Wednesday, April 23, 2014
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Die Rückkehr „asiatischer“ Werte

Ein von einem japanischen Mathematiker verfasstes provozierendes Buch hat die Debatte, ob es spezielle „asiatische“ Werte gibt, neu angeheizt. Das bisher noch nicht in andere Sprachen übersetzte Kokka no Hinkaku (Die Würde des Staates) von Masahiko Fujiwara ist ein emotionales Plädoyer für den japanischen „Sonderweg“. Insbesondere wird darin argumentiert, dass die freiheitliche Demokratie eine westliche Erfindung sei, die nicht zum Wesen der Japaner bzw. Asiaten passe.

Die Argumentation ist eigentümlich und scheint die normalerweise mit Nietzsche verknüpfte Kritik des 19. Jahrhunderts neu zu beleben, wonach das Christentum (wie auch der Islam) eine lenkbare oder sogar unterwürfige Mentalität hervorbringe, die im Widerspruch zu den heroischen Tugenden des Altertums oder der Kriegergesellschaften, wie etwa der Welt der japanischen Samurai, stünde. Ebenso werde, so Fujiwara, in der Demokratie die Vernunft, ein weiteres westliches Konstrukt, überbetont. „Wir Japaner jedoch,“ so schreibt er, „haben keine Religion wie das Christentum oder den Islam; darum brauchen wir etwas anderes: tiefe Gefühle.“

Viele nichtjapanische Asiaten werden Fujiwaras Botschaft größtenteils oder in Gänze ablehnen, da sie aus ihr ein unangenehmes historisches Echo heraushören. Schließlich gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass die Asiaten miteinander eine besondere Sehnsucht nach einem autoritären Staat teilen oder dass es sich etwa bei der chinesischen Demokratiebewegung um unaufrichtige Handlanger westlicher Interessen handelt.

Doch Fujiwaras Buch hat zugleich eine alte Debatte über den Kapitalismus und die zu seinem Erhalt erforderlichen Werte wiederbelebt. Diese Debatte beruht auf der Tatsache, dass sich der Kapitalismus bzw. die Marktwirtschaft nicht einfach nur, angetrieben von einer inneren Dynamik, immer weiter fortschreiten können. Alle grundlegenden Neigungen, die den Kapitalismus vorantreiben, sind jeweils für sich betrachtet langfristig destruktiv.

Während beispielsweise der Kapitalismus auf Investitionen und Konsum beruht, führt ein Übermaß an Ersteren zu einem Überangebot, und ein Übermaß an Letzterem bewirkt eine Überhitzung der Konjunktur. In ähnlicher Weise beruht der Kapitalismus auf Wettbewerb, doch kann Wettbewerb brutal und zerstörerisch sein. Daher bedarf es ausgeklügelter Rechtssysteme, um zu gewährleisten, dass der Wettbewerb offen und fair abläuft und dass Monopole und Kartelle nicht den Wettbewerb selbst zerstören. Aber selbst dies reicht möglicherweise nicht aus, denn jene, die die neuen Beschränkungen umgehen wollen, begegnen jeder Gesetzesreform mit unternehmerischem Einfallsreichtum.

Einige Denker, insbesondere Max Weber, haben die Idee in Umlauf gebracht, dass der Kapitalismus durch ein Wertesystem gestützt werden muss, das nicht selbst aus diesem hervorgehen konnte. Allerdings sind fast alle modernen Analysten zu der Auffassung gelangt, dass Webers Versuch, den Geist des Kapitalismus historisch an eine Form des Christentums, nämlich den Protestantismus, zu knüpfen, mit entscheidenden Fehlern behaftet ist – schon deshalb, weil, wie auch Weber anerkannte, die Gründer des Protestantismus Martin Luther und Johannes Calvin der dynamischen kapitalistischen Welt der Renaissance feindlicher gegenüber standen als die katholische Kirche. Tatsächlich waren die frommen katholischen Stadtstaaten Italiens die Wiege des frühmodernen Kapitalismus.

Doch es gibt zwei entscheidende Aspekte in der Debatte über religiöse Werte, die man nicht übersehen sollte. Erstens war der Kern von Webers Argumentation, dass religiöse Werte, die die Zügelung seiner selbst und ein Gefühl der Pflicht betonen, zu Zuverlässigkeit und Verlässlichkeit innerhalb von geschäftlichen Beziehungen beitragen, was insbesondere in solchen Gesellschaften lebenswichtig ist, die sich gerade erst dem Markt öffnen. Wo traditionell Gewalt und Misstrauen herrschen, fällt es den Menschen schwer, sich sicher genug zu fühlen, um langfristige Verträge einzugehen. Sie neigen dazu, nach kurzfristigem Gewinn zulasten anderer zu streben, was einen allgemeinen Skeptizismus in Bezug auf den Markt verstärkt.

Zweitens sind religiöse Werte, die gesellschaftliche Solidarität betonen, ein wichtiges Korrektiv gegenüber der Tendenz der Märkte, durch die Belohnung des Erfolgs die Gesellschaft zu polarisieren. Phasen der Globalisierung waren in der Vergangenheit Zeiträume, in denen beträchtliche wirtschaftliche Fortschritte erzielt wurden. Sie haben jedoch – insofern, als die Märkte knappe Faktoren innerhalb der Produktion belohnten – auch die Ungleichheit innerhalb bestimmter Länder verstärkt. Dies hat mächtige politische Gegenbewegungen hervorgerufen, die den Fortbestand von Handel und finanzieller Integration gefährdete.

Die Debatte über den Beitrag religiöser Werte verläuft parallel mit der Debatte über die Beziehung zwischen Freiheit und wirtschaftlicher Entwicklung – einem zentralen Problem im Werk der Nobelpreisträger für Ökonomie Friedrich Hayek und Amartya Sen. Es ist eindeutig verführerisch für die Kritiker autoritärer Regime, zu argumentieren, dass Freiheit gut sei, weil sie das wirtschaftliche Wachstum fördere. Aber eine tiefer gehende Betrachtung der Freiheit weist dieser einen Wert an sich zu.

Dasselbe gilt für religiöse Werte. Manche behaupten, gestützt auf die Ergebnisse großer impirischer Studien, dass der Glaube an die Religion gut sei, weil er die Wirtschaftsleistung in die Höhe treibe. Das mag sein, und es mag in autoritären Gesellschaften, die Ansichten, welche ihre eigene Legitimität in Frage stellen, ablehnen, ein verlockendes Argument sein. Aber ist es vorstellbar, dass der Papst der chinesischen Führung eine solche Botschaft einflüstern würde?

Im 18. Jahrhundert konstruierte Voltaire ein analoges Argument. Er behauptete, dass die grundlegende Bedeutung der Religion in ihrer gesellschaftlichen Nützlichkeit liege. Er strebte also danach, die Religion zu untergraben, indem er sie zu einem reinen Instrument erklärte. Ein derartiges Tun jedoch zerstört den wahren Charakter religiösen Glaubens. Fujiwaras Buch könnte, indem es die Debatte über „asiatische“ Werte neu belebt, zu einem ähnlichen Fehler beitragen.

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  1. CommentedMahmoud Bay

    Sir, in Islam, Life is rather an Instrumental Value than an Intrinsic one. In other words; God explains to Muslims that Life is only a Vehicle which, if guided with respect to Devine instructions, will help them through to the Intrinsic Value which is mentioned in Quran in several forms of which the most noted is "...gardens beneath which rivers flow...".

    That's why it's hard to understand how Liberal Democracy, which is a pure Western Invention can be applied (as is) to the Arab/Muslim World.

    Liberal Democracy's Intrinsic Values are clearly mentioned in the US Declaration of Independence: Life, Liberty and the pursuit of Happiness. Whereas Muslims consider Life, Disciplined Liberty and Disciplined Happiness as Instrumental Values that will help them to the Pure/Intrinsic Value. Indeed, Muslims flourished and ruled the World when they focused on philosophy, science and technology without giving too much importance to their political model of governance.

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