MOSKAU: Man stelle sich einen Sonderling vor, der versucht, sich als russischer Baron aus dem 19. Jahrhundert auszugeben. Er lässt sich Koteletten wachsen, trägt einen langen Gehrock und einen Spazierstock. Jeder, der so jemandem begegnet, würde grinsen und ihn veralbern. Und nun stelle man sich vor, derselbe Spinner versuche, die Passanten zu behandeln, als wären sie seine Leibeigenen. In diesem Fall würde er eine Tracht Prügel riskieren, auch wenn vielleicht einige Bettler seinen Fantasien nachgeben würden in der Hoffnung, ihn dabei um sein Geld zu erleichtern.
Etwas Derartiges kennzeichnet heute die Beziehungen zwischen Russland und mehreren früheren Sowjetrepubliken – denn die außenpolitische Doktrin, die den heutigen Kreml leitet, ist eine groteske Mischung aus der Realpolitik des 19. und der Geopolitik des frühen 21. Jahrhunderts. Laut dieser Sichtweise braucht jede Großmacht Satellitenstaaten. Die Erweiterung der NATO wird bei diesem Ansatz als Ausweitung der amerikanischen Einflusssphäre, natürlich auf Kosten Russlands, dargestellt.
Um seinen wachsenden Minderwertigkeitskomplex zu kompensieren, hat Russland die Organisation de Vertrags für Kollektive Sicherheit (OVKS) zusammengeschustert, die von ihrem Namen und den Grundsätzen ihrer Satzung her eine Parodie der NATO darstellt – wobei es den Kreml nicht im geringsten verlegen macht, dass die OVKS im Wesentlichen eine mechanische Verbindung bilateraler Militärabkommen zwischen Weißrussland, Armenien, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Usbekistan und Russland ist.
Niemand weiß, was für eine Vision kollektiver Verteidigung dabei umgesetzt werden soll: Man braucht eine lebhafte Fantasie, um sich vorzustellen, das weißrussische Fallschirmjäger die tadschikische Grenze verteidigen. Darüber hinaus verbieten die Verfassungen einiger OVKS-Staaten ausdrücklich die Verlagerung von Truppen aus ihren nationalen Territorien hinaus. Doch die kurzsichtige Konzentration des Kremls auf Militärfragen und seine sinnlosen Versuche, ein Nullsummenspiel mit dem Westen zu spielen, haben Russland zum Manipulationsobjekt seiner Juniorpartner gemacht.
Ein Meister derartiger Manipulationen ist der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko. Die weißrussische Wirtschaft ist darauf angewiesen, dass Russland die Energiepreise subventioniert und dem Land nicht rückzahlbare Kredite einräumt. Doch trotz alledem schafft es Lukaschenko, die Umsetzung für Russland gewinnträchtiger Wirtschaftsprojekte (d.h. eine Einheitswährung) zu vermeiden. Wann immer Russland Druck ausübt, fängt er sofort zu lamentieren an, dass Moskau „undankbar“ wäre – und verkündet, dass „zehn Millionen Weißrussen Russland vor den Panzern der NATO schützen“.
Schlimmer noch: Wann immer Moskau auf seinen Forderungen besteht, kündigt Lukaschenko ohne geringste Skrupel bestehende Vereinbarungen auf. Als Russland also die Einfuhr weißrussischer Milchprodukte stoppte (um Lukaschenko dafür zu bestrafen, dass er einen Kredit im Umfang von zwei Milliarden Dollar akzeptiert hatte, ohne sein Versprechen zur Anerkennung Südossetiens und Abchasiens einzuhalten), weigerte sich Lukaschenko, an einem OVKS-Gipfel teilzunehmen oder dem OVKS-Kollektivvertrag über die Einrichtung einer schnellen Einsatztruppe beizutreten.
Lukaschenko vermeidet alle wichtigen Integrationsprojekte, selbst solche im militärischen Bereich. Das aufschlussreichste Beispiel ist die Schaffung eines gemeinsamen Luftverteidigungssystems. Russland und Weißrussland versuchen seit zehn Jahren, das Projekt zu realisieren; zahllose Vereinbarungen wurden erzielt – auf dem Papier. Doch konkrete Maßnahmen werden nicht ergriffen. Lukaschenko hat ganz einfach nicht die Absicht, zu gestatten, dass auch nur ein kleiner Teil seiner Armee Moskau unterstellt wird.
Während eine militärische Bedrohung im Westen genauso illusorisch ist, wie sie aussieht, besteht sie in Zentralasien ganz konkret. Falls die Koalitionstruppen der NATO in Afghanistan besiegt werden, wird eine Welle des islamischen Extremismus die zentralasiatischen Staaten überfluten und lokale Bürgerkriege anheizen. Für Russland könnte die (bestenfalls) Zehntausende von Flüchtlingen oder (schlimmstenfalls) die Ankunft bewaffneter Milizen auf seinem Gebiet bedeuten.
Der Kreml hat also ein vitales Interesse an einem Erfolg der NATO in Afghanistan. Trotzdem jedoch hat Russland in den letzten vier Jahren auf jede mögliche Weise versucht, die NATO zu behindern. Auf dem Gipfel der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit im Jahre 2005 drängte Wladimir Putin darauf, dass die abschließende Erklärung eine Forderung nach Abzug der amerikanischen Stützpunkte aus Zentralasien umfassen müsse. Die Kreml-Strategen erklärten, sie befürchteten, dass die USA Russland aus Zentralasien verdrängen würde. Nun jedoch, da ein russisch-amerikanisches Übereinkommen Nachschubflüge durch den russischen Luftraum gestattet, wird klar, dass es Russland lediglich um ein Monopol im Bereich der Militärfrachtrouten ging, um ein Druckmittel gegenüber den USA zu erhalten.
Im Februar gab der Kreml dem kirgisischen Präsidenten Kurmanbek Bakijew 500 Millionen Dollar für sein Versprechen, den US-Stützpunkt in seinem Land zu schließen. Dann boten die Amerikaner Bakijew 160 Millionen Dollar jährlich, und jetzt gibt es dort zwar keinen offiziellen Stützpunkt mehr, aber ein „Transitcenter“, dass dieselben Funktionen erfüllt. Der Kreml hat also mehrere hundert Millionen Dollar bezahlt, bloß, damit ein paar Schilder ausgetauscht wurden.
Wenig später wurden der russische Vizeministerpräsident Igor Setschin und Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow in dem Bemühen nach Bischkek geschickt, um eine Gegenleistung für das russische Geld zu erhalten. Bakijew scheint ihnen geantwortet zu haben: So, Ihr macht Euch Sorgen über die amerikanische Militärpräsenz in Zentralasien, und Ihr wollt etwas dagegen tun. Gut. Die Amerikaner können einen Stützpunkt in Kirgisistan haben und Russland zwei.
Die daraus resultierenden „militärischen Liegenschaften“ jedoch sind strategischer Unfug, denn sie wurden in der nahezu gesetzlosen kirgisischen Region Osch errichtet, die durch entsetzliche Armut, Drogenhandel und ethnische Spannungen gekennzeichnet ist. Die Einnahme eines russischen Militärstützpunkt mit dem Ziel, sich die dortigen Waffen anzueignen, dürfte sich zu einem wichtigen Ziel der „Extremisten“ entwickeln. Doch in gewisser Weise sind die dortigen russischen Soldaten schon heute Geiseln – und zwar nicht zuletzt der bankrotten Außenpolitik des Kremls.


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