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Zu groß, um am Leben zu bleiben

NEW YORK: Es ist eine erbitterte globale Kontroverse im Gange: Was für neue Regulierungsmaßnahmen sind erforderlich, um das Vertrauen in das Finanzsystem wiederherzustellen und dafür zu sorgen, dass nicht in ein paar Jahren eine neue Krise ausbricht. Der Chef der Bank von England, Mervyn King, hat sich für Beschränkungen bei der Art von Aktivitäten ausgesprochen, mit denen sich Megabanken beschäftigen können. Der britische Premierminister Gordon Brown widerspricht: Die erste britische Bank, die scheiterte und damit Kosten in Höhe von 50 Milliarden Dollar verursachte, – Northern Rock – sei schließlich mit dem alltäglichen Geschäft der Hypothekenvergabe befasst gewesen.

Browns Beobachtung impliziert, dass sich durch derartige Beschränkungen nicht garantieren lässt, dass es keine weitere Krise gibt; King jedoch hat Recht, wenn er verlangt, dass Banken, die zu groß sind, um sie scheitern zu lassen, an den Zügel gelegt werden müssen. In den USA, Großbritannien und anderswo sind die Großbanken für den Großteil der dem Steuerzahler entstandenen Kosten verantwortlich. Amerika hat allein dieses Jahr 106 kleinere Banken Bankrott gehen lassen. Es sind die Megabanken, die die Megakosten verursachen.

Die Krise ist ein Ergebnis mindestens acht klar unterscheidbarer, aber zusammenhängender Versäumnisse:

·        Bei Banken, die zu groß sind, um sie scheitern zu lassen, sind Fehlanreize am Werk: Wenn sie zocken und damit Erfolg haben, stecken sie das Geld ein; wenn sie scheitern, zahlt der Steuerzahler.

·        Die Finanzinstitute sind zu stark miteinander vernetzt, um sie scheitern zu lassen; der Teil von AIG, der Amerikas Steuerzahler 180 Milliarden Dollar gekostet hat, war relativ klein.

·        Selbst wenn die einzelnen Banken klein sind: Falls sie – weil sie dieselben Modelle nutzen – ein korreliertes Verhalten an den Tag legen, kann dies systemische Risiken befeuern.

·        Die Anreizstrukturen bei den Banken sind darauf ausgelegt, zu kurzfristigem Handeln und zur Übernahme übertriebener Risiken zu ermutigen.

·        Bei der Beurteilung ihrer eigenen Risiken lassen die Banken externe Faktoren, die sie (oder ihr Scheitern) anderen aufbürden würden, unberücksichtigt – ein Grund dafür, dass wir überhaupt eine Regulierung brauchen.

·        Die Banken haben bei der Risikobewertung schlechte Arbeit geleistet – die von ihnen verwendeten Modelle hatten schwere Fehler.

·        Die Anleger, die sich scheinbar noch weniger über die Risiken einer exzessiven Verschuldung im Klaren waren als die Banken, setzten diese enorm unter Druck, übertriebene Risiken einzugehen.

·        Die Aufsichtsbehörden, die all dies eigentlich verstehen und systemische Risiken auslösende Handlungen verhindern sollten, haben versagt. Auch bei ihnen gab es fehlerhafte Modelle und Fehlanreize; zu viele verstanden die Rolle der Regulierung nicht; und viel zu viele ließen sich von denen vereinnahmen, die sie eigentlich regulieren sollten.

Wenn wir mehr Vertrauen in unsere Regulierer und Aufseher haben könnten, könnten wir in Bezug auf all die anderen Probleme ein bisschen entspannter sein. Doch Regulierung und Aufsicht sind fehlbar, und deshalb müssen wir das Problem von allen Seiten angehen.

Natürlich, Regulierung kostet Geld. Doch die Kosten einer unzureichenden Regulierungsstruktur sind enorm. Wir haben nicht annähernd genug getan, um eine neuerliche Krise zu verhindern, und die Vorteile einer verstärkten Regulierung überwiegen die erhöhten Kosten bei weitem.

King hat Recht: Banken, die zu groß sind, um sie scheitern zu lassen, sind zu groß, um zu existieren. Und falls sie doch bestehen bleiben, dann im Rahmen eines so genannten „Versorgermodells“, d.h. streng reguliert.

Insbesondere führt es zu Verzerrungen auf den Finanzmärkten, wenn man zulässt, dass solche Banken weiter im Eigenhandel tätig sind. Warum sollte man ihnen das Zocken gestatten, wenn für ihre Verluste der Steuerzahler bürgt? Was sind die „Synergien“? Können diese unter welchen Umständen auch immer die Kosten überwiegen? Einige Großbanken sind inzwischen (entweder auf eigene Rechnung oder im Kundennamen) in ausreichend großem Umfang am Handel beteiligt, dass sie de facto denselben unfairen Vorteil dabei haben wie jemand, der Insidergeschäfte tätigt.

Dies mag ihnen höhere Gewinne eintragen, aber auf Kosten anderer. Das sind verzerrte Wettbewerbsbedingungen, die kleinere Akteure zunehmend benachteiligen. Wer würde nicht einen Credit Default Swap bevorzugen, für den die Regierung der USA oder Großbritanniens bürgt? Kein Wunder also, dass der Markt von Instituten beherrscht wird, die zu groß sind, um sie scheitern zu lassen.

Das Einzige, über das die Ökonomen heute einig sind, ist, die Wichtigkeit von Anreizen. Die Bankvorstände wurden für höhere Renditen belohnt – egal, ob diese ein Ergebnis besserer Leistungen (als der Markt) oder bloß größerer Risiken (also eines höheren Verschuldungsgrades) waren. Entweder haben die Banker also ihre Aktionäre und Anleger betrogen oder die Beschaffenheit von Risiko und Belohnung nicht verstanden. Vielleicht beides. So oder so ist es entmutigend.

Angesichts des mangelnden Risikoverständnisses der Anleger und der Mängel bei der Corporate Governance hatten die Banker einen Anreiz, es zu unterlassen, gute Anreizstrukturen zu entwerfen. Es ist lebenswichtig, solche Fehler zu korrigieren – auf der Ebene des Unternehmens und des einzelnen Managers.

Also muss man Bankinstitute, die zu wichtig sind, um sie scheitern zu lassen (oder aufzulösen), aufspalten. Wo dies nicht geht, muss man ihr Tun streng begrenzen und ihnen höhere Steuern und Kapitalanforderungen auferlegen, um Chancengleichheit herzustellen. Der Teufel steckt dabei natürlich im Detail, und die Großbanken werden alles in ihrer Macht Stehende tun, um die ihnen auferlegten Belastungen ausreichend klein zu halten, dass sie die Vorteile, die sie dadurch erzielen, dass der Steuerzahler für sie bürgt, nicht überwiegen.

Selbst wenn wir die Anreizstrukturen der Banken in perfekter Weise reparieren – was nicht zur Disposition steht –, stellen die Banken noch immer ein großes Risiko dar. Je größer die Banken und je mehr Risiken Großbanken eingehen dürfen, desto größer ist die Bedrohung für unsere Volkswirtschaften und Gesellschaften.

Dies sind keine Fragen von Schwarz und Weiß: Je stärker wir die Größe beschränken, desto entspannter können wir in Bezug auf diese und andere Einzelheiten der Regulierung sein. Das ist der Grund, warum King, Paul Volcker, die Expertenkommission zur Reform des internationalen Währungs- und Finanzsystems der Vereinten Nationen und viele andere mit ihrer Forderung Recht haben, dass man den Großbanken Einhalt gebieten muss. Dies muss von verschiedenen Seiten her geschehen: durch Sondersteuern, erhöhte Kapitalanforderungen, eine strengere Aufsicht und Beschränkungen bei der Größe und Risikoübernahme.

Ein solcher Ansatz wird künftige Krisen nicht verhindern, aber er macht sie weniger wahrscheinlich – und weniger kostspielig, wenn sie denn eintreten.

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