CHICAGO – Vor kurzem war ich in Europa, wo ich Ökonomen, Journalisten und Geschäftsleute traf, die über ihre Politiker gründlich frustriert waren. Warum, so fragen sie sich, können die Politiker den vor ihnen liegenden Abgrund nicht erkennen und sich zusammensetzen, um die Euro-Krise ein für allemal zu lösen?
Selbst wenn keine Einigkeit darüber besteht, wie diese Lösung aussehen könnte, stellt sich die Frage, warum man nicht einen Plan konzipiert, der über die wiederholt ergriffenen halbherzigen Maßnahmen hinausgeht. Nur aufgrund der mutigen Entscheidung der Europäischen Zentralbank, langfristig Kredite an Banken zu vergeben, kam es in letzter Zeit zu einer kurzen Atempause, so ihr Argument. Im Gegensatz dazu werden Politiker der Probleme Europas nicht gerecht, weil sie der Entwicklung ständig hinterher hinken. Warum ist es für sie so schwierig, Führerschaft zu übernehmen?
Eine, allerdings nicht ernst zu nehmende Antwort lautet, dass die politischen Verantwortlichen den Ernst der Lage einfach nicht verstehen. Politiker in Spitzenpositionen müssen jedoch keine Wirtschaftsgenies sein, um den Rat zu verstehen, der ihnen gegeben wird und außerdem sind viele Politiker intelligent und auch gebildet.
In der zweiten Antwort – wonach Politiker aufgrund von Wahlzyklen einen kurzen Zeithorizont verfolgen – könnte ein Körnchen Wahrheit stecken. Dennoch ist dieses Argument unbefriedigend, weil die nachteiligen Folgen zu zaghafter Maßnahmen oftmals schon offenkundig werden, bevor Neuwahlen anstehen.
Die beste Antwort, die ich auf diese Frage gehört habe, stammt von Axel Weber, ehemaliger Präsident der Deutschen Bundesbank und scharfsinniger politischer Beobachter. Webers Ansicht zufolge verfügen politische Entscheidungsträger einfach nicht über das Mandat, Probleme im Vorfeld anzugehen, vor allem, wenn es sich um neuartige Probleme handelt, die anfangs klein erscheinen, aber potenziell hohe Kosten verursachen, wenn sie nicht gelöst werden.
Tritt das Problem zum ersten Mal auf, ist die Öffentlichkeit von den potenziellen Kosten der Untätigkeit nicht überzeugt. Wird das Problem durch Maßnahmen abgewendet, hat die Öffentlichkeit keine Ahnung von der verhinderten Misere und die Wähler strafen die Politiker deshalb für die unmittelbaren, durch diese Maßnahmen entstandenen Kosten ab. Selbst wenn Politiker die Katastrophe zur Gänze voraussehen könnten, die ohne Gegenmaßnahmen eintritt, haben sie wenig Möglichkeiten, ihre Wähler oder weniger einsichtsvolle Parteimitglieder von den kurzfristig zu bezahlenden Kosten zu überzeugen.
So bleibt es bei Lippenbekenntnissen und in Ermangelung gegenteiliger Beweise erscheint die Erhaltung des Status quo bequem genug. Die Möglichkeiten politischer Entscheidungsträger, korrigierende Maßnahmen zu ergreifen, werden erst mit der Zeit größer, wenn manche Kosten der Untätigkeit spürbar werden.
Die Misere kann noch immer abgewendet werden, wenn die Kosten der Untätigkeit kontinuierlich eskalieren. Die schlimmsten Probleme ergeben sich allerdings aus den „Untätigkeitskosten“, die lange Zeit unsichtbar bleiben, aber dann plötzlich und explosionsartig steigen. Zu dem Zeitpunkt, da der Politiker über das Mandat zu handeln verfügt, kann es zu spät sein.
Ein klassisches Beispiel waren Winston Churchills Warnungen vor den Ambitionen Adolf Hitlers. Hitler legte seine Pläne in Mein Kampf dar, wo sie jeder nachlesen konnte. Und auch in seinen Reden machte er kein Geheimnis aus seinen Absichten. Dennoch wollten dem nur wenige Briten Glauben schenken und viele dachten, der Kommunismus wäre vor allem in den düsteren Jahren der Großen Depression die größere Bedrohung.
Mit der Zerschlagung der Tschechoslowakei durch die Nazis im Jahr 1938 trat offen zu Tage, wie ernst es Hitler war. Aber erst nach der Invasion in Polen im darauf folgenden Jahr wurde Churchill zum Ersten Lord der Admiralität ernannt. Premierminister wurde er erst nach der Invasion in Frankreich im Jahr 1940, als Großbritannien allein dastand.
Großbritannien wäre es wohl besser ergangen, wenn Churchill früher an die Macht gekommen wäre, aber das hätte kostspielige Aufrüstung mit sich gebracht. Das war so lange inakzeptabel, als die Chance bestand, dass sich Hitler doch noch als Papiertiger erweist. Und natürlich hätte man das Schicksal Großbritannien in die Hände eines Politikers legen müssen, der heute zwar als unbeugsamer Regierungschef gilt, dem aber damals allgemein Misstrauen entgegen gebracht wurde.
Die nicht-linearen Kosten der Untätigkeit sind auf dem Finanzsektor am deutlichsten. Gleichzeitig jedoch könnten die Probleme auf dem Finanzsektor besonders schwierig zu lösen sein: Wenn Politiker nämlich die Notwendigkeit von Maßnahmen allzu stark betonen, um ein Mandat zu bekommen, könnten sie genau den Aufruhr herbeiführen, den sie eigentlich in Grenzen halten wollten.
Zwischen der Bear-Stearns-Krise und dem Zusammenbruch von Lehman Brothers konnte die Regierung der Vereinigten Staaten wenig tun, um die Probleme vorbeugend in Angriff zu nehmen (obwohl natürlich die beiden staatlich unterstützten Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac zwischenzeitlich unter Kuratel gestellt wurden). Es bedurfte der Panik nach der Lehman-Pleite, damit der Kongress das Bankenrettungsprogramm TARP absegnete, das unter anderem den Banken und der Autoindustrie eine finanzielle Rettungsleine bot. Und nur die fieberhaften Maßnahmen der Federal Reserve und des Finanzministeriums (denen sich Finanzbehörden weltweit anschlossen) verhinderten eine Kernschmelze des Systems. Ein Problem mit Subprime-Hypothekardarlehen, bei dem man ursprünglich von Verlusten im Ausmaß von ein paar hundert Milliarden Dollar ausging, verursachte auf der ganzen Welt viel höhere Kosten.
In ähnlicher Weise erhielten die Politiker der Eurozone erst zu dem Zeitpunkt ein Mandat für rigidere Maßnahmen, als die Kosten für die Untätigkeit auf den Märkten deutlich spürbar wurden. Abgesehen von Deutschlands verständlichem Versuch, die Höhe der ihm auferlegten Zahlungen zu beschränken, ist es schwierig zu erkennen, wie Politiker diesem Problem im Vorfeld hätten begegnen sollen.
Obwohl die EZB der Eurozone etwas Zeit erkauft hat, könnte die beruhigende Wirkung auf die Märkte ein zweischneidiges Schwert sein. Haben die Europäer eine ausreichend gute Vorstellung von dem Abgrund, um härteren Maßnahmen ihrer politischen Entscheidungsträger zuzustimmen? Wenn nicht, müssten sich die Märkte noch weiter verschlechtern, um eine umfassende Lösung der Krise in der Eurozone zu ermöglichen.
Angesichts der niedrigen Renditen staatlicher Anleihen in den USA hat auch die amerikanische Öffentlichkeit wenig Verständnis für die Vordringlichkeit der Haushaltsprobleme, obwohl manche Schwarzseher wie Peter Peterson von Blackstone Group ihr Bestes taten, um die Öffentlichkeit aufzurütteln. Man hofft, dass die bevorstehenden Präsidentenwahlen in den USA zu einer informierteren Debatte über Reformen in den Bereichen Steuern und Anspruchsberechtigungen führen. Andernfalls könnte ein rapider Anstieg der Anleiherenditen nötig sein, um der Öffentlichkeit vor Augen zu führen, dass es ein Problem gibt und um den Politikern klar zu machen, dass sie über Möglichkeiten zur Lösung dieses Problems verfügen.
Geben Sie nicht den Politikern die Schuld dafür, dass sie kurzsichtig und unentschlossen erscheinen: die Schuld könnte genauso gut bei uns, der Öffentlichkeit, liegen, weil wir den Pessimisten kein Gehör schenken.


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PROCYON MUKHERJEE
Raghuram is apt in his seminal analysis that the cost of inaction could be far more than the cost of the act itself; the last crisis proved this point (although differently) at great peril to the general public that the inaction in the entire period of asset growth led to a massive deleveraging later on while the net worth swooned by a whopping five Trillion U.S. dollars. In the aftermath to the crisis the real action however cannot be simply monetary in nature as the advanced economies must solve the fundamental problem of capital intensive exports that do not create jobs while the labor intensive imports work to exacerbate the challenge further.
Procyon Mukherjee