Into Africa
Lehren aus Südafrika
Desmond Tutu
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In Südafrika nähert sich das Ende der Amtszeit von Thabo Mbeki, des zweiten Präsidenten seit dem Ende des Apartheid-Regimes. Dies ist daher ein außerordentlich günstiger Zeitpunkt, um Rückschau zu halten, das Erreichte zu beurteilen, Fehler zu beherzigen und vielleicht Erwägungen anzustellen, welche Elemente aus unserem Demokratisierungsprozess auch anderswo zur Anwendung kommen könnten.
In Südafrika sind wir an Aufgaben dieser Art nicht gewöhnt, denn als Volk neigen wir dazu, unser Licht unter den Scheffel zu stellen. Bemerkenswerte Leistungen scheinen wir als selbstverständlich anzusehen und nicht entsprechend zu würdigen. Aus diesem Grund tendieren wir dazu, hinter jedem Sonnenstrahl eine unsichtbare Wolke zu vermuten. Wir glauben, dass unsere Errungenschaften nur für uns selbst Bedeutung hätten.
Die Welt hat den einigermaßen friedlichen Übergang Südafrikas von der Repression zur Demokratie noch immer nicht in seinem ganzen Ausmaß zu würdigen gewusst. Wir alle erinnern uns an die ersten Tage der Machtübernahme durch die schwarze Mehrheit, als die meisten Menschen glaubten, wir würden in einem grauenvollen ethnischem Blutbad versinken.
Es waren hoffnungslose Zeiten, kurz, aber tief in unserer Erinnerung verankert, als wahllose Tötungen in Zügen, Taxis und Bussen auf der Tagesordnung standen. Es war eine Zeit regelmäßiger Massaker – Sebokeng, Thokoza, Bisho, Boipatong und auf den Todesfeldern von KwaZulu Natal – die aufgrund der blutigen Rivalität zwischen dem Afrikanischen Nationalkongress und der Zulu Inkatha Freiheitspartei stattfanden.
Das Schicksal Südafrikas schien oftmals auf des Messers Schneide zu stehen, aber die große Katastrophe blieb aus. Stattdessen bestaunte – ja, bewunderte – die Welt die langen Menschenschlangen aus Südafrikanern aller ethnischen Gruppen, die sich am 27. April 1994 langsam auf die Wahlzellen zubewegten.
Teilweise war der Erfolg des südafrikanischen Übergangsprozesses natürlich auf ein Wunder zurückzuführen: auf die immense moralische Instanz Nelson Mandelas, eines Mannes um den uns die ganze Welt beneidet und dessen Gelassenheit und Klugheit ihn zu einer Ikone der Vergebung, des Mitgefühls, des Großmuts und der Versöhnung werden ließ. Es war ein Segen, dass er unser Land auf seine Wiedergeburt zuführte. Auch F. W. de Klerk, dem letzten Präsidenten des Apartheid-Regimes, gebührt unser Dank. Er bewies moralische Größe, indem er unseren Befreiungsprozess in Gang setzte.
Aber auch die gewöhnlichen Südafrikaner dürfen stolz auf sich sein, denn es waren ihre Selbstdisziplin, Anständigkeit und Fähigkeit zur Vergebung, die ein Blutbad verhinderten. Ihr Verhalten kann als Beispiel für Menschen in anderen Krisenregionen der Welt dienen.
Wir alle, vor allem aber die weißen Südafrikaner, standen unserer Wahrheits- und Versöhnungskommission (WVK) skeptisch gegenüber. Sie ermöglichte es denjenigen, die unter dem Apartheid-Regime große Verbrechen begingen, öffentlich ihre Schuld zu bekennen und so der Strafverfolgung zu entgehen. Nicht Strafe, sondern Wahrheit sollte Heilung bringen. Die WVK genießt fast auf der ganzen Welt hohes Ansehen und wird als Maßstab betrachtet, an dem Bemühungen im Übergang von der Diktatur zur Demokratie zu messen sind.
Ja, auch die WVK hatte ihre Fehler – so wie alle menschlichen Unternehmungen. Trotzdem war sie eine bemerkenswerte Institution, denn viele Menschen dachten, dass die Einsetzung einer schwarzen Regierung den Ausbruch einer Rache- und Vergeltungsorgie gegen die Weißen zur Folge hätte, während der man sich für alle Erniedrigungen revanchieren würde, welche die schwarzen Südafrikaner zwischen Kolonialisierung und Apartheid erleiden mussten.
Stattdessen bewunderte die Welt die großartige Geisteshaltung, die sich jeden Tag vor der WVK offenbarte, als die Opfer schrecklicher Gräueltaten ihren Peinigern vergaben – und sie fallweise sogar umarmten. Durch die Apartheid waren alle Südafrikaner traumatisiert. Die WVK half, schwärende Wunden zu öffnen, sie zu reinigen und Balsam auf sie aufzutragen, um für alle Menschen in Südafrika Heilung zu bringen.
Es ist einfach, die Arbeit der WVK als selbstverständlich zu betrachten, bis man auf die Lage im Mittleren Osten und das Chaos im Irak blickt, wo Rache, Vergeltung und Heimzahlung einen unaufhaltsamen Teufelskreis der Gewalt in Gang halten. Auch die Gräuel eines Völkermordes wie er in Ruanda stattfand blieben Südafrika erspart, ebenso endlose Konflikte wie in Sri Lanka, Burundi, im Sudan, Côte d'Ivoire und vielen anderen Ländern. Die bittere Wahrheit, wie sie vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission dargelegt wurde, entzog unserer Politik das Gift. Das ist eine Lektion von der andere beschädigte Länder profitieren können und müssen.
Die Lehre aus dem Demokratisierungsprozess Südafrikas ist, dass ein gespaltenes Land keine Zukunft hat, wenn man ohne Wahrheitsfindung und Vergebung weitermacht. Der Demokratisierungsprozess in Russland begann fast gleichzeitig mit dem in Südafrika. Die Berliner Mauer fiel im November 1989. Nelson Mandela wurde im Februar 1990 aus der Haft entlassen. Aber angesichts der Ereignisse in Russland – überhand nehmendes organisiertes Verbrechen, der Tschetschenien-Konflikt und Massaker wie die blutige Geißelnahme in einem Moskauer Kino oder die Katastrophe in der Schule von Beslan – angesichts dessen also, nimmt sich der südafrikanische Demokratisierungsprozess wie ein Sonntagsspaziergang aus. Da sich die Russen der Wahrheit ihrer sowjetischen Vergangenheit nicht stellen, handeln sie sich Schwierigkeiten für die Zukunft ein.
Ein Verbrechen kann niemals begraben werden. Politische Verbrechen verblassen nicht. Wir haben nicht vergessen, was schwarzen Menschen im Namen der Apartheid angetan wurde. Durch die Einsetzung der Wahrheits- und Versöhnungskommission wissen wir allerdings viel mehr über das wahre Ausmaß des Schreckens dieser Ära, als wenn wir versucht hätten, die Verantwortlichen strafrechtlich zu verfolgen oder einfach weiterzumachen. Die Wahrheit hat uns im wahrsten Sinne des Wortes befreit, um mit uns selbst ins Reine zu kommen. Gedenken und Vergebung haben es uns ermöglicht, den unvergessenen Albtraum zu einem Teil unserer Vergangenheit werden zu lassen. Ich hoffe zutiefst, dass die Iraker und andere von ihrer Vergangenheit verfolgte Völker einen Weg finden, um in Frieden und mit sich selbst im Reinen leben zu können.
Erzbischof Desmond Tutu ist Friedensnobelpreisträger.
Copyright: Project Syndicate, 2006 (mit freundlicher Genehmigung von Erzbischof Desmond Tutu)
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
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