CHICAGO – Erstaunlich, wie das geflügelte Wort des “einen Prozents” von Großverdienern in den Vereinigten Staaten und anderswo die Runde macht. In den USA umfasst dieses 1% alle diejenigen, die 2006 über ein Haushaltseinkommen von mindestens 386.000 USD verfügten. In der öffentlichen Wahrnehmung ist es mit skrupellosen Unternehmertitanen, gierigen Bankern und Insider-Geschäfte tätigenden Hedge-Fonds-Managern bevölkert. Nach Auffassung einiger progressiver Ökonomen scheint die Antwort auf alle derzeitigen amerikanischen Probleme darin zu liegen, die 1% zu besteuern und das Geld an alle anderen zu verteilen.
Natürlich liegt dieser Einschätzung die Ansicht zugrunde, dass dieses Einkommen unrechtmäßig erworben wurde, ermöglicht nur durch Steuersenkungen der Bush-Regierung, das kaputte Unternehmenssystem und das von Interessenskonflikten verseuchte Finanzsystem. Die 1% haben ihr Geld nicht durch die Herstellung echter Dinge hart erarbeitet, also schadet es nicht, es ihnen wegzunehmen.
Sicher steckt ein Funken Wahrheit hinter dieser Karikatur. So gewähren Konzerne zu vielen ihrer Manager trotz schwacher Leistung hohe Bezüge, insbesondere im Finanzsektor. Aber hier werden zu viele über einen Kamm geschoren, und der Reduktionismus hinter dieser Ansicht hat etwas zutiefst Beunruhigendes.
So wird etwa die Tatsache ignoriert, dass viele der sehr reichen Menschen Unternehmer sind. Außerdem sind darunter Sportstars und Entertainer sowie Experten wie Ärzte, Rechtsanwälte, Berater und sogar einige unserer progressiven Ökonomen. Mit anderen Worten: Anstatt faul zu sein, sind die Reichen wahrscheinlich harte Arbeiter.
Aber die wichtigste übersehene Tatsache ist vielleicht, dass die Ungleichheit der Einkommenssteigerung sich nicht nur auf die Spitze erstreckt, auch wenn sie dort vielleicht am ausgeprägtesten ist. Wissenschaftliche Studien legen nahe, dass auch die obersten zehn Prozent der Einkommen in den USA und anderswo sich vom Durchschnittsverdienst entfernen. Für den progressiven Ökonomen ist dies eine unangenehme Tatsache. “Wir sind die 90%” klingt weniger dramatisch als “wir sind die 99%”.. Und für einige der Demonstranten wäre dies noch nicht einmal wahr.
Am problematischsten aber ist wohl, dass die Hauptverantwortung für die wachsende Ungleichheit nicht bei plutokratenfreundlichen Politikern liegt, sondern im Bereich der Ausbildung und Fähigkeiten. Natürlich ist ein Abschluss nicht unbedingt eine Freikarte für einen Arbeitsplatz. Neuabsolventen, insbesondere solche aus weniger qualifizierten Ausbildungsgängen, haben große Schwierigkeiten, heute einen Job zu finden, da sie sich in Konkurrenz zu erfahrenen, ebenfalls stellungslosen Arbeitskräften befinden. Trotzdem beträgt die Arbeitslosenrate von Absolventen nur ein Drittel derjenigen ohne Highschool-Abschluss.
Wenn man genau hinschaut, dann besteht der Hauptunterschied zwischen den 10% in der obersten Einkommensklasse zu denen der unteren Hälfte, dass die ersteren einen oder zwei Abschlüsse haben und die letzteren meist nicht. Aufgrund technologischer Veränderungen und globalem Wettbewerb ist es für US-Arbeiter unmöglich geworden, ohne solide Kenntnisse gute Arbeitsplätze zu bekommen. Wie es die Harvard-Professoren Claudia Golden und Larry Katz ausdrücken, gerät im Rennen zwischen Technologie und Ausbildung die Ausbildung ins Hintertreffen.
Die Tatsache, dass das marode Ausbildungs- und Weiterbildungssystem für einen Großteil der allgemein wahrgenommenen Ungleichheit verantwortlich ist, würde allerdings von der populistischen Agenda ablenken, die Massen gegen die Superreichen aufzubringen. Sie führt zu der unangenehmen Schlussfolgerung, dass die Armen es in der Hand haben, sich selbst aus dem Morast zu ziehen. Das Bildungssystem kann nicht einfach und schnell saniert werden – seit Gerald Ford Mitte der 1970er haben sich alle US-Präsidenten weitgehend erfolglos an Bildungsreformen versucht. Den 1% die Schuld zu geben, bietet dagegen die Möglichkeit einer Umverteilungspolitik mit sofortigen Ergebnissen.
Bereits früher haben es die USA mit Patentrezepten versucht. Im letzten Jahrzehnt stieg die Einkommensungleichheit stark an, aber nicht die Konsumungleichheit. Der Grund: leicht zu erhaltende Kredite, insbesondere Subprime-Hypotheken, die es den Mittellosen ermöglichten, weiter zu machen. Wie jeder weiß, hatte das kein gutes Ende. Den Finanzschwachen, die ihre Arbeitsplätze und Häuser verloren, ging es danach noch schlechter.
Die USA müssen die Qualität ihrer Arbeitskräfte verbessern, damit diese die Anforderungen der Arbeitsplätze erfüllen können, die von den Unternehmen geschaffen werden. Dazu können Schritte unternommen werden wie die Verbesserung der Einstellung zur Ausbildungsförderung, Schulreformen, stärkere Verknüpfung der Lehrpläne in Colleges und Berufsbildungseinrichtungen mit den Bedürfnissen der lokalen Unternehmen und bessere Möglichkeiten der Umschulung von Arbeitslosen.
Keiner dieser Schritte ist einfach oder führt zu schnellen Ergebnissen, und einige von ihnen benötigen weitere Ressourcen. Zwar können Einkünfte durch den Abbau überflüssiger Steuersubventionen erzielt werden, aber trotzdem brauchen wir mehr Steuereinnahmen. Das oberste Prozent kann es sich sicher leisten, mehr zu zahlen, aber wenn die Regierungen die Steuern für Reiche erhöhen, sollten sie dies mit dem Ziel der Verbesserung der Chancen für alle tun und nicht als Strafmaßnahme gegen eingebildetes Unrecht.


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