Thursday, April 17, 2014
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Rezessionen: das Datierungsspiel

STANFORD: Der in den frühen Stadien der Erholung von Finanzkrise und Rezession zu verspürende Optimismus hat einer stärker ernüchternden Bewertung der kurz-, mittel- und langfristigen Herausforderungen Platz gemacht, vor denen die Weltwirtschaft und ihre nationalen Bestandteile stehen.

In vielen Ländern sind sogar Befürchtungen einer anhaltenden Phase langsamen und gelegentlich negativen Wachstums, hartnäckiger Hindernisse bei der Reduzierung der Arbeitslosigkeit und anhaltender wirtschaftlicher Sorge aufgekommen – oder, schlimmer noch, Befürchtungen eines „verlorenen Jahrzehnts“ japanischen Stils mit mehreren Rezessionen oder gar einer Depression (die Politiker und Intellektuelle in dem Versuch, massive staatliche Interventionen in die Wirtschaft während der kommenden Jahre zu rechtfertigen, noch angeheizt haben).

Doch sind mehrere Konjunkturabschwünge in Phasen schwerer wirtschaftlicher Bedrängnis so ungewöhnlich? Es wäre nützlich, die Antwort auf diese Frage zu kennen, bevor man wiederholt versucht, die Wirtschaft durch eine teure Politik, die die langfristigen Aussichten verschlimmern könnte, kurzfristig aufzupumpen.

Die globale Rezession war schwer; es gab dafür nichts Vergleichbares seit dem Zweiten Weltkrieg, mit der möglichen Ausnahme der frühen 1980er Jahre (als etwa in Amerika die Arbeitslosenquote steil auf 10,8% in die Höhe schoss – ein Nebenprodukt des Inflationsabbaus nach den zweistelligen Preisanstiegen der späten 1970er Jahre). Vom Beginn der Krise im Dezember 2007 bis zum anscheinenden Ende der Rezession im Sommer 2009 betrug der Rückgang beim realen BIP in den USA 3,8%.

Auch alle übrigen G7-Volkswirtschaften (Japan, Deutschland, Italien, Frankreich, Kanada und Großbritannien) erlebten während dieser Zeit schwere Rezessionen. Wichtige Handelswirtschaften mittleren Einkommens wie Brasilien, Südkorea, Singapur und Taiwan durchliefen kurze, aber sogar noch heftigere Konjunktureinbrüche. Der Abschwung war so ausgeprägt und dauerte so lange, dass einige sogar den Begriff „Depression“ verwendeten, bevor man sich dann mit „Große Rezession“ zufrieden gab.

Wie genau ist eine Rezession definiert? Unterschiedliche nationale Statistikbehörden definieren derartige Episoden etwas unterschiedlich – und datieren sie daher auch verschieden. In den USA werden Rezessionen offiziell von einem unparteiischen, nicht gewinnorientierten privaten Forschungsinstitut datiert; so wird die Messung klugerweise entpolitisiert.

Der Punkt, an dem die Wirtschaft zu wachsen aufhört, wird als „Gipfel“ bezeichnet, und der Punkt, an dem sie zu schrumpfen aufhört, als „Talsohle“. Den Zeitraum zwischen dem Punkt, an dem die Wirtschaft wieder zu wachsen beginnt, und dem, an dem sie den vorherigen Gipfel erreicht, nennt man „Konjunkturerholung“. Danach spricht man von „expansivem Wachstum“.

Für Ökonomen ist eine Rezession vorbei, wenn die Wirtschaft wieder zu wachsen beginnt. Die Volkswirtschaft fällt in ein tiefes Loch, und dann, sobald sie wieder herauszuklettern beginnt, sagt man, die Rezession ist vorbei – obwohl es bis zurück nach oben noch ein langer Klettergang sein kann. Es verwundert also kaum, dass der Normalbürger die Rezession erst für überwunden hält, wenn sich die Wirtschaft wieder „normalisiert“ hat, d.h. wenn die Einkommen wieder steigen und die Arbeitsplätze nicht mehr verzweifelt knapp sind.

Eine gängige Faustregel besagt, dass zwei aufeinander folgende Quartale mit fallendem realen BIP eine Rezession darstellen. Aber manchmal erfüllen Rezessionen diese Regel nicht. Die US-Rezessionen von 2001 und 1974/1975 hielten dieses Kriterium beide nicht ein. Zusätzlich zum realen BIP werden Beschäftigung, Einkommensentwicklung und Umsätze herangezogen, außerdem die Tiefe, Dauer und gesamtwirtschaftliche Streuung des Abschwungs.

Manchmal ist die Datierung einer Rezession Ermessenssache. Amerika durchlief 1980 eine kurze, scharfe Rezession, gefolgt von einer langen und schweren 1981/1982. Viele Ökonomen vertreten die Ansicht, dass es sich dabei um eine einzige, schwere Episode handelt, und im breiteren historischen Zusammenhang ist dies vermutlich die angemessene Betrachtungsweise.

Doch dazwischen wuchs die Wirtschaft tatsächlich – gerade eben genug, dass man beide als eigenständige Rezession betrachten konnte. Und da sie durch den Übergang von Präsident Jimmy Carter zu Präsident Ronald Reagan getrennt waren, war es politisch folgerichtig, dass man zwei Rezessionen identifizierte. Genauso begann die jüngste Rezession offiziell im Dezember 2007, aber man hätte ihren Beginn ebenso gut auf den Sommer 2008 legen können, denn in der Zwischenzeit wuchs die Wirtschaft.

W-förmige Konjunkturabschwünge sind eher die Regel als die Ausnahme. Wenn wir uns auf das reale BIP konzentrieren und einen W-förmigen Abschwung als historische Sequenz betrachten, in der auf einen Zeitraum, der lang genug ist, um ihn als Rezession zu bezeichnen, eine Phase der Erholung und dann gleich wieder eine ausgewachsene Rezession folgt, dann ist der Zeitraum von 1980-1982 in den USA ein klassisches Beispiel dafür. Tatsächlich wäre, bei lockererer Definition als Sequenz mit Phasen des Wachstums gefolgt von Phasen des Abschwungs und dann von weiteren Phasen des Wachstums und des Abschwungs, der Zeitraum von 1973-1975 in den USA mit acht Quartalen abwechselnder Gewinne und Verluste beim realen BIP eine einzige Doppel-W-Rezession.

Dies sind keine seltenen Ereignisse. Etwa zur selben Zeit erlebte Deutschland diese Art W-förmiger Rezession, und Großbritannien ein Doppel-W. In den frühen 1980er Jahren gab es in Großbritannien, Japan, Italien und Deutschland überall W-förmige Abschwünge. Die amerikanische Rezession von 2001 war eine kurze, milde W-förmige Rezession. Innerhalb der derzeitigen Rezession haben wir bereits eine W-förmige Entwicklung hinter uns – den ersten Einbruch Anfang 2008, dann etwas Wachstum, dann einen weiteren langen, tiefen Abschwung und dann neuerliches Wachstum. Falls die Konjunktur erneut nachgibt – eine hochgradig plausible Annahme – hätten wir es mit drei Wellen zu tun, wenn auch vielleicht nicht mit einer ausgewachsenen zweiten Rezession.

Die Geschichte legt also nahe, dass Volkswirtschaften einer Rezession selten kontinuierlich ohne gelegentlichen neuerlichen Konjunkturrückgang entwachsen. Amerikas Rezessionserfahrung seit dem Zweiten Weltkrieg besteht aus W-, VW- und Doppel-W-Abschwüngen. Und auch in vielen anderen Ländern sind ähnliche Episoden häufig. Japan durchlebte während seines „verlorenen Jahrzehnts“, das in den 1990er Jahren begann, drei Rezessionen – trotz einer langen Kette großer keynesianischer Konjunkturprogramme, denen es die schlimmste öffentliche Schuldenlast unter allen hoch entwickelten Volkswirtschaften verdankt.

Während die Basisprognose auf langsames globales Wachstum zu lauten scheint  – in den USA etwa 3%, etwa halb so viel wie normalerweise nach einer tiefen Rezession – legt die Geschichte nahe, dass ein weiterer Abschwung kaum überraschend käme, bevor sich wieder ein nachhaltiges Wachstum entwickelt.

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