.

Warum beharrt die NBU nun auf dieser abträglichen Politik?  Inkompetenz ist ein Grund, aber die Politik ist wahrscheinlich der entscheidende Faktor. Die NBU untersteht dem ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko, der, obwohl er Timoschenko zur Premierministerin ernannte, mehr daran interessiert scheint, ihr politisch zu schaden, als die Inflation einzudämmen. 

Die Fehler in der Strategie der NBU sind so offenkundig, dass sie letztlich gezwungen sein wird, den Wechselkurs freizugeben, aber dieser Schritt könnte zu spät kommen. Selbst jetzt, mitten in der Inflationskrise, möchte die NBU in kleinen Schritten vorgehen, was darauf hindeutet, dass ihr offensichtlich die Schwere der Krise nicht bewusst ist. Die NBU müsste erklären, dass es kein Wechselkursziel mehr gibt und dass man die Interventionen beendet, indem man auf dem Devisenmarkt keine Dollars mehr kauft..

Bei Freigabe des Wechselkurses durch die NBU, würden die Ukrainer wahrscheinlich Milliarden Dollar in Hryvnia wechseln und damit den Wechselkurs des Hryvnia in die Höhe treiben. Das würde die Inflation in der Ukraine eindämmen, da die NBU die Geldmenge durch höhere Zinssätze und weniger durch Rationierung beschränken könnte.

Die Zeit ist knapp. Der große Ökonom Rudi Dornbusch sagte, dass eine Finanzkrise üblicherweise viel später losgeht, als alle erwarten, sich aber schneller entwickelt als sich alle vorstellen. Die Ukraine steht am finanziellen Abgrund.

Juschtschenko und die NBU können noch etwas unternehmen, aber wenn dies nicht sofort geschieht, könnte eine kostspielige und unnötige Finanzkrise folgen. Als Premierminister rettete Juschtschenko im Jahr 2000 sein Land vor dem Finanzkollaps. Das Wohlergehen der Ukraine darf nicht seinen politischen Ambitionen geopfert werden..

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