Der Wiederaufbau des Libanons, der in den 90er Jahren so mühsam durchgeführt wurde, läuft derzeit Gefahr, wieder rückgängig gemacht zu werden. Doch steht der Libanon in dieser Hinsicht nicht alleine da: Laut UN und mehrerer unabhängiger Studien besteht für Länder, die sich in der Übergangsphase vom Krieg zum Frieden befinden, ein 50%iges Risiko, wieder in den Krieg abzugleiten. Tatsächlich scheint der Übergang zum Frieden in Osttimor, Irak, Afghanistan, Kosovo und vielen anderen Ländern zu scheitern.
Ebenso ist die Arbeit in vielen anderen Ländern, die sich im Wiederaufbau befinden, noch nicht abgeschlossen. Die Demokratische Republik Kongo (DRC) hat beispielsweise gerade erst ihre ersten Wahlen seit 40 Jahren abgehalten. Die Stabilität der Region der „Großen Seen“ in Afrika, vielleicht das gewalttätigste Gebiet des Kontinents, hängt vom Erfolg des dortigen Wandels und Wiederaufbaus ab.
Wenn Kriege enden, stehen die Länder vor einem vielschichtigen Übergang. Gewalt muss Platz machen für die Sicherheit der Bewohner; Gesetzlosigkeit und politische Ausgrenzung müssen Platz machen für Rechtsstaatlichkeit und eine partizipatorische Regierung; ethnische, religiöse oder Klassen-/Kastenpolarisierungen müssen einer nationalen Aussöhnung weichen; und ruinierte Kriegsökonomien müssen in funktionsfähige Marktwirtschaften umgewandelt werden, die es normalen Menschen ermöglichen, ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen.
Durch diese verschiedenen Aufgaben unterscheidet sich der wirtschaftliche Wiederaufbau grundlegend von der „üblichen Entwicklung“. Um erfolgreich zu sein, müssen beim Übergang zum Frieden frühere Kämpfer demobilisiert, entwaffnet und wieder integriert werden, Versorgungsdienste und Infrastruktur müssen wiederaufgebaut und instand gesetzt werden.
Um dies zu erreichen, muss das Ziel des Friedens über dem Ziel der Entwicklung stehen, falls ein Konflikt zwischen beiden entstehen sollte. Oft sind optimale Wirtschaftspolitik und bewährte Vorgehensweisen nicht durchführbar – oder überhaupt wünschenswert. Das bedeutet auch, dass friedensbezogene Programme Priorität bei der Zuteilung des Budgets erhalten sollten.
Selbstverständlich bestimmt die Legitimität der Regierung oder eines anderen politischen Gremiums, was in der Wirtschaftspolitik möglich ist. Eine schwache nationale Übergangsregierung – oder eine Verwaltung durch die Vereinten Nationen oder durch eine fremde Besatzungsmacht – sollte keine politischen Beschlüsse wie beispielsweise die Privatisierung nationaler Ressourcen umsetzen, wenn dies politischen Widerstand auslösen könnte.
Eine frühzeitige Privatisierung ist oft sogar an sich schädlich, da die Eigentumsrechte eine Zeitlang ungeklärt bleiben. Daher ist ein neuer Maßstab erforderlich, um den Erfolg zu messen. Projekte müssen danach beurteilt werden, ob sie zu Frieden und Aussöhnung beitragen, und nicht nach rein wirtschaftlichen Kriterien.
Die effektive Abrüstung und Aussöhnung in El Salvador z. B. sicherte die Festigung des Friedens nach dem blutigen Bürgerkrieg des Landes in den 80er Jahren. Anderswo hat die Missachtung des Vorrangs der Politik beim Übergang zum Frieden tragische Folgen gehabt.
Das Versäumnis, Splittergruppen im Libanon zu entwaffnen und auszusöhnen, wo die Hisbollah trotz ihrer Umwandlung in eine politische Partei ihre Waffen behielt, bedeutete, dass die Kampfbereitschaft ständig unter der Oberfläche brodelte. Genauso spiegeln auch der Zusammenbruch der Friedensprozesse in Angola und Haiti und die verschiedenen Rückschläge in Kambodscha und Nicaragua in den 90er Jahren nicht erfolgte Abrüstung und Integration wider.
Oberflächlich betrachtet, scheint die UN in der idealen Position zu sein, um Wiederaufbaubemühungen zu leiten, weil sie, anders als Entwicklungseinrichtungen wie die Weltbank, die politischen und wirtschaftlichen Ziele, die gleichermaßen zu einem Friedensprozess gehören, zusammenführen kann. Dennoch hat die UN immer wieder gezeigt, dass sie in dieser Rolle inkompetent ist. Im Kosovo hat die Umwandlung der Kosovo-Befreiungsarmee in eine zivile Friedenstruppe im Laufe der Jahre große Unsicherheit verursacht, die die UN-Verwaltung letzten Endes bereuen könnte, wenn die Klärung des endgültigen Status der Provinz nicht zur Unabhängigkeit führt.
Die Tatsache, dass der Übergang zum Frieden als „übliche Entwicklung“ behandelt wird, hat zudem zu neuer Gewalt in Osttimor geführt, einem Land, das die UN einst lautstark als Erfolg feierte. Die gewerbliche Nutzung üppiger Öl- und Gasvorkommen im Timorgraben hätten den Wiederaufbau erleichtern und Arbeitsplätze für 30 % der Arbeitskräfte ohne Beschäftigung schaffen können. Stattdessen hat Osttimor unter großem Beifall des IWF einen „Erdölfonds“ im norwegischen Stil geschaffen, um das Geld für schlechte Zeiten zu sparen. Doch sind diese schlechten Zeiten in Osttimor nun gekommen.
Der Irak bietet zahlreiche Beispiele für die Gefahren, die durch falsche Prioritätensetzung entstehen. Die verfrühten Bemühungen, die Ölindustrie des Iraks zu privatisieren, haben sich als katastrophal erwiesen und waren für viele Iraker die Bestätigung, dass die Amerikaner entschlossen waren, den Reichtum des Landes zu „stehlen“, was den gewalttätigen Widerstand weiter schürte. In der Tat war die politische Entscheidung für die Privatisierung noch eigenartiger, weil sie schon im Voraus zum scheitern verurteilt war: Für Investoren ist es sicherlich nicht attraktiv, Anlagewerte zu kaufen, bei denen sich die Eigentumsrechte ändern könnten, sobald eine rechtmäßige irakische Regierung die Macht übernimmt – was auch im Kosovo ein großes Investitionshindernis darstellt.
Doch haben die Vereinigten Staaten ihre Lektion nicht gelernt. Am Rande eines Bürgerkriegs hat der Irak soeben eine Umschichtung seiner Auslandsschulden angekündigt. Anstatt die Versorgungsdienste und Lebensbedingungen in Gebieten zu verbessern, wo dies zur Friedenssicherung hätte beitragen können, wird die Regierung auf Amerikas Geheiß hunderte Millionen Dollar dazu aufwenden, Investitionsbanken, Buchhaltungsunternehmen und Rechtsberater zu bezahlen, die bei dieser Umschuldung helfen.
Jeder Übergang zum Frieden wird sich womöglich als vorübergehend herausstellen, wenn die Entscheidungsträger nicht Aussöhnung und Integration – und nicht Wirtschaftspolitik – zur grundlegenden Priorität machen. Trotz ihrer Fehlschläge ist die UN wahrscheinlich immer noch die Organisation in der besten Position, um derartige Bemühungen zu überwachen. Doch die Komplexität der Aufgaben, vor denen Länder nach einem Konflikt stehen, unterstreicht die dringende Herausforderung, die UN in die Lage zu versetzen, diese Aufgaben zu bewältigen.


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