The Worldly Philosophers
Zivilisierte Gespräche
Tzvetan Todorov
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PARIS: Was bedeutet es, „zivilisiert“ zu sein? Hoch gebildet zu sein, einen Schlips zu tragen, mit der Gabel zu essen oder sich einmal pro Woche die Fingernägel zu schneiden reicht offensichtlich nicht aus. Wir alle wissen, dass in dieser formalen Weise „zivilisiert“ zu sein Menschen nicht davon abhält, sich wie Barbaren aufzuführen. Zivilisiert zu sein bedeutet, überall und jederzeit in der Lage zu sein, die Menschlichkeit anderer zu erkennen und zu akzeptieren – trotz unterschiedlicher Lebensformen.
Dies mag offensichtlich erscheinen, wird jedoch nicht universell anerkannt. Die Vorstellung eines Dialogs zwischen Zivilisationen trifft in der Regel auf positive Resonanz, wird manchmal aber auch verspottet. Das Nachwort von Elie Barnavis aktueller Streitschrift Mörderische Religion ist überschrieben: Gegen den „Dialog der Kulturen“. Barnavis Argumentation ist unerbittlich: „Es gibt auf der einen Seite die Zivilisation und auf der anderen Seite die Barbarei. Ein Dialog zwischen beiden ist unmöglich.“
Doch betrachtet man diese Argumentation genauer, ist der Fehler darin unmittelbar offensichtlich. Die Bedeutung der Begriffe Zivilisation und Kultur unterscheidet sich sehr, je nachdem, ob man sie im Singular oder in der Pluralform verwendet. Kulturen (Plural) bezeichnet die Lebensformen, die verschiedenen Menschengruppen sich zu Eigen machen, und umfasst alles, dass deren Mitglieder gemein haben: Sprache, Religion, Familienstrukturen, Ernährung, Kleidung usw. In diesem Sinne ist „Kultur“ eine beschreibende Kategorie, der keinerlei Werturteil innewohnt.
Zivilisation (Singular) ist dagegen eine bewertende moralische Kategorie: das Gegenteil der Barbarei. Daher ist ein Dialog zwischen den Kulturen für die Zivilisation nicht nur nützlich, sondern unverzichtbar. Ohne ihn ist Zivilisation nicht möglich.
Anders als von den Befürwortern der Vorstellung vom „Kampf der Kulturen“ („Clash of Civilizations“) behauptet, laufen Begegnungen zwischen unterschiedlichen Kulturen normalerweise einfach und friedlich ab, denn wir sind psychologisch darauf eingestellt. Jeder von uns ist das Produkt mehrerer Kulturen, selbst wenn er sein Heimatland nie verlassen hat, denn Kultur ist nicht allein national bedingt. Wir alle tragen die Kultur unseres Geschlechts, unserer Altersgruppe, unseres Vermögens, unserer sozialen Schicht und unseres Berufs in uns.
Diese Pluralität der Kulturen stellt für uns normalerweise kein Problem dar, weil der Wechsel von einem kulturellen Code zu einem anderen eine universelle menschliche Fähigkeit ist. Schließlich sprechen wir nicht mit jedem Einzelnen, den wir im Laufe des Tages treffen, auf dieselbe Weise.
Mehr noch: Einem bestimmten Gebiet zugeordnete Kulturen sind nie wirklich „rein“. So weit Sie in der Geschichte eines Landes wie Frankreichs auch zurückgehen können: Immer stoßen Sie auf Treffen zwischen verschiedenen Stämmen und ethnischen Gruppen, und damit zwischen unterschiedlichen Kulturen: Galliern, Franken, Römern und vielen anderen. Wohin Sie auch schauen (mit Ausnahme vielleicht der tiefen Täler Neu-Guineas, wo es möglicherweise noch immer obskure, isoliert voneinander lebende Stämme gibt), gibt es ausschließlich Mischkulturen. Doch während einige Kulturen auf ihre Pluralität stolz sind, versuchen andere, sie zu verbergen.
Das Konzept eines Dialogs zwischen Kulturen wird manchmal überbeansprucht oder erscheint nur als fromme Hoffnung, weil wir einen unmöglichen Anspruch daran erheben: aufgepeitschte politische Konflikte zu lösen. Ein Dialog – so nützlich er auch sein mag – kann Fragen zur Freizügigkeit der Menschen oder zur gemeinsamen Nutzung von Gebieten oder natürlichen Ressourcen nicht lösen. Politik und Kultur funktionieren nicht auf derselben Ebene: Erstere regelt das Handeln, Letztere beeinflusst Mentalitäten; Erstere befasst sich mit Notfällen, Letztere kann Generationen erfordern, um ein Ergebnis herbeizuführen.
Wir sollten uns für einen solchen Dialog einsetzen, indem wir mit einfachen und bescheidenen Initiativen beginnen. Wir brauchen mehr Übersetzungen der Vorstellungen und Literaturen anderer Länder, mehr lange Auslandsaufenthalte für Studenten, mehr Fremdsprachenunterricht und Ermutigung zum Studium anderer Kulturen sowie eine verstärkte Konfrontation zwischen nationalen Erinnerungen (beispielsweise zwischen Frankreich und Algerien).
In der Europäischen Union gibt es bereits einige Maßnahmen diesen Typs, aber sie sollten auch andernorts eingeführt werden – in Nordafrika, dem Nahen Osten, Indien, China, Japan und Lateinamerika. Der beste Weg, um einen Dialog zu initiieren, besteht darin, Clichés und Verallgemeinerungen zu vermeiden und stattdessen das Zusammenkommen von Menschen zu fördern.
Gegenwärtig beansprucht die Politik den höchsten Rang. Doch von einem anderen Gesichtspunkt aus siegt der Dialog über den Krieg und die unbeugsame Verteidigung dessen, was man als die eigene Identität ansieht, denn er bringt uns der Berufung des Menschseins näher.
Der Romancier André Schwarz-Bart pflegte die folgende Geschichte zu erzählen: Ein Oberrabbiner wurde einst gefragt, warum der Storch, der auf Hebräisch Hassada (liebevoll) heißt, weil er seine eigene Art liebt, als unreines Tier eingestuft wird. „Weil“, antwortete der Rabbi, „er seine Liebe nur seinesgleichen zuwendet.“
Tzvetan Todorov ist Forschungsdirektor h.c. am CNRS in Paris und Verfasser vieler Bücher zu historischen und kulturellen Themen.
Copyright: Project Syndicate/Institut für die Wissenschaften vom Menschen, 2008.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Jan Doolan
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