Saturday, October 25, 2014
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Die falschen Lehren aus München

NEW YORK: Diesen Monat vor 70 Jahren unterzeichnete der britische Premierminister Neville Chamberlain in München ein Dokument, dass es Deutschland erlaubte, sich ein großes Stück der Tschechoslowakei einzuverleiben. Das so genannte „Münchener Abkommen” sollte später als erbärmlicher Verrat an einem, wie Chamberlain es ausdrückte, „fernen Land, von dem wir kaum etwas wissen“, angesehen werden. Doch zur damaligen Zeit sahen das viele Menschen anders.

Vielmehr wurde Chamberlains Ansicht, dass Großbritannien für einen Krieg mit Nazideutschland noch nicht bereit sei und dass Diplomatie und Kompromiss sicherere Optionen wären, von vielen Europäern geteilt, die die schrecklichen Folgen des Krieges aus eigener Erfahrung kannten. Trotzdem ist Chamberlain als Feigling in die Geschichte eingegangen, und seiner „Appeasement-Politik“ gegenüber Nazideutschland wird häufig die Schuld gegeben für den sich anschließenden Feldzug Hitlers zur Eroberung des übrigen Europas.

Chamberlain hatte vermutlich Unrecht. Großbritannien und Frankreich hätten Deutschland stoppen können. München 1938 war eine der seltenen Gelegenheiten in der Geschichte der Demokratien, wo sich umsichtige Diplomatie als Fehler erwies. Es hätte eines kompromisslosen romantischen Helden bedurft, der bereit war, das Schicksal seines Landes aufs Spiel zu setzen, indem er weiterkämpfte, „was immer die Kosten sein mögen“ (Winston Churchill).

Von George Santayana stammt die berühmt gewordene Warnung, dass „diejenigen, die unfähig sind, von der Geschichte lernen, dazu verdammt sind, sie zu wiederholen.“ Die Geschichte freilich hat viele Lehren parat, von denen manche einander widersprechen, und wiederholt sich nie auf völlig gleiche Weise. Manchmal kann es böse in die Irre führen, wenn wir der Geschichte zu viel Aufmerksamkeit schenken. Was also haben wir genau aus München 1938 gelernt?

Wenn überhaupt, so zogen die Westeuropäer nach dem Zweiten Weltkrieg Schlussfolgerungen, die Chamberlains Denken 1938 näherkamen als jenem Churchills. Nach zwei katastrophalen Kriegen entschieden sich die Europäer zum Aufbau von Institutionen, die militärische Konflikte unnötig machen sollten. Fortan sollten Diplomatie, Kompromisse und gemeinsame Souveränität die Norm sein und romantischer, auf militärischer Stärke basierender Nationalismus der Vergangenheit angehören.

Aus der Asche des Krieges entstand eine neue Art Europa – und auch eine neue Art Japan, Letzteres sogar mit einer pazifistischen Verfassung (geschrieben von idealistischen Amerikanern, aber von den meisten Japanern dankbar angenommen). Der Nationalismus machte (außerhalb der Fußballstadien) einer blasierten Selbstgefälligkeit Platz, dass man zivilisiertere, diplomatische und friedliche Lösungen für menschliche Konflikte gefunden hatte.

Und es stimmt schon, man hielt Frieden. Aber nur, weil dieser durch die Vereinigten Staaten garantiert wurde, die noch immer den vor dem Zweiten Weltkrieg herrschenden Vorstellungen nationaler und internationaler Sicherheit verhaftet waren. 

In den USA stieß München auf deutlich andere Resonanz. Dort nährte es die Churchill’schen Illusionen vieler „Kriegspräsidenten“, die davon träumten, als heroische Verteidiger der Freiheit in die Geschichte einzugehen. München wurde immer und immer wieder heraufbeschworen – um den Kommunismus zu bekämpfen, Saddam Hussein zu stürzen, den Iran zu stoppen und einen „Krieg gegen den Terror“ zu führen.

Diese unterschiedlichen Perspektiven haben merkwürdige Spannungen zwischen den USA und ihren demokratischen Verbündeten verursacht. Europäer und Japaner sind, was ihre Sicherheit angeht, von Amerikas Militärmacht abhängig, doch die Art und Weise, wie die USA diese einsetzen, missfällt ihnen häufig. Die zu starke Abhängigkeit hat auch eine infantilisierende Wirkung gehabt. Wie ständige Teenager sehnen sich Europäer und Japaner nach der Sicherheit des großen amerikanischen Vaters und lehnen ihn gleichzeitig aus tiefstem Herzen ab.

Es gibt kaum einen Zweifel, dass die USA – wie alle Großmächte – törichte Kriege geführt und sich wie ein Schulhofschläger aufgeführt haben, insbesondere gegenüber Ländern innerhalb ihrer eigenen Hemisphäre. Doch selbst ohne die Geister von München zu beschwören: In manchen Situationen ist militärische Gewalt der einzige Weg, einem Tyrannen entgegenzutreten. Die Europäer waren nicht bereit, den serbischen Massenmördern Paroli zu bieten. Die Amerikaner mussten (nach anfänglichem Zögern) die Schmutzarbeit machen. Als die USA beschlossen, die mörderischen Schergen Saddam Husseins aus Kuwait zu verjagen, skandierten deutsche Demonstranten: „Kein Blut für Öl!“

Andererseits kann die europäische Diplomatie auf einige bemerkenswerte Erfolge zurückblicken. Die Aussichten auf den Beitritt zur Europäischen Union trugen zur Konsolidierung der Demokratie in Mittel- und Osteuropa und auch in der Türkei bei. Einige dieser Demokratien sind der NATO beigetreten, und andere wollen es verzweifelt gern. Die NATO freilich ist – anders als die EU – eine Militärorganisation. Und damit sind wir wieder bei Chamberlains altem Problem: Sind die Europäer bereit, im Namen anderer Mitglieder Kriege zu führen?

Während des Kalten Krieges war dies kein ernsthaftes Dilemma. Die Europäer verließen sich darauf, dass NATO und USA sie im Falle einer sowjetischen Aggression verteidigen würden. Nun würden Georgien und die Ukraine gern erwarten, dass Europäer und Amerikaner ihr Blut vergießen würden, um sie gegen Russland zu verteidigen.

Die Entscheidung ist simpel: Falls die Europäer bereit sind, für Georgien oder die Ukraine in den Kampf zu ziehen, sollte man diese Länder zum NATO-Beitritt auffordern. Andernfalls nicht. Doch statt ihre Wahl zu treffen, können sich wichtige europäische Länder – u.a. Deutschland – nicht entscheiden. Erst locken sie mit der NATO-Mitgliedschaft als Zuckerbrot, und dann ziehen sie das Angebot zurück und überlassen es den Amerikanern, sich ohne die nötige Konsequenzen in heroischen Phrasen zu ergehen.

All dies lässt das westliche Bündnis inkohärent und trotz seines enormen Reichtums und der amerikanischen Militärmacht seltsam machtlos erscheinen. Es ist Zeit, dass sich die europäischen Demokratien entscheiden. Sie können weiter vom Schutz durch die USA abhängig bleiben und aufhören, zu jammern, oder sie können ihre Kapazitäten zur Verteidigung Europas entwickeln, so wie sie es selbst definieren möchten.

Die erste Alternative könnte in der Endphase der Pax America nicht mehr allzu lange realistisch sein. Die zweite ist teuer und riskant. Angesichts der vielen Trennlinien innerhalb der EU werden sich die Europäer vermutlich weiter irgendwie durchwursteln, bis eine ernste Krise sie zum Handeln zwingt. Zu diesem Zeitpunkt freilich könnte es längst zu spät sein.

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