Wednesday, October 22, 2014
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Krebs in den Entwicklungsländern

STANFORD: Krebs wird manchmal als eine Krankheit der wohlhabenderen Länder betrachtet, aber auch in den ärmeren Ländern ist er eine bedeutende Krankheits- und Todesursache. Tatsächlich werden bis Ende dieses Jahrzehnts etwa 150 Millionen Menschen Krebs haben, und etwa 60% davon werden in den Entwicklungsländern leben.

Obwohl in diesen Ländern weniger Menschen das Alter erreichen, in dem Krebs am häufigsten auftritt, erhöhen dort Mangelernährung und der Kontakt mit Viren und Toxinen zusammen mit dem Mangel an Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten die Inzidenz und Tödlichkeit von Krebs. Viele Menschen in armen Ländern sterben an Krebsarten, die in wohlhabenderen Gesellschaften vermeidbar oder behandelbar sind. Aber sie erliegen auch anderen Geißeln der Menschheit wie etwa Infektionskrankheiten. Wie also kann und sollte man dieses Dilemma angehen?

Margaret Chan, Leiterin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), und Yukiya Amano, Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), haben kürzlich in einem Artikel darauf hingewiesen, dass die Gesundheitssysteme der meisten Entwicklungsländer auf die Bekämpfung von Infektionskrankheiten und nicht von Krebs ausgerichtet sind. Ich halte dies angesichts der schweren Folgen von Infektionskrankheiten und der Tatsache, dass sich viele davon zu relativ bescheidenen Kosten verhindern und behandeln lassen, für eine vernünftige Strategie.

Die Diagnose und Behandlung der meisten Krebsarten in den Entwicklungsländern würde enorme, entmutigende Investitionen in die Infrastruktur erfordern. Chan und Amano betonen:

[D]en meisten fehlt es an Geld, medizinischem Gerät und geschultem Personal, die nötig sind, um Krebspatienten eine grundlegende Betreuung zu bieten. In dreißig Ländern – die Hälfte davon in Afrika – gibt es kein einziges Gerät zur Strahlentherapie. Und mit Sicherheit verfügen diese Länder nicht über die finanziellen Mittel, Einrichtungen, Geräte, Technologie, Infrastruktur, Mitarbeiter oder Ausbildung, um die langfristigen Anforderungen der Krebsbetreuung zu bewältigen.

Um damit zu beginnen, diese Mängel zu beheben, widmet sich die IAEA dem „Ausbau der strahlenmedizinischen Kapazitäten der einzelnen Länder. Doch bedeutet Technologie allein gar nichts ohne gut ausgebildetes und motiviertes Personal, das sie bedient.“

Ein derartiger Ansatz ist freilich wenig zielgerichtet und dürfte kaum kosteneffizient sein. Wie Daten der UNO selbst zeigen, bleiben die Infektionskrankheiten, von denen viele verhinderbar und behandelbar sind, die Geißel der ärmeren Bevölkerungen. Im Jahre 2008 verursachten etwa 250 Millionen Fälle von Malaria nahezu eine Million Tote, zumeist Kinder unter fünf Jahren. In praktisch allen armen Ländern, in denen die Malaria weit verbreitet ist, ist der Zugang zu Antimalariamitteln (insbesondere einer auf Artemisinin beruhenden Kombinationstherapie) unzureichend.

Die Inzidenz der Malaria ließe sich durch eine weitsichtige Anwendung der für Mücken tödlichen Chemikalie DDT drastisch verringern, doch UNO und nationale Aufsichtsbehörden haben deren Verfügbarkeit aufgrund fehlerhafter Vorstellungen über ihre Toxizität beschränkt. Viele hundert Millionen Menschen leiden unter anderen vernachlässigten tropischen Krankheiten, darunter lymphatischer Filariose und Cholera.

Obwohl die Anzahl der HIV-Neuinfektionen weltweit im vergangenen Jahrzehnt leicht zurückging, steckten sich 2008 2,7 Millionen Menschen mit dem Virus an, und es gab zwei Millionen HIV/AIDS-bedingte Todesfälle. Ende dieses Jahres erhielten mehr als vier Millionen Menschen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen eine antiretrovirale Behandlung, aber mehr als fünf Millionen HIV-positive Menschen wurden weiterhin nicht behandelt. Weltweit steigt die Zahl der Neuinfektionen mit Tuberkulose; besonders besorgniserregend ist dabei das zunehmende Auftreten multiresistenter Bakterienstämme.

Laut UNO-Statistiken haben etwa 15% der Weltbevölkerung keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser, und „2008 hatten 2,6 Milliarden Menschen keinen Zugriff auf eine hygienische Toilette oder Latrine“, während „1,1 Milliarden Menschen ihre Notdurft im Freien verrichteten“. Noch immer tragen primitive Ansätze beim Abwassermanagement zur Verbreitung von Infektionen wie Bilharziose, Ägyptischer Augenkrankheit, viraler Hepatitis und Cholera bei.

Viele Krebsarten werden vermutlich durch chronische virale Infektionen verursacht – ein weiterer Grund, warum es eindeutig sinnvoller ist, Infektionskrankheiten durch Verbesserung des Zugangs zu sauberem Wasser, grundlegenden sanitären Einrichtungen, Antibiotika und Impfstoffen zu bekämpfen, als strahlentherapeutische Einrichtungen zu errichten. In einigen technologisch unterentwickelten, aber ölreichen Ländern des Nahen Ostens wurden hochmoderne strahlentherapeutische (und kardiopulmonale Bypass-) Geräte ausgeliefert, aber nie benutzt oder durch Stromschwankungen oder -ausfälle beschädigt. Und viele arme Länder haben keine einzige medizinische Hochschule, und wenn ihre Bürger im Ausland studieren, dann bleiben sie häufig entweder dort oder sie sind auf das untertechnologisierte Milieu, das sich von dem, in welchem sie ausgebildet wurden, so sehr unterscheidet, schlecht vorbereitet.

Auch wenn der Einsatz teurer Geräte und chemotherapeutischer Medikamente sowie hochentwickelter, komplexer Verfahren wie etwa von Knochenmarktransplantationen unklug wäre, heißt dies nicht, dass wir die Krebsbehandlung in den Entwicklungsländern völlig aufgeben sollten. Manchmal sind Prävention, Diagnose und Behandlung kosteneffektiv. Impfstoffe zur Verhinderung von Hepatitis A und B (und C, wenn dieser einmal zur Verfügung steht) verringern die Inzidenz nicht nur von Virusinfektionen, sondern auch von Folgekrankheiten wie Zirrhose und Leberkrebs. Und vom Gesundheitswesen ausgehende Bemühungen zur Verringerung von Luftverschmutzung und Tabakkonsum könnten die Häufigkeit von Lungenkrebs in Asien und Afrika verringern.

Ein weiteres Beispiel sind viele Gebärmutterkrebsarten, die durch Impfstoffe gegen humane Papillomviren verhindert werden können. Und durch Einsatz von Essigsäure lassen sich Gebärmutterkarzinome sichtbar machen, die dann anschließend kältetherapeutisch behandelt werden können.

Das Fazit ist: In einer Welt begrenzter Gesundheitsressourcen müssen wir schwierige Entscheidungen treffen, die für die größte Anzahl an Menschen zu möglichst geringen Kosten wirkungsstarke Ergebnisse herbeiführen.

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