Monday, September 1, 2014
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Das Boulevardpresse-Syndrom

Die Welt ist ein komplexer und verzwickter Ort. Wie also sollen wir selbst einzelne Teile davon verstehen, beispielsweise die US-Regierung und ihre Wirtschaftspolitik? Dies ist ein ernstes Problem, denn die traditionellen Quellen, auf die mich zu verlassen man mir als Kind beigebracht hat – Zeitungen und Fernsehnachrichten – sind im Zusammenbruch begriffen.

Ein Beispiel: Anfang Februar 2004 nahm sich der damalige Vorsitzende des Rates der Wirtschaftsberater des Präsidenten, N. Gregory Mankiw, eine ganze Menge Zeit, um der Elite unter Amerikas politischen Zeitungsreportern die mit dem „Outsourcing“ verbundenen Probleme zu erläutern. Mankiws Standardbeschreibung des Outsourcings ist der meinen sehr ähnlich – wie in der Tat der aller neoklassischen und neoliberalen Ökonomen – und lautet in etwa so:

Wie bei jedem Technologiewandel, der das internationale Handelsvolumen bei Waren und Dienstleistungen erhöht, bringt das Outsourcing von Dienstleistungsjobs Gewinner und Verlierer hervor – aber mit nahezu absoluter Sicherheit mehr und größere Gewinner als Verlierer. Zu den großen Gewinnern gehören die Arbeitnehmer in armen Ländern, welche bessere Arbeitsplätze bei Firmen bekommen, die nun Dienstleistungen in die reichen Länder exportieren können. Die großen Verlierer sind diejenigen, die zuvor die jetzt ausgelagerten Arbeitsplätze innerhalb des Dienstleistungssektors innehatten; sie müssen sich nun neue und andere Jobs suchen und werden höchstwahrscheinlich feststellen, dass ihre Fertigkeiten jetzt weniger wert sind.

Doch sogar innerhalb der USA selbst werden die Verluste der Verlierer durch die Gewinne der Gewinner mehr als aufgewogen. Die Arbeitnehmer in bestimmten Branchen spüren eine höhere Nachfrage nach ihren Fertigkeiten, da die Ausländer ihre Dollar-Mehreinnahmen ausgeben, die Verbraucher von niedrigeren Preisen profitieren und Aktionäre und Manager die Gewinne ihrer Unternehmen steigen sehen. Ganz gleich, wie viel Sorgen wir uns über die Folgen des Outsourcings in Bezug auf die Verteilung machen mögen – wir sollten nie die Tatsache übersehen, dass es den volkswirtschaftlichen Kuchen insgesamt vergrößert.

So argumentierte Mankiw, aber er wurde missverstanden. Tatsächlich erwartete ihn, als er am 10. Februar 2004 aufwachte, eine unangenehme Meldung in der Washington Post: „Präsident Bushs Topökonom erklärte gestern, dass das Outsourcing von US-Dienstleistungsjobs ins Ausland gut für die nationale Wirtschaft sei .... Mankiws Anmerkungen erfolgen zu einem Zeitpunkt, wo der Präsident zu kämpfen hat, sich die Unterstützung von Bundesstaaten mit einem hohen Anteil an produzierender Industrie, in denen Millionen von Arbeitsplätzen verloren gegangen sind, zu erhalten .... Mankiws Schlussfolgerungen könnten sich im Wahljahr als Störfaktor erweisen ....“

Dasselbe geschah am 11. Februar: „Die Demokraten ... nahmen Präsident Bushs Chefökonom gestern wegen seiner lobenden Aussagen zur Verlagerung von US-Arbeitsplätzen ins Ausland unter Feuer .... Donald Manzullo, Mitglied des Repräsentantenhauses (R-Ill.), forderte den Rücktritt von N. Gregory Mankiw ....“

Natürlich ist den Journalisten der Washington Post zumindest auf einer bestimmten Ebene bewusst, dass sie sich Mankiw gegenüber unfair verhielten. Sie behaupteten nicht, dass seine Äußerungen unpräzise, kurzsichtig oder analytisch unseriös wären. Die von ihnen verwendeten Attribute – „Störfaktor“, „peinlich“, „politische Belastung“ – lassen vermuten, dass sie Mankiw wissentlich Unrecht taten.

Aber gab es irgendwelche Hinweise auf die Standardanalyse der Ökonomen zum Outsourcing in ihren Meldungen? Nicht eine.

Greg Mankiw dachte, eine Gruppe von Reportern sei zu ihm gekommen, um sich mit ihm über die wirtschaftliche Lage und die vom Rat der Wirtschaftsberater in seinem „Wirtschaftsbericht an den Präsidenten für 2004“ vorgelegte Analyse zu unterhalten. Das Letzte jedoch, was die Reporter wollten, war, den Lesern eine Zusammenfassung von Mankiws Analyse über das Outsourcing zu vermitteln. Das gehört schlicht und einfach nicht zu dem Geschäft, als Teil dessen sie sich betrachteten.

Das Problem ist nicht, dass die Washington Post und andere entsprechende Zeitungen Leute engagieren, die dumm oder faul sind. Das Problem ist, dass das Liefern präziser Informationen weit unten auf der Prioritätenliste eines normalen Nachrichtenreporters steht. Was zählt, ist, dass Sie Furore machen. Im Auge behalten, wer politisch auf dem Weg nach oben bzw. unten ist. Ihre Herausgeber zufriedenzustellen, damit sie Ihren Artikeln einen besseren Platz einräumen, und Ihren Quellen zu gefallen, damit sie weiter mit Ihnen reden. Verglichen mit diesen Notwendigkeiten lässt sich wenig dabei gewinnen, die Öffentlichkeit über die wahre Funktionsweise der Wirtschaft und die Dilemmata der Wirtschaftspolitik zu informieren.

Tatsächlich ist die Wirtschaft Hollywood als Quelle von Klatsch über die Reichen und Berühmten deutlich unterlegen, doch nehmen sich die Meldungen zur Geburt von Brad Pitts und Angelina Jolies Baby neben einem Großteil der Wirtschaftsberichterstattung hochgradig seriös aus. Ebenso ist der Staat der Fußballweltmeisterschaft als Sportspektakel heillos unterlegen, aber ein Großteil der politischen Berichterstattung konzentriert sich darauf, wer gut und wer schlecht gespielt hat.

Was können wir gegen all dies unternehmen? Die Antwort ist einfach: Es ist eine Frage der Nachfrage, nicht des Angebots. Schließlich werden nur wenige Menschen Journalisten, um die Öffentlichkeit gezielt in die Irre zu führen. Wenn wir für Wirtschaft und Politik einen besseren Journalismus verlangen – so wie wir eine hervorragende Berichterstattung über die Fußballweltmeisterschaft fordern – dann bekommen wir ihn auch.

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