MOSKAU – Die Meilensteine der Geschichte sind selten so schön versammelt wie in diesem Sommer. In diesem Monat vor fünfzig Jahren wurde die Berliner Mauer gebaut. Damals erlaubte Nikita Chruschtschow, der Führer der Sowjetunion, seinem ostdeutschen Kollegen Walter Ulbricht nach einigem Zögern, zwischen Ost- und Westberlin eine Barriere zu errichten, um das Überleben des Kommunismus im gesamten sowjetischen Reich zu sichern. Zu diesem Zeitpunkt waren aus Ostdeutschland bereits drei Millionen Menschen abgewandert – darunter viele der größten Talente der Region. Jeden Tag zogen Hunderte friedlich in die Zonen von Berlin, die unter der Kontrolle der USA, Großbritanniens und Frankreichs standen.
Und in diesem Monat vor zwanzig Jahren versuchten Hardliner in der Sowjetregierung, Mikhail Gorbatschow zu stürzen, der, zwei Jahre nachdem US-Präsident Ronald Reagan ihm zugerufen hatte: “Reißen Sie diese Mauer nieder”, genau dies getan hatte. Auf wundersame Weise war im Kreml ein Reformer an die Macht gekommen, der Russland in den demokratischen Westen eingliedern wollte.
Gorbatschows kompromisslose Gegner im Politbüro waren entschlossen, das hinfällige, durch die Mauer symbolisierte System aufrecht zu halten, ähnlich denjenigen, die damals beim Bau der Mauer Chruschtschow unter Druck gesetzt hatten. Aber im Jahr 1991 setzte sich die Moskauer Bevölkerung durch. Sie widersetzte sich den Putschisten und überzeugte letztlich große Teile der russischen Armee. Durch ihren Widerstand kam der Putsch zum Erliegen.
Die Berliner hatten angesichts der Macht der Sowjets keine solche Chance gehabt. Chruschtschow hatte sich Ulbrichts Meinung gebeugt, dass nur eine physische Barriere das Überleben des ostdeutschen Staates hätte sichern können. Seine Reaktion war vergleichbar damit, wie er mit der ungarischen Revolution von 1956 umgegangen war – zu einer Zeit, als er seine Führung festigen und die Hardliner des Kreml in Schach halten musste.
Aber fünf Jahre nach der brutalen Unterdrückung der Rufe nach Freiheit in Budapest war Chruschtschow nicht völlig von der Notwendigkeit einer Teilung Berlins überzeugt. Er befürchtete, dass seine Politik der Verbesserung der Beziehungen zu Westeuropa dadurch zerstört werden könnte, und dass US-Präsident John F. Kennedy die Mauer als ersten provokativen Schritt in einer Konfrontation hin zu einem Atomkrieg betrachten würde.
Insbesondere nachdem der Vorfall um das U2-Spionageflugzeug 1960 (als der US-Pilot Gary Francis Powers über sowjetischem Territorium abgeschossen wurde) die Beziehungen zu den USA vergiftet hatte, hatte Chruschtschow große Hoffnungen in die Fähigkeit der Sowjetunion gesetzt, ein besseres Verhältnis zu Europa aufzubauen. Nachdem sein Gipfel mit Kennedy in Wien 1961 zu keiner Verbesserung der Situation geführt hatte, erschien ihm der Bau der Mauer am 13. August lediglich als Verteidigungsmaßnahme und nicht als Machtdemonstration.
Dabei hatte Chruschtschow auch seine eigene politische Zukunft im Blick. Seit seiner Geheimrede von 1956, in der er den Personenkult um Stalin anprangerte, war seine Position im Politbüro ständig schwächer geworden. Unter den Kreml-Führern hatte er nur wenige Unterstützer, und er war ständig dem Beschuss der Hardliner ausgesetzt. Seine Entscheidung zum Bau der Mauer war schließlich ein verzweifelter Versuch, sowohl die kommunistische Herrschaft in Ostdeutschland zu sichern, als auch seine Gegner zufrieden zu stellen.
Waghalsige Aktionen wie der Bau der Mauer werden normalerweise von Politikern durchgeführt, die verzweifelt versuchen, ihre Position im Inland zu verbessern. Ironischerweise wurde Chruschtschows Unentschlossenheit von den Hardlinern später bei seiner Absetzung 1964 gegen ihn verwandt, obwohl diese den Mauerbau wollten. Seine Entscheidung sicherte die sowjetische Herrschaft über Ostdeutschland für die nächsten Jahrzehnte, trug aber zu seinem eigenen politischen Abstieg bei.
Als Gorbatschow dem Abbruch der Mauer zustimmte, brachte er die Mehrheit der Kommunistischen Partei der Sowjetunion noch stärker gegen sich auf, als Chruschtschow vorher. Tatsächlich hat er mir einmal erzählt, dass ihn der rumänische Diktator Nicolae Ceauşescu damals aufgefordert hatte, zum Schutz der Mauer Panzer nach Berlin zu schicken.
Aber obwohl Gorbatschow immer noch an den Kommunismus glaubte, weigerte er sich, zur Rettung des Sowjetreichs Gewalt anzuwenden. Seine waghalsige Aktion unterschied sich sehr von der Chruschtschows: Er forderte den Westen heraus, zu erkennen und zu akzeptieren, dass sich die UdSSR wirklich verändert hatte. In einem Gespräch mit dem damaligen US-Verteidigungsminister James Baker äußerte Gorbatschow Einwände gegen die ständige amerikanische Rede von den “westlichen Freiheitswerten”, und bestand darauf, dass es sich um “menschliche Werte” handelte.
Während der Westen zu der Überzeugung gelangte, dass Gorbatschow es ernst meinte und seine Reformen echt waren, erreichte der Ärger seiner Kollegen im Kreml den Siedepunkt. Die Putschisten vom August 1991 sahen Gorbatschows Sturz ähnlich wie Ulbricht die Mauer – als das einzige Mittel, die kommunistische Herrschaft zu sichern.
Als der Westen ihn vor dem Putsch zu warnen versuchte, war es bereits zu spät. Aber als die russische Bevölkerung plötzlich und unerwartet ihre neu gewonnene Freiheit verteidigte, brachte dies gemeinsam mit der Unfähigkeit der Putschisten den Versuch, die totalitäre Herrschaft wiederherzustellen, zum Scheitern.
Wäre die Mauer 1961 nicht gebaut worden, wäre dann der Kommunismus früher zusammengebrochen? Hätte Gorbatschow Ceauşescus Aufforderung nachgegeben und Truppen zum Schutz der Mauer eingesetzt, wäre dann der Kommunismus in Europa trotzdem gescheitert?
Auf diese Fragen gibt es keine Antworten. Angesichts der Tatsache, dass Gorbatschow grundsätzlich nicht bereit war, zur Verteidigung des sowjetischen Reichs Gewalt anzuwenden, scheint die Idee, dass er dies zum Schutz der Mauer getan haben könnte, absurd. Klar scheint zu sein, dass letztlich keine Mauer in der Lage ist, Demokratie aufzuhalten – und im Gegenzug, dass, wenn die Bürger eines Landes keine Demokratie wollen, keine Mauer nötig ist, um sie draußen zu lassen. Für diese Lektion muss sich die Welt bei Wladimir Putin bedanken.


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