Friday, August 22, 2014
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Die Abkehr von der makroökonomischen Politik

BERKELEY: Ein verstörender Aspekt des Studiums der Wirtschaftsgeschichte ist, wie Dinge, die in der Gegenwart passieren, die Vergangenheit verändern – oder zumindest unser Verständnis der Vergangenheit. Seit Jahrzehnten habe ich meine Studenten voller Überzeugung den Aufstieg von Regierungen nahe gebracht, die Verantwortung für den Zustand der Wirtschaft übernehmen. Doch die politische Reaktion auf die Große Rezession hat die Art und Weise verändert, wie wir über dieses Problem nachdenken sollten.

Vor dem Ersten Weltkrieg – und noch mehr vor dem Zweiten Weltkrieg – betrachteten es die Regierungen sich nicht als ihre Aufgabe, während eines Konjunkturabschwungs die Arbeitslosigkeit möglichst gering zu halten. Dafür gab es drei Gründe, die zum Ende des Zweiten Weltkrieges alle hinfällig waren.

Zunächst war da die Lobby des harten Geldes – eine beträchtliche Zahl reicher, gesellschaftlich einflussreicher und politisch mächtiger Personen, deren Vermögen überwiegend in Anleihen angelegt war. Für diese persönlich waren hohe Kapazitätsauslastung und niedrige Arbeitslosigkeit nicht besonders wichtig, sehr wohl aber stabile Preise. Mehr als alles andere waren sie an einer harten Währung interessiert.

Zweitens waren die Arbeiter, die von einer hohen Arbeitslosigkeit am schwersten betroffen waren, im Allgemeinen nicht wahlberechtigt. Und dort, wo sie es waren, hatten sie und ihre Vertreter keine gute Möglichkeit, darüber nachzudenken, wie sie im Falle eines moderaten Abschwungs von einer staatlichen Konjunkturpolitik profitieren könnten, und ohnehin keine Chance, an die Schalthebel der Macht zu gelangen.

Drittens steckte die wirtschaftliche Erkenntnis gerade mal in der Pubertät. Das Wissen darüber, wie Unterschiede der Regierungspolitik das Gesamtausgabenniveau beeinflussen konnten, wurde streng gehütet. Von der Free-Silver-Bewegung in den USA abgesehen, war dies nicht Thema der allgemeinen intellektuellen Diskussion in Politik und Gesellschaft.

Alle drei Faktoren verschwanden während der Zwischenkriegszeit. Zumindest war das, was ich damals in 2007 in meinen Vorlesungen zur Wirtschaftsgeschichte lehrte. Heute haben wir so gut wie keine für eine harte Währung eintretende Lobby, fast alle Anleger haben im Wesentlichen diversifizierte Portfolios, und fast alle leiden schwer, wenn die Arbeitslosigkeit hoch ist und Kapazitätsauslastung und Ausgaben niedrig sind.

Die Ökonomen wissen heute eine ganze Menge mehr darüber, wie die Währungs-, Banken- und Haushaltspolitik den Fluss der nominalen Ausgaben beeinflusst – wenn auch weniger, als wünschenswert wäre –, und unsere Erkenntnisse sind Gegenstand einer umfassenden, offenen und vertieften intellektuellen Diskussion in Politik und Gesellschaft. Und die Arbeiterschaft hat das Wahlrecht.

Daher habe ich noch vor gerade mal drei Jahren voller Zuversicht doziert, dass die Zeiten, wo die Regierungen sich zurückhalten und zusehen konnten, wie der Geschäftszyklus seine Verheerungen anrichtet, in der reichen Welt vorbei seien. Keine Regierung, so erklärte ich, würde es über längere Zeit hinnehmen (können), dass die Arbeitslosenquote, ohne dass es Inflation gibt, die 10-Prozent-Marke küsst, ohne mit Wucht etwas dagegen zu unternehmen.

Ich lag falsch, denn genau das passiert gerade.

Wie konnte es soweit kommen? Wie kann es sein, dass in den USA eine große politische Bewegung – die Tea Party – existiert, die für eine ultraharte Währungspolitik eintritt, wenn es keine Hartwährungslobby gibt, deren Vermögen auf dem Spiel steht? Wie kann es sein, dass sich in den USA die Arbeitslosen und die, die Angst haben, zur nächsten Welle der Arbeitslosen zu gehören, nicht ins Wählerverzeichnis eintragen lassen? Warum haben die Politiker keine Angst vor ihrem Unwillen?

Und es stellen sich auch jede Menge wirtschaftliche Fragen. Warum werden die Grundsätze der Bestimmung des Nominaleinkommens, die, wie ich dachte, seit 1829 weitestgehend feststehen, jetzt in Frage gestellt? Warum wird die Vorstellung (die Männer wie John Maynard Keynes, Milton Friedman, Knut Wicksell, Irving Fisher und Walter Bagehot alle teilten), dass die Regierungen strategisch auf den Finanzmärkten intervenieren müssen, um die gesamtwirtschaftlichen Ausgaben zu stabilisieren, jetzt bestritten?

Klar ist inzwischen, dass die rechtsgerichteten Gegner der Politik der Obama-Regierung nicht den Einsatz finanzpolitischer Maßnahmen zur Stabilisierung der nominalen Ausgaben ablehnen. Sie lehnen vielmehr bereits den Gedanken ab, dass die Regierung versuchen sollte, eine stabilisierende makroökonomische Rolle zu spielen.

Der Fluss gesamtwirtschaftlicher Ausgaben ist heute niedrig. Daher wirkt US-Notenbankchef Ben Bernanke darauf hin, dass die Fed diesen Fluss ankurbelt, indem sie durch Kauf von Staatsanleihen, auf die Zinsen anfallen, im Tausch gegen unverzinstes Bargeld den Mix privat gehaltener Vermögenswerte verändert.

Das ist eine absolute gängige Vorgehensweise. Der kleine Unterschied ist nur, dass die Fed siebenjährige Schatzanleihen kauft statt solcher mit einer Laufzeit von drei Monaten. Sie hat keine Wahl: Die kürzeste Laufzeit, für die Zinsen gezahlt werden, sind bei Schatzanleihen heute sieben Jahre. Die Fed kann die kurzfristigen Zinsen nicht unter null senken, also versucht sie, durch diese Politik der „quantitativen Lockerung“ die längerfristigen Zinsen zu drücken.

Doch Amerikas Rechte lehnt dies ab. Ihre Gründe bleiben weitgehend im Dunkeln: Welche Einwände bestehen auf der Ebene der Wirtschaftstheorie gegen die quantitative Lockerung? Geschwafel, wonach die Federal Reserve die Währung manipuliert und übermäßige Risiken eingeht, ist keine Antwort wert.

Aber hier stehen wir. Die Arbeiter können wählen, die Ökonomen haben begriffen und debattieren die Bestimmung des Nominaleinkommens, und es ist keine einflussreiche Gruppe da, die von einer tieferen und längeren Depression profitieren würde. Doch der weitgehende monetaristisch-keynesianische Konsens der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, der eine so große Rolle dabei spielte, die 60 Jahre von 1945 bis 2005 zur erfolgreichsten weltwirtschaftlichen Periode aller Zeiten zu machen, könnte trotz alledem zerbröseln.

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