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Into Africa

Gerechtigkeit bedeutet Versöhnung

Desmond Tutu

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2006-01-16

In Südafrika, wie tatsächlich weltweit, werden wir in dem strikten Bewusstsein erzogen, dass Gerechtigkeit Sühne bedeutet. Angesichts des schockierenden Anstiegs der Gewaltkriminalität und der Zunahme abscheulicher Verbrechen wie der Vergewaltigung und des Missbrauchs von Kindern häufen sich nun die Rufe – unterstützt von weiten Teilen der Bevölkerung – nach Wiedereinführung der Todesstrafe. Glücklicherweise hat das südafrikanische Verfassungsgericht entschieden, dass die Todesstrafe – die die Südafrikaner mit Befreiung von der Apartheid abschaften – verfassungswidrig sei.

Vielerorts auf der Welt scheint es leider so, als ob sich Männer und Frauen in ihrem Sehnen nach Vergeltung nicht über die biblische Warnung „Auge um Auge“ hinaus entwickelt haben. So wird in einigen muslimischen Ländern verurteilten Dieben öffentlich die Hand amputiert. Dabei berief man sich ursprünglich auf das Bibelwort, um zu verhindern, dass unschuldige Verwandte der Person, die getötet hatte, der Blutrache zum Opfer fielen. „Auge um Auge” verlangt, dass nur der Schuldige selbst das Ziel sein solle – und niemand anderes, dessen einziges Verbrechen in seiner Verwandtschaft zum Täter bestand.

„Auge um Auge“ sollte also nicht das bedeuten, was wir heute darunter verstehen: nämlich, dass ein Mord durch einen anderen Mord gesühnt werden soll. Dies hätte, angesichts der Brutalität der Apartheid-Ära, in meinem Heimatland nie funktioniert.

Einige Südafrikaner riefen seinerzeit nach Verfahren nach Art der Nürnberger Prozesse, insbesondere in Bezug auf jene, deren Gräueltaten das bösartige Apartheidssystem hatten aufrecht erhalten sollen. Man verlangte, dass die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden müssten.

Unser Glück jedoch war, dass Nürnberg für uns eigentlich nie in Betracht kam. Zu den Nürnberger Prozessen kam es, weil die Alliierten die bedingungslose Kapitulation der Nazis erzwangen und also eine so genannte Siegerjustiz durchsetzen konnten. In unserem Fall konnten weder der Apartheidsstaat noch die Befreiungsbewegungen einander besiegen. Wir waren militärisch an einem toten Punkt angelangt. Außerdem: Im Falle Nürnbergs konnten Ankläger und Richter nach dem Prozess ihre Taschen packen, Deutschland verlassen und in ihre jeweilige Heimat zurückkehren. Wir mussten uns in diesem, unserem gemeinsamen Vaterland eine Heimat schaffen und lernen, miteinander zu leben.

Derartige Prozesse hätten sich vermutlich nahezu endlos hingezogen und klaffende Wunden hinterlassen. Es wäre schwierig gewesen, die Beweise beizubringen, um zu Verurteilungen zu gelangen. Wir alle wissen, wie überaus gerissen Bürokraten bei der Vernichtung von Belastungsmaterial vorgehen können.

Es war daher eine Gnade, dass unser Land sich für den Weg der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) entschied – und im Tausch gegen die Wahrheit Amnestie gewährte. Letztlich beruhte dies auf den Prinzipien der Restorative Justice (etwa: wiedergutmachende Gerechtigkeit*) und des Ubuntu (etwa: Menschlichkeit in der Gemeinschaft*).

Bei den TRC-Anhörungen erfuhren wir viel über die schrecklichen Einzelheiten jener Gräueltaten, die zur Aufrechterhaltung des Apartheidsystems oder zu seiner Bekämpfung begangen wurden. „Wir gaben ihm Kaffee mit einem Schlafmittel drin und schossen ihn in den Kopf und dann haben wir seine Leiche verbrannt. Es dauert sieben bis acht Stunden, bis ein menschlicher Körper verbrennt, also haben wir nebenbei gegrillt, Bier getrunken und Fleisch gegessen.“ Wie tief wir Menschen in unserer Unmenschlichkeit doch sinken können!

Jedes Mal, wenn derart grässliche Geschichten öffentlich gemacht wurden, mussten wir uns erinnern, dass diese Taten in der Tat dämonisch waren, jeder Täter jedoch trotz allem Gottes Kind blieb. Ein Monster trägt keine moralische Schuld und kann also auch nicht verantwortlich gemacht werden; sogar noch gravierender aber ist, dass wir, wenn wir jemanden als Monster bezeichnen, damit jede Möglichkeit seiner Rehabilitation ausschließen. Restorative Justice und Ubuntu basieren fest auf der Anerkennung der fundamentalen Menschlichkeit selbst des denkbar schlimmsten Verbrechers.

Wir dürfen niemanden aufgeben. Wenn es stimmte, dass Menschen sich nicht ändern können, dass wer einmal ein Mörder ist, immer wieder morden wird, so wäre der gesamte TRC-Prozess nicht möglich gewesen. Er ereignete sich, weil wir daran glaubten, dass selbst der schlimmste Rassist das Potenzial in sich trägt, sich zu ändern. Und ich glaube, wir sind damit in Südafrika nicht schlecht gefahren; zumindest scheint die übrige Welt in Bezug auf den Wandel unseres Landes und den TRC-Prozess dieser Ansicht zu sein. Denn „Auge um Auge“ kann niemals funktionieren, wenn Volksgruppen miteinander im Konflikt stehen – jede Vergeltungsmaßnahme führt nur zu weiterer Vergeltung, in einer Spirale des Blutvergießens von der Form, wie wir sie im Nahen Osten erleben.

Bei der Art von Gerechtigkeit, wie Südafrika sie praktiziert hat – und die ich Restorative Justice nenne – geht es, anders als bei der Vergeltung, nicht in erster Linie um Bestrafung. Strafe ist nicht das grundlegende Prinzip. Restorative Justice legt großen Wert auf Heilung. Das Verbrechen hat einen Bruch in den Beziehungen verursacht, und dieser Bruch muss geheilt werden. Restorative Justice betrachtet den Täter als Person, als Subjekt mit einem Sinn für Verantwortung und einem Sinn für Scham; er muss wieder in die Gemeinschaft eingegliedert werden und darf nicht aus ihr ausgeschlossen werden.

Den alten Sitten und Gebräuchen der afrikanischen Gesellschaft wohnt ein enormes Maß an Weisheit inne. Gerechtigkeit war Sache der Gemeinschaft, und die Gemeinschaft legte großes Gewicht auf gesellschaftliche Eintracht und Frieden. Man glaubte, dass ein Mensch nur durch andere Menschen zum Menschen wird, und dass ein zerbrochener Mensch Hilfe braucht, um Heilung zu finden. Was das Verbrechen gestört hatte, sollte wiedergutgemacht werden, und Täter und Opfer musste bei der Aussöhnung geholfen werden.

Gerechtigkeit als Vergeltung ignoriert häufig das Opfer, und das System ist in der Regel unpersönlich und kalt. Restorative Justice ist hoffnungsvoll. Sie glaubt daran, dass selbst der schlimmste Verbrecher ein besserer Mensch werden kann.

Das bedeutet nicht, gegenüber dem Verbrechen nachsichtig zu sein. Die Täter müssen die Schwere ihrer Verbrechen anhand der Strafhöhe erfahren, aber es muss Hoffnung geben, Hoffnung, dass der Täter, nachdem er seine Schuld an der Gesellschaft bezahlt hat, wieder ein nützliches Mitglied dieser Gesellschaft werden kann. Wenn wir so handeln, als ob wir wirklich daran glauben, dass jemand ein besserer Mensch sein kann, ein besserer Mensch ist, dann wird derjenige häufig entsprechend unseren Erwartungen wachsen.

*Anmerkungen des Übersetzers

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AUTHOR INFO

Desmond Tutu is Archbishop Emeritus of Cape Town and a Nobel Peace Prize laureate.