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Die Protokolle von Fox News

NEW YORK – Immer, wenn ich höre, dass sich amerikanische Republikaner „konservativ“ nennen, stehen sich mir die Haare zu Berge.

Ein Konservativer ist jemand, der in der Tradition des englischen Parlamentariers Edmund Burke aus dem 17. Jahrhundert glaubt, der etablierten Ordnung gebühre Respekt, sogar Ehrfurcht. Ein Liberaler dagegen ist jemand, der bereit ist, die etablierte Ordnung auf der Suche nach einer besseren Welt zu verändern.

Der Whig-Historiker des neunzehnten Jahrhunderts, Thomas Macaulay, beschrieb diesen Unterschied gut. In England, so schrieb er, „gibt es zwei große Parteien“, die sich voneinander „in einer Weise unterschieden, die immer existiert hat und immer existieren muss“.

Auf der einen Seite stünden die Liberalen, „optimistisch in der Hoffnung, verwegen in der Spekulation und immer nach vorne drängend … und dazu neigend, jede Veränderung als Verbesserung zu sehen“. Auf der anderen die Konservativen, „die an allem hängen, was althergebracht ist, und die, auch wenn sie durch übermächtige Argumente davon überzeugt werden können, dass eine Veränderung notwendig sei, in diese doch nur mit großen Bedenken und unter bösen Vorahnungen einwilligen“.

Gemessen an diesem Standard sind die Rechten in den Vereinigten Staaten – allen voran Fox News, die Tea Party, aber immer mehr auch die republikanische Partei selbst – schon lange keine Konservativen mehr. Es sind Radikale.

Es sind Radikale im ökologischen Sinn, die den wissenschaftlichen Konsens zum Thema Erderwärmung ignorieren und bereit sind, die Erde heiß laufen zu lassen. (Was könnte weniger konservativ sein?)

Es sind Radikale im rechtlichen Sinn, weil sie die Foltermethode „Water-Boarding“ sowie flächendeckendes geheimes Abhören gutheißen. Und auf der Grundlage einer weit hergeholten „originalistischen“ Interpretation der amerikanischen Verfassung würden sie der Bundesregierung jede Befugnis entziehen, auch nur irgendeine Form der Wirtschaftsregulierung oder sozialer Unterstützung vorzunehmen, einschließlich eines öffentlichen Gesundheitswesens.

Es sind sogar Nuklear- Radikale, denn viele versuchen, das neue START-Abkommen mit Russland zu behindern, das in Sachen Rüstungskontrolle unwesentlich über die Ziele hinausgeht, die alle republikanischen Präsidenten seit Richard Nixon verfolgt haben.

Aber nichts beschreibt den Radikalismus der neuen Rechten besser als der jüngste Angriff von Glen Beck, einem Moderator von Fox News, auf den Finanzier und Philanthropen George Soros. Soros hat ungarische und jüdische Wurzeln und Becks Angriff mit dem Titel „The Puppet-Master?“ recycelt fast wortgetreu die Tropen der virulentesten antisemitischen Ideologien der totalitären Bewegungen aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.

Beck, der abstreitet, antisemitisch zu sein, ist ein Verschwörungstheoretiker alter Schule, auch wenn der Inhalt seiner angeblichen Verschwörungen, offen gesagt, bizarr ist. Einiges davon ist klassische Kommunistenhetze á la McCarthy. Vom weißen Haus sagt er, dieser Präsident sei umringt von Kommunisten, Marxisten und Revolutionären.

Noch weitaus seltsamer ist sein Angriff ausgerechnet auf US-Präsident Woodrow Wilson. Wilson wird als Urheber des „Progessivismus“ bezeichnet, welcher – man höre und staune – auch als Ausgangspunkt für Nazismus und Bolschewismus identifiziert wird. Beck vergleicht Obamas Politik regelmäßig mit der Hitlers (vor kurzem sagte Roger Ailes, Gründer und Präsident von Fox News, über das Management des unaufgeregten, sachlichen National Public Radio: „Natürlich sind es alle Nazis“).

Wilson, Hitler und Obama werden in einer Kette von an den Haaren herbeigezogenen freien Assoziationen miteinander in Beziehung gebracht, die ganz typisch ist für Verschwörungstheorien im Allgemeinen und für die antisemitische Variante im Besonderen: Wilson war ein „Progressiver“, einige Progressive haben mit der Eugenik geliebäugelt (egal, dass dies auch einige Konservative machten), die Eugenik-Bewegung hat Hitler beeinflusst, Obama ist auch ein Progressiver. Ergo sind Hitler und Obama dasselbe.

All dies können wir mit den Worten kommentieren, die die politische Intellektuelle Hannah Arendt über die antisemitische Fälschung Die Protokolle der Weisen von Zion gesagt hat: „Sie stellt die offizielle Geschichte als eine Farce dar, um eine Sphäre der geheimen Einflüsse auszumachen, für die die sichtbare, nachweisbare und bekannte geschichtliche Realität nur als Außenfassade dient…“

Jetzt wurde in der Person von George Soros ein neues Epizentrum für die Wilson-Hitler-Obama-Achse identifiziert. Zu den Klängen von Horrorfilm-Musik und Bildern der Katastrophen der Geschichte spricht eine Stimme aus dem Off: „Vor 80 Jahren wurde George Soros geboren. Damals ahnte die Welt noch nicht, dass Wirtschaftssysteme kollabieren, Währungen wertlos werden, Wahlen gefälscht und Regime fallen würden -  und dass sich ein Milliardär zufällig immer im Zentrum dieser Geschehnisse befinden würde.“

Soros wird dann beschuldigt, eine Schattenregierung in den USA eingesetzt zu haben. Die Sendung behauptet weiter, diese habe „große Ähnlichkeit“ mit ähnlichen Organisationen, die „er in anderen Ländern eingerichtet hat, angeblich vor der „Durchführung eines Coups“. Damit beschuldigt Beck Soros fälschlicherweise, im Ausland Coups durchgeführt zu haben und gibt zu verstehen, dass Soros dasselbe auch in den USA vorhabe.

Beck spricht natürlich nicht darüber, aber tatsächlich hat Soros pro-demokratische Bewegungen in vielen Ländern über seine Open-Society-Stiftungen unterstützt. Viele davon, wie die Tschechische Republik, Ungarn und Polen, standen zu dem Zeitpunkt unter kommunistischer Herrschaft. Man sollte glauben, ein selbst ernannter Konservativer wie Beck würde Aktivitäten dieser Art befürworten.

Aber seit wann lassen sich Verschwörungstheoretiker durch Widersprüche aufhalten? Im Laufe der Geschichte haben sie bewiesen, dass sie sich von Widersprüchen genauso wenig beeindrucken lassen wie von Tatsachen. Schließlich haben die Nazis die Juden beschuldigt, die geheime Macht hinter Kapitalismus und Kommunismus zu sein – ein Widerspruch und eine Lüge, die in der Sendung „The Puppet Master?“ zu neuem Leben erweckt wird.

Ungefähr seit 1994, als Newt Gingrich die Machtübernahme des Hauses der Repräsentanten durch die Republikaner in die Wege leitete, nennen sich die Republikaner „Revolutionäre“ – kein Wort, das oft über die Lippen von Konservativen kommt. Ist die Zeit genommen, dass man sie ernst nimmt? Glenn Becks Angriff auf Soros - und der unverkennbare Gestank der abscheulichen Vorgeschichte – legen nahe, an was für eine Revolution sie denken.

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