Thursday, October 30, 2014
0

Die zweite große Kontraktion

CAMBRIDGE – Warum sprechen alle noch immer von der „großen Rezession“, wenn sie über die jüngste Finanzkrise sprechen? Die Bezeichnung beruht schließlich auf einer gefährlichen Fehldiagnose der Probleme der USA und anderer Länder, die zu schlechten Prognosen und schlechter Politik geführt hat.

Der Begriff „große Rezession“ erweckt den Eindruck, die Wirtschaft folge den Bewegungen einer typischen Rezession, nur schlimmer – so etwas wie eine schwere Erkältung. Darum lagen die Prognosen und Analysen, die Parallelen zu anderen Rezessionen seit dem zweiten Weltkrieg zu ziehen suchten, während des gesamten Abschwungs so falsch. Zudem haben sich viele Entscheidungsträger darauf verlassen, dies sei eine besonders tiefe Rezession, der mit einer großzügigen Portion der traditionellen Abhilfen der Politik, wie finanzpolitischen Maßnahmen oder massiven Rettungspaketen, schon beizukommen sei.

Aber das eigentliche Problem ist, dass die globale Wirtschaft in viel zu hohem Maße verschuldet ist. Dafür gibt es keine schnelle Lösung ohne einen Plan, wie Vermögen von Gläubigern auf Schuldner übertragen werden kann, entweder durch Schuldenerlass, finanzielle Repression oder Inflation.

Ein zutreffender, wenn auch kaum beruhigender Begriff für die aktuelle Krise ist „zweite große Kontraktion“. Ausgehend von unserer Diagnose der Krise als einer typischen tiefen Finanzkrise, nicht einer typischen tiefen Rezession, schlugen Carmen Reinhart und ich diese Bezeichnung 2009 in unserem Buch This Time is Different (Dieses Mal ist es anders) vor. Die erste „große Kontraktion“ war natürlich die Weltwirtschaftskrise, wie bereits Anna Schwarz und der verstorbene Milton Friedman hervorhoben. Die Kontraktion bezieht sich nicht nur auf Produktion und Beschäftigung, wie bei einer normalen Rezession, sondern auch auf Schulden und Kredite und damit auf die Entschuldung, die normalerweise viele Jahre dauert.

Warum stelle ich hier semantische Überlegungen an? Stellen wir uns jemanden vor, der eine Lungenentzündung hat, aber glaubt, es sei nur eine besonders schwere Erkältung. Wie leicht kann es passieren, dass er nicht die richtige Medizin nimmt? Und natürlich glaubt er, dass er viel schneller wieder auf den Beinen ist, als realistischerweise zu erwarten wäre.

Bei einer konventionellen Rezession geht man aufgrund der Annahme, dass das Wachstum wieder anzieht, von einer relativ schnellen Wiederherstellung der Normalität aus. Die Wirtschaft gewinnt ihr verlorenes Terrain nicht nur wieder, sondern befindet sich normalerweise innerhalb eines Jahres auch wieder im Aufschwung.

Die Folgen einer typischen tiefen Finanzkrise sind etwas ganz anderes. Wie Reinhart und ich nachwiesen, dauert es typischerweise allein mehr als vier Jahre, bis in einer Wirtschaft das Pro-Kopf-Einkommen wieder auf Vorkrisenniveau ist. Bisher haben sich unsere quantitativen Benchmarks, angelegt auf die verschiedensten makroökonomischen Variablen wie Produktion, Beschäftigung, Schulden, Immobilienpreise und sogar Eigenkapital, im Vergleich zu anderen schweren Finanzkrisen seit dem zweiten Weltkrieg als weitaus genauer erwiesen als die konventionelle Rezessionslogik.

Viele Kommentatoren argumentieren, die Konjunkturpakete hätten zum großen Teil versagt, weil sie nicht groß genug waren, um eine „große Rezession“ zu bekämpfen, und nicht, weil sie das falsche Instrument waren. Aber bei einer „großen Kontraktion“ sind zu viele Schulden das größte Problem. Wenn Regierungen, die noch immer gute Kreditratings haben, knappe Ressourcen effektiv anlegen wollen, ist der wirksamste Ansatz, die Schulden zu reduzieren.

Zum Beispiel könnte der Staat die Abschreibung von Hypotheken ermöglichen, wenn er dafür einen Anteil an zukünftigen Aufwertungen der Immobilienpreise erhielte. Ein analoger Mechanismus könnte für Länder umgesetzt werden. Zum Beispiel könnten Wähler in reichen europäischen Ländern zu einem viel größeren Rettungspaket für Griechenland überredet werden (zu einem, das groß genug ist, um auch zu funktionieren), wenn sie dafür in zehn bis fünfzehn Jahren, sobald die griechische Wirtschaft stabil wächst, entsprechend höhere Rückzahlungen erhielten.

Gibt es eine Alternative zu vielen Jahren des Lavierens und der Unentschiedenheit in der Politik?

In meiner Kolumne vom Dezember 2008  habe ich argumentiert, der einzige praktische Weg, die kommende Zeit der schmerzhaften Verringerung des Verschuldungsgrades und des langsamen Wachstums abzukürzen, sei eine anhaltende, moderate Inflation, sagen wir vier bis sechs Prozent, über mehrere Jahre. Natürlich ist eine Inflation ein unfairer und willkürlicher Transfer von Einkommen von Sparern auf Schuldner. Aber unterm Strich wäre ein solcher Transfer der direkteste Weg hin zu einer schnellen Erholung. Und schlussendlich wird es so oder so passieren, wie Europa gerade schmerzhaft erfährt.

Für viele Beobachter kommt jede Andeutung einer noch so moderat steigenden Inflationsrate einer Art Ketzerei gleich. Aber große Kontraktionen, im Gegensatz zu Rezessionen, treten nicht häufig auf, vielleicht alle 70 oder 80 Jahre. In dieser Zeit müssen dann die Zentralbanken einen Teil der Glaubwürdigkeit verlieren, die sie in normalen Zeiten aufgebaut haben.

Die große Eile, der Situation das Etikett „große Rezession“ zu verpassen, geht darauf zurück, dass die meisten Analysten und Entscheidungsträger die falsche Ausgangssituation im Kopf hatten. Leider ist jetzt nur zu klar, wie falsch sie lagen.

Der erste Schritt hin zu einer Lösung ist, anzuerkennen, dass wir einen Fehler gemacht haben. Die Geschichte lehrt uns, dass Rezessionen oft umbenannt wurden, wenn der Rauch erst einmal verzogen war. Vielleicht verzieht sich der Rauch dieses Mal etwas schneller, wenn wir uns der Aufschrift „große Rezession“ schnellstmöglich entledigen und sie durch eine korrekte Bezeichnung, etwa „große Kontraktion“ ersetzen. Es ist zu spät, die schlechten Prognosen und die fehlgeleitete Politik zurückzunehmen, die die Zeit nach der Finanzkrise geprägt haben, aber es ist noch nicht zu spät, es besser zu machen.

Hide Comments Hide Comments Read Comments (0)

Please login or register to post a comment

Featured