Saturday, November 29, 2014
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Das Recht zu sterben

Am 21. Dezember schaltete ein italienischer Arzt, Mario Riccio, das Beatmungsgerät aus, das Piergiorgio Welby am Leben hielt. Welby, der unter Muskeldystrophie litt und gelähmt war, hatte vor den italienischen Gerichten erfolglos für das Recht zu sterben gekämpft. Nachdem Riccio ihm ein Betäubungsmittel gegeben und das Beatmungsgerät ausgeschaltet hatte, sagte Welby dreimal “Danke”, zu seiner Frau, zu seinen Freunden und zu seinem Arzt. Fünfundvierzig Minuten später war er tot.

Welbys Wunsch zu sterben hat in Italien breite Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erregt und für eine hitzige Debatte gesorgt. Während dieser Text verfasst wird, ist unklar, ob Riccio eine Straftat vorgeworfen werden wird. Mindestens ein italienischer Politiker hat seine Verhaftung wegen Mordes gefordert.

Welbys Tod wirft zwei Fragen auf, die voneinander unterschieden werden müssen. Eine ist, ob eine Person das Recht hat, lebenserhaltende medizinische Maßnahmen abzulehnen. Die andere ist, ob freiwillige Euthanasie ethisch vertretbar ist.

Die Einverständniserklärung eines Patienten sollte eine Voraussetzung für jegliche medizinische Behandlung sein, sofern der Patient ein einwilligungsfähiger Erwachsener und in der Lage ist, eine Entscheidung zu treffen. Werden einem einwilligungsfähigen erwachsenen Patienten medizinische Maßnahmen aufgezwungen, die dieser nicht will, sind diese gleichbedeutend mit Körperverletzung. Auch wenn wir vielleicht meinen, dass der Patient die falsche Entscheidung trifft, sollten wir sein oder ihr Recht respektieren diese zu treffen. Dieses Recht wird in den meisten Ländern anerkannt, in Italien offenbar jedoch nicht.

Sogar die römisch-katholische Kirche vertritt seit langem die Ansicht, dass es keine Verpflichtung gibt “außergewöhnliche” oder “unverhältnismäßige” Maßnahmen einzusetzen, um Leben zu verlängern – ein Standpunkt, der in der “Erklärung zur Euthanasie” wiederholt wurde, die von der Kongregation für die Glaubenslehre veröffentlicht und 1980 von Papst Johannes Paul II. gebilligt wurde. In diesem Dokument wird erklärt, dass der Verzicht auf eine zu aufwendige medizinische Behandlung “nicht mit Selbstmord gleichzusetzen ist”. Bei einem solchen Verzicht “handelt es sich vielmehr um ein schlichtes Hinnehmen menschlicher Gegebenheiten; oder man möchte einen aufwendigen Einsatz medizinischer Technik vermeiden, dem kein entsprechender zu erhoffender Nutzen gegenübersteht; oder man wünscht, der Familie beziehungsweise der Gemeinschaft keine allzu große Belastung aufzuerlegen.”

Diese Beschreibung trifft auf Welbys Entscheidung zu. Dieser Auffassung nach tat Riccio etwas, das jeder für Welby hätte bereit sein sollen zu tun, der gelähmt und nicht in der Lage war, seinen Verzicht auf eine aufwendigen Einsatz medizinischer Technik umzusetzen.

Wenn der Fall Welby auf die rechte Seite der Linie fällt, die von der römisch-katholischen Doktrin gezogen wird, ist die tiefer gehende Frage, ob die Kirchendoktrin die Linie an einer sinnvollen Stelle zieht. Wenn ein unheilbar kranker Patient eine belastende Behandlung in dem Wissen ablehnt, dass dieser Verzicht seinen oder ihren Tod bedeutet, warum sollte es einem unheilbar kranken Patienten, der nicht durch eine Form von medizinischer Behandlung am Leben gehalten wird, sondern findet, dass die Krankheit selbst das Leben zu einer Belastung macht, nicht möglich sein, sich Hilfe zu suchen, um dieser Last zu entrinnen?

Verfechter der katholischen Lehre würden entgegnen, dass der Patient im letzteren Fall beabsichtigt, sein Leben zu beenden und dass das falsch ist, während der Patient in ersterem Fall lediglich die Absicht hat, der zusätzlichen Belastung zu entgehen, die eine Behandlung mit sich bringt. Der Tod ist natürlich eine vorhersehbare Konsequenz der Vermeidung dieser Belastung, aber er ist ein Nebenprodukt, das nicht direkt beabsichtigt ist. Wenn der Patient die Belastung vermeiden und trotzdem weiter leben könnte, wäre das seine Entscheidung. Sie könnten argumentieren, dass Welby nicht hätte beim Sterben geholfen werden sollen, weil er ausdrücklich gesagt hat, dass er sterben und nicht eine belastende Behandlung vermeiden wollte.

Diese Unterscheidung ist fragwürdig. In beiden Fällen wählt der Patient wissentlich eine Vorgehensweise, die zu seinem oder ihren Tod führen wird, statt einer alternativen Vorgehensweise, die zu einem längeren, aber belastenden Leben geführt hätte. Indem sie sich eher auf das enger gefasste Vorhaben konzentriert, eine belastende Behandlung abzulehnen, als auf die weiter gefassten Implikationen der Entscheidung, ist die römisch-katholische Kirche in der Lage, die unmenschliche Implikation zu vermeiden, dass Patienten lebensverlängernde Maßnahmen immer akzeptieren müssen, egal wie schmerzhaft oder kostspielig eine solche Behandlung auch sein mag. Doch das tut sie zu dem Preis, ihren eigenen energischen Widerstand gegen Beihilfe zur Selbsttötung und freiwillige Euthanasie zusammenhanglos werden zu lassen.

Viele Ländern erkennen ein gesetzliches Recht zu Verweigerung medizinischer Behandlung an. Doch nur in den Niederlanden, Belgien, der Schweiz und im amerikanischen Bundesstaat Oregon ist es Ärzten gestattet, einem Patienten dabei zu helfen sein oder ihr Leben durch andere Mittel zu beenden, als die Einstellung lebenserhaltender medizinischer Maßnahmen.

Insbesondere die Niederlande wurden einer unerbittlichen Verleumdungskampagne unterzogen. Kritiker behaupten, dass die Legalisierung freiwilliger Euthanasie zu einem Zusammenbruch des Vertrauens in die Ärzteschaft und allen möglichen anderen furchtbaren Konsequenzen geführt habe. Doch wenn diese Behauptungen wahr sind, hat es den Niederländern keiner gesagt. Trotz eines Regierungswechsels in den Niederlanden seit der Legalisierung der freiwilligen Euthanasie, gab es keinerlei Bemühungen diese Maßnahme aufzuheben. Es gibt einfach keine öffentliche Unterstützung für einen solchen Schritt.

Die Niederländer wissen, wie freiwillige Euthanasie in ihrem Land praktiziert wird, sie wissen, dass gesetzliche Euthanasie ihre medizinische Versorgung eher verbessert als ihr geschadet hat, und sie wollen die Möglichkeit der Sterbehilfe, sollten sie diese wollen und benötigen. Ist das nicht eine Wahl, die jeder haben sollte?

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