Thursday, September 18, 2014
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Der Aufstieg der BRIC-Länder

Die Gewinner des großen Globalisierungsschubs in den 1990er Jahren waren kleine Länder wie Neuseeland, Chile, Dubai, Finnland, Irland, die Baltischen Staaten, Slowenien und die Slowakei. Die ostasiatischen Tigerstaaten, die sich selbst in den Mittelpunkt der Weltwirtschaft rückten, waren kleine Einheiten und wurden in manchen Fällen – wie Singapur, Taiwan oder Hongkong –nicht einmal als Staaten behandelt. Sogar das im Vergleich riesige Südkorea war nur ein halbes Land.

Solche Staaten sind gefährdet und in der Geschichte gibt es zahllose Beispiele kleiner, erfolgreicher Globalisierer, die ein Opfer der Machtpolitik wurden. Man denke an die italienischen Stadtstaaten der Renaissance, die holländische Republik oder den Libanon und Kuwait im 20. Jahrhundert. Kleine Staaten wurden häufig zum Opfer ihrer großen und ärmeren Nachbarn, die den kleinen ihren Erfolg neideten und es darauf abgesehen hatten, deren Reichtum an sich zu reißen. Dabei übersahen die Großen jedoch, dass derartige Übergriffe die Quelle des Wohlstandes und der Dynamik zerstören.

In der Welt der reinen Globalisierung schneiden kleine Staaten am besten ab, weil sie flexibler sind und sich daher leichter an die sich rasch ändernden Märkte anpassen können. Kleinen Staaten gelingt es besser, Anpassungen im Bereich Public Policy vorzunehmen, ihre Arbeitsmärkte zu liberalisieren, ein solides Rahmenwerk für den Wettbewerb zu schaffen und grenzübergreifende Übernahmen und Firmenzusammenschlüsse zu erleichtern.

In vielen aktuellen Untersuchungen über die schlechte Wirtschaftsleistung der wichtigsten kontinentaleuropäischen Ökonomien – Frankreich, Deutschland und Italien – im Vergleich zu kleineren, viel dynamischeren Volkswirtschaften in Nord- und Mitteleuropa wurde die Dringlichkeit derartiger Maßnahmen untermauert. Allerdings sind auch die Erfolgschancen, maßgebliche Aspekte des Wohlfahrtsstaates beizubehalten in kleineren Staaten höher.

Ein größerer Staat kann zwangsläufig mehr Kontrolle über die Wirtschaft ausüben und unterliegt daher der kostspieligen Versuchung, als Reaktion auf politischen Druck von Interessensgruppen zu intervenieren. Im kleinen Staat führt ein dichtes Kontrollnetzwerk eher zum Verlust mobiler Produktionsfaktoren, wohingegen sich die Arbeitskräfte- und Kapitalflucht in einem großen Staat schwieriger gestaltet.

Auf internationaler Ebene versuchen große Staaten, internationale Regelungen schaffen und gründen ihre innenpolitische Legitimation oftmals auf dem Anspruch, in der Lage zu sein, die Welt zu gestalten. Ihnen geht es dabei um eine „Zähmung der Globalisierung“, wie dies französische Intellektuelle ausdrücken. Statt das internationale System im Wesentlichen mit all seinen Unzulänglichkeiten so zu akzeptieren, wie es ist, glauben sie, ihr Gewicht dafür einsetzen zu können, die Regeln - zu ihren Gunsten – zu verändern.

Die Nervosität und Angst der kleinen Staaten begann ungefähr ab dem Jahr 2000 zu steigen. Die neue politische Realität wurde durch den Krieg im Irak, Chinas Suche nach Energiequellen in Entwicklungsländern und Russlands Bestimmtheit in Innen- und Außenpolitik unterstrichen.

In der Welt von heute scheinen die Gewinner große Staaten mit hoher Bevölkerungszahl und rasantem Wirtschaftswachstum zu sein. Neben den USA sind das Brasilien, Russland, Indien und China (die BRIC-Länder). Diese dynamischen Giganten mit ihrer potenziellen Macht als Billigkonkurrenz, mit ihren billigen Produkten und dem Outsourcing von Dienstleistungen versetzen die wohlhabende Bevölkerung der Industrieländer in Angst und Schrecken.

Die BRIC-Länder (die man auch als „Big and Really Imperial Countries“, also große und wahrhaft imperiale Staaten bezeichnen könnte) stellen ihre Macht leichter in den Vordergrund, müssen das aber auch tun, um ihre Schwächen zu kompensieren. Sie haben ihre spezifischen Probleme, verhalten sich aber eher wie traditionelle Großstaaten und versuchen, die Globalisierung zu gestalten statt sie als unumgänglichen Prozess zu akzeptieren.

Diesen großen Globalisierern setzen zumindest drei offensichtliche Mankos viel mehr zu, als den kleinen, denen es vorher so gut erging. Erstens müssen bevölkerungsreiche Länder bei zunehmenden Engagement auf den Weltmärkten ihre armen und schlecht ausgebildeten Bevölkerungsteile (in China und Indien vor allem die Landbevölkerung) integrieren.

Zweitens fehlt es in China und Russland an Transparenz in den Finanzsystemen, während Brasilien und Indien aus finanztechnischer Sicht unterentwickelt sind. Dadurch ist deren weitere Integration in die Weltwirtschaft gefährdet und das Risiko einer Finanzkrise steigt.

Drittens ist Russland bereits jetzt mit dem massiven demografischen Problem einer alternden und kranken Bevölkerung konfrontiert. In China steuert man fast sicher auf einen demografischen Einbruch in den 2040er Jahren zu – ein spätes Vermächtnis der chinesischen Ein-Kind-Politik.

Problembeladene geopolitische Giganten waren in der Vergangenheit eine Quelle der Instabilität (Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg ist ein offensichtliches Beispiel) und es gibt gute Gründe für die Annahme, dass von ihnen auch im 21. Jahrhundert eine zunehmende Gefahr ausgeht. Momentan allerdings sind sie unbestreitbar machtvoll.

Um ihre internen Probleme zu lösen, werden die BRIC-Länder daher versuchen, ihre Macht sowie ihren militärischen und strategischen Einfluss zu vergrößern. Vorbei sind die 1990er Jahre, als es unmittelbar nach dem Ende des Kalten Krieges für einen Augenblick den Anschein hatte, als würde die Welt für immer friedlich und unbehelligt von Machtansprüchen bleiben.

Diese Hoffnung erwies sich bald als Illusion. Tatsächlich waren viele Kommentatoren fassungslos, mit welcher Geschwindigkeit sich die Spannungen im internationalen System wieder aufbauten. Obwohl dafür vielfach den USA die Schuld in die Schuhe geschoben wird, wurden diese Spannungen in Wahrheit durch die Entwicklung einer neuen Logik in der internationalen Politik geschürt.

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