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Die Übergröße der Finanzinstitute: ein falscher Schwerpunkt?

LONDON: Die Weltwirtschaftskrise von 2008-2009 war offensichtlich zum Teil eine Krise bestimmter systemisch wichtiger Banken und anderer Finanzinstitute wie etwa AIG. Hieraus ergab sich eine intensive Debatte über die Probleme, die auftreten, wenn derartige Institute als zu groß gelten, um sie scheitern zu lassen.

Politisch konzentriert sich diese Debatte auf die Kosten von Rettungsmaßnahmen und auf Besteuerungsmaßnahmen, um „unser Geld wiederzubekommen“. Für die Ökonomen dagegen stehen die von der Erwartung eines im Zweifel ja sowieso erfolgenden Bailouts ausgehenden subjektiven Risiken, die die Marktdisziplin zugunsten einer exzessiven Risikobereitschaft untergraben, im Mittelpunkt – und auch der unfaire Vorteil, den derartige stillschweigende Garantien großen Akteuren gegenüber jenen Wettbewerbern bieten, die klein genug sind, um sie untergehen zu lassen.

Derzeit werden zahlreiche politische Alternativen für den Umgang mit diesem Problem debattiert. Hierzu gehören höhere Eigenkapitalquoten für systemisch wichtige Banken, eine strengere Aufsicht, Beschränkungen der Handelstätigkeit, vorher festgelegte Auflösungs- und Sanierungspläne sowie Steuern, die nicht darauf abzielen, „unser Geld zurückzubekommen“, sondern  die externen Auswirkungen zu internalisieren – d.h. dafür zu sorgen, dass die Verursacher für die gesellschaftlichen Kosten ihres Verhaltens aufkommen – und bessere Anreize zu schaffen.

Ich bin davon überzeugt, dass es notwendig ist, Antworten auf das Problem der Übergröße dieser Finanzinstitute zu finden. Tatsächlich ist dies die zentrale Frage, mit der sich der Ständige Ausschuss des Financial Stability Board, dem ich vorstehe, derzeit befasst. Doch dürfen wir „notwendig“ nicht mit „hinreichend“ verwechseln; es besteht die Gefahr, dass eine ausschließliche Konzentration auf die Übergröße der Finanzinstitute uns von grundlegenderen Fragen ablenkt.

Vom Blickpunkt der Öffentlichkeit aus erscheint der Fokus auf derartige Institute aufgrund der hohen Kosten ihrer finanziellen Rettung berechtigt. Doch wenn wir in vielleicht zehn Jahren auf die Krise zurückblicken, könnten wir überrascht sein, wie vergleichsweise niedrig die direkten Rettungskosten erscheinen. Im Nachhinein dürfte sich zeigen, dass die Bürgschaften vieler Regierungen nicht mit Kosten verbunden waren: Die Unterstützung bei der Liquidität durch die Zentralbanken zu Markt- oder Strafzinsen wird häufig zu einem Gewinn führen, und die geleisteten Kapitalspritzen werden sich durch spätere Aktienverkäufe teilweise und in manchen Fällen sogar ganz wieder hereinholen lassen.

Die geschätzten dem Steuerzahler durch die Rettungsmaßnahmen entstehenden Belastungen variieren je nach Land, betragen jedoch in der Regel nur wenige Prozentpunkte vom BIP. Das Verhältnis der öffentlichen Schulden zum BIP in Großbritannien und den USA jedoch dürfte infolge der Krise um 40-50 Prozentpunkte steigen, und auch andere wichtige Messgrößen des wirtschaftlichen Schadens – entgangenes BIP-Wachstum, zusätzliche Arbeitslosigkeit und private Vermögens- und Einkommensverluste – werden zulegen.

All dies legt nahe, dass das Hauptproblem nicht die dem Staat entstehenden Rettungskosten, sondern die gesamtwirtschaftliche Volatilität, die durch das unsichere Kreditangebot – zunächst eine zu lockere und zu billige und dann eine stark eingeschränkte Kreditvergabe – herbeigeführt wurde, ist. Und es ist möglich (und ich vermute sogar, wahrscheinlich), dass diese Probleme beim Kreditangebot selbst dann fortbestehen werden, falls das Problem der übergroßen Finanzinstitute wirksam  gelöst wird.

In den USA gab es in dieser Krise eine allzu freigiebige Kreditvergabe für Gewerbeimmobilien seitens der Regionalbanken. Wenn derartige Banken scheitern, werden sie  von der Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC) in der üblichen Weise aufgelöst, immer im Einklang mit den Markterwartungen. In Großbritannien hatten wir in ähnlicher Weise Probleme mit mittelgroßen Hypothekenbanken sowie einer schlechten Kreditvergabe bei Gewerbeimmobilien seitens der genossenschaftlichen Bausparkassen Wir hatten auch Probleme mit zwei Großbanken. Irland steht vor enormen wirtschaftlichen Problemen infolge eines Booms bei den Gewerbeimmobilien; dieser jedoch wurde von Banken angeheizt, die im internationalen Vergleich relativ klein sind.

Es besteht also die Gefahr, dass ein übertriebener Fokus auf das Problem der Übergröße sich zu einer neuen Form des Glaubens auswachsen könnte, dass wir, wenn wir ein wichtiges Marktversagen nur erkennen und korrigieren können, endlich ein stabiles und sich selbst ins Gleichgewicht bringendes System erreichen können. Doch viele der Probleme, die zu der Krise geführt haben – und die, wenn man sie nicht behebt, künftige Krisen auslösen könnten –, haben ihren Ursprung woanders.

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