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Die Lage der Welt

NEW YORK – Wir alle kennen die heutigen Gefahren. Eine globale Finanzkrise. Eine globale Energiekrise. Eine globale Nahrungsmittelkrise. Die Handelsgespräche sind wieder einmal gescheitert.

Es gibt neue Ausbrüche von Krieg und Gewalt. Der Klimawandel bedroht unseren Planeten immer deutlicher. Wir sagen, dass globale Probleme globale Lösungen erfordern.

Doch wie handeln wir? In Wahrheit stehen wir heute auch vor einer Krise anderer Art – der Herausforderung einer globalen Führung. Neue Macht- und Führungszentren entstehen – in Asien, Lateinamerika und überall in den neuen Industrieländern.

In dieser neuen Welt gibt es immer mehr Aufgaben der Zusammenarbeit, nicht der Konfrontation. Ohne die Partnerschaft der anderen können die einzelnen Nationen ihre Interessen nicht mehr schützen oder das Wohlergehen ihres Volkes vorantreiben.

Dennoch sehe ich die Gefahr, dass die Nationen eher nach innen schauen, als sich einer gemeinsamen Zukunft zuzuwenden. Ich sehe die Gefahr, dass wir von den Fortschritten, die wir gemacht haben, zurückweichen, insbesondere im Bereich der wirtschaftlichen Entwicklung und bei der gerechten Aufteilung der Früchte des globalen Wachstums.

Zwar hat das globale Wachstum Milliarden von Menschen aus der Armut geholfen, doch wenn man zu den Armen der Welt gehört, hat man die Armut nie zuvor so stark gespürt. Zwar waren internationale Gesetze und Rechtsprechung noch nie so weit verbreitet, doch waren diejenigen, die in Ländern leben, in denen gegen die Menschenrechte verstoßen wird, nie so wehrlos.

Zwar leben die meisten von uns in Frieden und Sicherheit, doch verschärft sich die Gewalt in vielen Nationen: Afghanistan, Somalia, in der Demokratischen Republik Kongo, im Irak und Sudan.

Ihre Probleme sind Teil des Entwicklungsnotstands, mit dem wir konfrontiert sind. Im letzten Jahr sind die Preise für Kraftstoff, Nahrungsmittel und Rohstoffe beunruhigend angestiegen. Wohlhabende Länder haben Angst vor einer Rezession, während die Armen sich kein Essen mehr leisten können.

Die Milleniums-Entwicklungsziele sind Teil der Lösung. Doch waren die Fortschritte hier ungleichmäßig. Versprechen wurden nicht eingehalten. Doch haben wir genug erreicht, um zu wissen, dass die Ziele in Reichweite sind.

Die Vereinten Nationen sind der Fürsprecher der Wehrlosesten. Wenn Katastrophen eintreten, handeln wir, so z. B. dieses Jahr in Haiti und anderen karibischen Nationen, die von Wirbelstürmen heimgesucht wurden. Ebenso nach dem Zyklon Nargis in Myanmar, wo die Aufgabe jetzt lautet, auf politischen Fortschritt zu drängen, unter anderem glaubhafte Schritte bei Menschenrechten und Demokratie.

Wir haben Menschen geholfen, die in Südostasien von schweren Überschwemmungen betroffen waren, und anderen am Horn von Afrika, wo 14 Millionen Nothilfe benötigen. Seit ich mein Amt antrat, habe ich energischeres Handeln in Somalia gefordert. Müssen wir warten – und mehr Kinder im Sand sterben sehen?

Die globale Nahrungsmittelkrise wird sich nicht von selbst wieder legen. Auch wenn sie derzeit aus den Schlagzeilen verschwunden ist. Letztes Jahr zu dieser Zeit kostete Reis $ 330 pro Tonne. Heute sind es $ 730. Menschen, die Reis säckeweise kauften, kaufen ihn nun händeweise. Wer früher zwei Mahlzeiten am Tag aß, muss nun mit einer auskommen.

Die UNO hat sich darauf konzentriert, Saatgut und Dünger in die Hände von Kleinbauern zu liefern. Wir streben eine neue „grüne Revolution“ in Afrika an. Doch fehlen uns neue Ressourcen. Die internationale Gemeinschaft hat ihren Worten keine Taten folgen lassen.

In Burundi und Sierra Leone, Liberia und Osttimor werden unsere Ressourcen stark belastet, da die UN-Friedenstruppen den Nationen auf ihrem Weg zum Frieden helfen. Dennoch ist die präventive Diplomatie der UNO oft entscheidend. Wir sehen ihre Früchte in Nepal, Kenia und hoffentlich in Simbabwe.

Ebenso besteht die reale Chance auf eine Wiedervereinigung Zyperns. In Georgien kann die UNO dazu beitragen, die Spannungen abzubauen, die aus dem jüngsten Konflikt entstanden sind. In Côte d’Ivoire werden wir bei der Organisation der Wahlen vor Jahresende helfen – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer Besserung der Lage und zu Demokratie.

Doch ist es gefährlich zu denken, die UNO könne die heutigen komplexen Probleme ohne die volle Unterstützung ihrer Mitgliedsstaaten bewältigen. In Darfur beispielsweise stehen wir weiterhin vor der Herausforderung, Einsatztermine einzuhalten. Uns fehlt es an entscheidender Ausstattung und Personal. Wenn den Mandaten keine Mittel folgen, so sind es leere Versprechungen.

Und derzeit wird unsere ganze Arbeit – Entwicklungsfinanzierung, Sozialausgaben in reichen und armen Nationen, die Milleniums-Entwicklungsziele, Friedenseinsätze – von der globalen Finanzkrise gefährdet. Wir müssen auf den internationalen Finanzmärkten wieder Ordnung herstellen. Wir müssen über eine neue globale Wirtschaftsordnung nachdenken, welche die sich wandelnden Gegebenheiten unserer Zeit vollständiger widerspiegelt.

Diese Gegebenheiten fordern fortwährende UN-Einsätze an zahllosen Fronten: bei der Bekämpfung von Malaria und AIDS, der Verringerung der Mütter- und Kindersterblichkeit, beim Kampf gegen den globalen Terrorismus und bei der Sicherstellung der Abrüstung und Nichtverbreitung von Atomwaffen. Auf der koreanischen Halbinsel müssen alle Vereinbarungen der Sechs-Parteien-Gespräche umgesetzt werden, und der Iran muss den Beschlüssen des Sicherheitsrates Folge leisten und vollständig mit der Internationalen Atomenergiebehörde zusammenarbeiten.

Vor allem ist unsere Wachsamkeit im Bereich der Menschenrechte gefordert. Gerechtigkeit muss als ein Grundpfeiler von Frieden, Sicherheit und Entwicklung behandelt werden. Wir müssen die „Verantwortung zu schützen“ ausbauen. Trotz der realen politischen Schwierigkeiten können wir Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht ungestraft lassen.

Der Klimawandel bleibt die bestimmende Frage unserer Zeit. Wir müssen wieder zu unserem alten Schwung zurückfinden. Unsere erste Prüfung findet in drei Monaten im polnischen Posen statt. Bis dahin brauchen wir eine gemeinsame Vision für ein neues globales Abkommen zum Klimawandel, das das Kioto-Protokoll, welches 2012 ausläuft, ersetzen kann.

Die Grundlage für die Arbeit der UNO ist Verantwortlichkeit. Wir müssen die Kultur der UNO verändern. Wir müssen schneller, flexibler und effektiver werden – in einem Wort: moderner. Wir müssen unser derzeitiges System der Dienstverträge und -bedingungen ersetzen, da diese nicht funktionieren und die Moral untergraben.

Doch müssen auch die Mitgliedsstaaten der UNO verantwortungsvoll handeln. Beschlüsse, die Mandate für Friedenseinsätze festlegen, dürfen nicht mehr weiter ohne die notwendigen Truppen, das notwendige Geld und Material gefasst werden. Wir können das tapfere UN-Personal – von dem in diesem Jahr 25 gestorben sind – nicht in der Welt herumschicken, ohne für seine Sicherheit zu sorgen. Wir können diese Organisation nicht ohne die erforderlichen Mittel reformieren.

Die Unsicherheiten von heute werden vorübergehen, jedoch nur, wenn wir umsichtig und verantwortungsvoll handeln. Damit schaffen wir die Voraussetzungen für eine neue Ära der Stabilität und des globalen Wohlstands, in der diese weiter und gerechter verteilt sein werden.

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