MELBOURNE: Google hat sich mit der Begründung aus China zurückgezogen, es sei nicht länger bereit, seine Suchmaschine so zu konzipieren, dass diese Informationen blockiert, von denen die chinesische Regierung nicht will, dass ihre Bürger sie haben. In den freiheitlichen Demokratien überall auf Welt ist diese Entscheidung im Allgemeinen mit Begeisterung aufgenommen worden.
In einer dieser freiheitlichen Demokratien allerdings, nämlich Australien, hat die Regierung kürzlich erklärt, sie würde ein Gesetz erlassen, um den Zugriff auf bestimmte Websites zu blockieren. Die verbotenen Materialien umfassen Kinderpornografie, Unzucht mit Tieren, Inzest, drastische, „wirkungsstarke“ Bilder von Gewalthandlungen, alles, was Verbrechen oder Gewalt fördert oder dazu anleitet, detaillierte Beschreibungen der Verwendung illegaler Drogen und Anleitungen zum Suizid auf Websites, die das Recht todkranker oder unheilbar kranker Menschen, zu sterben, unterstützen.
Eine Umfrage unter den Lesern des Sydney Morning Herald ergab, dass 96% der Teilnehmer die vorgeschlagenen Maßnahmen ablehnten und nur 2% sie befürworteten. An der Umfrage beteiligten sich mehr Leser als an jeder bisherigen auf der Website der Zeitung gezeigten Umfrage, und das Ergebnis ist das bisher einseitigste überhaupt.
Wie vor ihm die Dampfmaschine ist das Internet ein technologischer Durchbruch, der die Welt verändert hat. Heute können Sie, wenn Sie einen Internetanschluss haben, über Informationsmengen verfügen, die vorher nur in den weltgrößten Bibliotheken zur Verfügung standen – tatsächlich lässt das, was heute über das Internet verfügbar ist, diese Bibliotheken winzig erscheinen. Und es ist unvergleichlich viel einfacher, zu finden, was Sie brauchen.
Bemerkenswerterweise ist es hierzu, wenn man von dem Zuweisungssystem für Websitenamen und -adressen absieht, ohne zentrale Planung, Geschäftsführungsorgane oder eine Gesamtaufsicht gekommen. Dass etwas so Bedeutsames unabhängig von Regierungen und Großunternehmen entstehen konnte, hat viele zu der Ansicht verleitet, das Internet könne der Welt eine neue Art von Freiheit bringen. Es ist, als ob eine von Natur aus dezentralisierte und individualistische Technologie eine anarchistische Vision realisiert hätte, die, hätte Peter Kropotkin sie sich im 19. Jahrhundert ausgedacht, den Menschen absolut utopisch erschienen wäre. Dies mag der Grund sein, warum so viele Menschen so fest davon überzeugt sind, dass man das Internet keinerlei Einschränkungen unterwerfen solle.
Vielleicht wurde Googles Zusammenarbeit mit den offiziellen chinesischen Internetzensoren als derart tiefer Verrat empfunden, weil es bei Google immer darum ging, Informationen breiter zugänglich zu machen. Die Hoffnung der Internetanarchisten war, dass repressive Staaten nur zwei Möglichkeiten haben würden: das Internet mit seinen grenzenlosen Möglichkeiten zur Informationsverbreitung zu akzeptieren oder den Internetzugang auf die herrschende Elite zu beschränken und dem 21. Jahrhundert den Rücken zu kehren, so wie es Nordkorea getan hat.
Die Realität ist komplexer. Es war immer klar, dass die chinesische Regierung der Forderung Googles, sie solle die Internetzensur aufgeben, nicht nachkommen würde. Die chinesischen Behörden werden ohne Zweifel Wege finden, um die von Google angebotenen Dienste zu ersetzen – zu einem gewissen Preis, und vielleicht etwas weniger effizient, doch das Internet wird in China weiter gefesselt bleiben.
Trotzdem, der wichtigere Punkt ist, dass Google der politischen Zensur keinen Stempel mehr leiht. Wie zu erwarten, werfen einige dem Unternehmen vor, einer fremden Kultur seine eigenen Werte aufzwingen zu wollen. Das ist Unsinn. Google hat ein Anrecht darauf, frei zu entscheiden, wie und mit wem es Geschäfte tätigt. Genauso gut könnte man geltend machen, dass während des Zeitraums, in dem Google seine Suchergebnisse in China filterte, China Google seine Werte aufgezwungen hat.
Googles Rückzug ist eine Entscheidung, die im Einklang mit seinen eigenen Werten steht. Meiner Ansicht nach sind diese Werte leichter vertretbar als jene, die zu politischer Zensur führen – und wer weiß, wie viele Chinesen ebenfalls für den Wert eines offenen Zugangs zu Informationen eintreten würden, wenn sie die Chance dazu hätten?
Selbst mit Zensur ist das Internet eine Kraft des Wandels. Als im vergangenen Monat der Gouverneur der chinesischen Provinz Hubei eine Journalistin, die eine Frage über einen örtlichen Skandal gestellt hatte, bedrohte und ihr das Aufnahmegerät entriss, nutzten Journalisten, Anwälte und Akademiker das Internet, um ihrem Unmut Luft zu machen. Ein kritischer Webbericht über das Verhalten des Gouverneurs blieb 18 Stunden lang online, bevor die Zensoren seine Entfernung verlangten. Bis dahin allerdings war die Nachricht bereits weit verbreitet.
Genauso hat in Kuba Yoani Sánchez’ Blog Generation YBarrieren niedergerissen, denen die herkömmlichen Medien nichts anhaben konnten. Obwohl die kubanische Regierung den Zugang zu der Website, auf der der Blog veröffentlicht wird, blockiert, ist dieser weltweit in zahlreichen Sprachen erhältlich und wird innerhalb Kubas auf CDs und Flashsticks verbreitet.
Die neue Freiheit des Ausdrucks, die durch das Internet ermöglicht wird, reicht weit über die Politik hinaus. Die Menschen bauen neuartige Beziehungen zueinander auf, die Fragen darüber aufwerfen, wie wir auf andere reagieren sollten, wenn alles, was wir über sie wissen, das ist, was wir über ein Medium erfahren haben, das alle möglichen Arten von Anonymität und Täuschung zulässt. Wir entdecken neue Dinge darüber, was Menschen tun wollen und wie sie miteinander Kontakte knüpfen und Verbindungen unterhalten möchten.
Sie leben in einem abgelegenen Dorf und haben ungewöhnliche Hobbys, spezielle Interessen oder sexuelle Vorlieben? Online finden Sie jemanden, mit dem Sie sie teilen können. Sie kommen nicht zu einem Arzt? Sie können Ihre Symptome online überprüfen – aber können Sie auch sicher sein, dass die medizinische Website, die Sie verwenden, verlässlich ist?
Man kann die Technologie zum Guten oder zu Schlechten nutzen, und für ein Urteil über das Internet ist noch zu früh. (Wer hätte im 18. Jahrhundert vorhersehen können, dass die Entwicklung der Dampfmaschine Auswirkungen auf das Weltklima haben würde?) Selbst wenn es den anarchistischen Traum der Beendigung staatlicher Unterdrückung nicht erfüllen sollte – wir fangen gerade erst an, den Umfang, in dem es unser Leben beeinflussen wird, zu begreifen.


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