Friday, July 25, 2014
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Das Problem der Prioritäten

KOPENHAGEN – Im letzten Jahrzehnt konnte man bedeutende Fortschritte im Kampf gegen die größten Herausforderungen der Menschheit verzeichnen. Man denke an den Sieg über die Kinderlähmung in Indien, der noch vor zehn Jahren unmöglich schien. Im Januar lag der letzte Fall einer Neuerkrankung ein Jahr zurück. Oder man denke an die Erfolge im Kampf gegen Malaria: im letzten Jahrzehnt ging die Zahl der Erkrankungen um 17 Prozent zurück und die Zahl der Todesopfer sank um 26 Prozent.

Trotz weltweiten Bevölkerungswachstums und Wirtschaftskrise sinkt die absolute Armut – der Anteil der Menschen, die von weniger als 1,25 Dollar am Tag leben müssen – in allen Regionen der Welt. Tatsächlich wurde das Millenniums-Entwicklungsziel der Vereinten Nationen, die extreme Armut zu halbieren, fünf Jahre früher als geplant erreicht.

Noch vor wenigen Jahren war die Beschneidung beim Mann als Hilfsmittel im Kampf gegen HIV/AIDS weitgehend unbekannt. Heute wird sie von UNAIDS und der Weltgesundheitsorganisation als probates Mittel zur Bekämpfung von HIV/AIDS empfohlen und in über zehn afrikanischen Staaten werden gerade Maßnahmen umgesetzt, um die Verfügbarkeit dieser Methode zu erhöhen. & In ähnlicher Weise hat sich auch der Einsatz von Geo-Engineering als Reaktion auf den Klimawandel von reiner Science-Fiction zu einem seriösen Forschungsbereich entwickelt. &

Außerdem war im letzten Jahrzehnt ein Anstieg von 60 Prozent im Bereich weltweiter Entwicklungshilfe zu verzeichnen. Bill Gates’ Spendenaufrufe sind nicht mehr nur bloße Konzepte, sondern Kampagnen, aufgrund derer mindestens 125 Milliarden Dollar für den guten Zweck in Aussicht gestellt wurden.

Obwohl es also im letzten Jahrzehnt durchaus Anlass zur Freude gab, bestehen nach wie vor Bereiche, in denen man keine derartigen Erfolge vermelden kann. Der Klimawandel hat sich zu einem der meistdiskutierten Probleme entwickelt, doch die globalen Verhandlungen sind gescheitert und einer Reduktion der Kohlenstoffemissionen sind wir heute kaum näher als vor zehn Jahren.

Auch gewalttätige Konflikte fordern weiterhin einen viel zu hohen Tribut. Und während man das Millenniums-Entwicklungsziel der Bereitstellung von sauberem Trinkwasser fünf Jahre früher als geplant erreichte, ist man hinsichtlich der Abwasser- und Sanitärversorgung im Rückstand: einem ganzen Drittel der Weltbevölkerung, also 2,5 Milliarden Menschen, fehlt es an Zugang zu grundlegender Sanitärversorgung und über eine Milliarde Menschen verrichten ihre Notdurft im Freien.

Auch andere Probleme sind im letzten Jahrzehnt entstanden und größer geworden. Wenn aktuelle Entwicklungen weiter anhalten, werden bis zum Jahr 2030 etwa 10 Millionen Todesfälle auf Tabakkonsum zurückzuführen sein, die meisten davon in Ländern niedriger und mittlerer Einkommen. In diesem Jahrhundert könnte die Zahl der mit Tabak in Zusammenhang stehenden Todesfälle auf eine Milliarde ansteigen. Im 20. Jahrhundert lag dieser Wert bei 100 Millionen. In Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen verlieren jährlich 13 Millionen Menschen ihr Leben aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die somit über ein Viertel aller Todesfälle ausmachen. Und die Risikofaktoren steigen weiter.

Die Art der Herausforderungen für die Menschheit ändert sich rasch. Ebenso rasch ändert sich aber auch unser Wissen, wie man darauf am besten reagiert. Politische Entscheidungsträger und Philanthropen brauchen Zugang zu regelmäßig aktualisierten Informationen darüber, wie man begrenzte Mittel wirksam einsetzt.

Das unter meiner Leitung stehende Kopenhagener Konsens-Projekt, bietet diese Verbindung zwischen wissenschaftlicher Forschung und konkreter wirtschaftlicher Analyse, die von Entscheidungsträgern in der realen Welt genutzt werden kann. Alle vier Jahre kommen Wissenschaftler und Nobelpreisträger zusammen, um die klügsten Reaktionen auf die größten Probleme der Menschheit zu ermitteln.

Im Jahr 2004 unterstrich der Kopenhagener Konsens die Notwendigkeit einer Priorisierung der Maßnahmen zur Behandlung und Kontrolle von HIV/AIDS. Bald darauf wurde der Vorbeugung und Behandlung von HIV mehr Geld zur Verfügung gestellt. Im Jahr 2008 lenkte der Kopenhagener Konsens das Augenmerk der politischen Entscheidungsträger und Philanthropen auf Investitionen zur Bereitstellung von Mikronährstoffen.& Die öffentliche Akzeptanz dieser Idee führte zu verstärkten Bemühungen, den „versteckten Hunger“ zu lindern – das heißt Menschen mit Nährstoffen zu versorgen, die sie brauchen, aber nicht bekommen.

Diesen Mai werden wieder über 30 Nobelpreisträger und Wissenschaftler zusammenkommen, um auf Grundlage neuester Erkenntnisse hinsichtlich der gravierendsten Herausforderungen dieser Welt, die intelligentesten Möglichkeiten zu ermitteln, diesen Problemen entgegenzutreten.

Aufgrund der globalen Wirtschaftskrise ist seit 2008 der kluge Einsatz finanzieller Mittel in Bereichen, wo man damit am meisten bewirken kann, noch vordringlicher. Das Kopenhagener Konsens-Projekt beschäftigt sich mit der schwierigen Aufgabe, Initiativen auf Basis grundlegender ökonomischer Instrumente und Prinzipien zu vergleichen.

Zunächst verfassen Teams von weltweit renommierten Ökonomen wissenschaftliche Beiträge über Kosten und Nutzen einer Reihe von Investitionen, die sich spezifischen Herausforderungen widmen. Debatten und Diskussionen werden gefördert, indem man sicherstellt, dass zu jedem Thema drei Beiträge verfasst werden, so dass eine Reihe von Bewertungen zur Verfügung steht.

Daraus entsteht ein Rahmenwerk, aus dem der Gesamtpreis einer Initiative ersichtlich ist und in den auch sämtliche Kosten und Nutzen sowie Nebennutzen für die Gesellschaft einbezogen sind, die durch den Einsatz einer begrenzten Summe auf bestimmte Weise entstehen.& &

Diese Forschungsarbeiten leisten einen wertvollen Beitrag zu internationalen Strategien im Bereich Entwicklungshilfe. Allerdings geht das Projekt noch einen Schritt weiter. Ein Gremium bestehend aus Spitzenökonomen – einschließlich vier Nobelpreisträger – bewertet und diskutiert die Vorschläge der Experten und ermittelt daraus die attraktivsten Möglichkeiten. Neben wissenschaftlichen Beiträgen bietet die von den Nobelpreisträgern nach Priorität geordnete Liste auch wichtige Informationen für politische Entscheidungsträger und Philanthropen. &

Obwohl man im letzten Jahrzehnt einigen Fortschritt verzeichnen konnte und durchaus Anlass zur Hoffnung hatte, gibt es nach wie vor viele Probleme, derer man sich annehmen muss: Unterernährung, Sanitärversorgung, Bildung, zivile Konflikte, Klimawandel und Naturkatastrophen, um nur einige der vordringlichsten zu nennen.

Aber sind die bekanntesten Probleme zwangsläufig diejenigen, derer man sich als erstes annehmen sollte? Die Forschung und die Prioritätenliste lassen uns über die Gründe für unsere aktuellen Prioritäten nachdenken und fordern uns auf, begrenzte Ressourcen so wirksam wie möglich einzusetzen. Und welchen Problemen sollten wir uns nun zuerst zuwenden? Im Mai werden wir es herausfinden. &

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  1. CommentedZsolt Hermann

    Such collaborations, cooperations in between professionals studying our living system can give us hope in tackling our global problems, especially now, when we evolved into this integral, closed network where we all depend on each other.
    As the article describes Humanity has this schizophrenic nature, we are capable of the most incredible things, while we can cause the worst destruction imaginable at the same time.
    So far in our history unfortunately we exploited in a negative way most of our breakthroughs, inventions, and while our development raised us to previously unthinkable heights, we are also very close to destruct the whole system we exist in.
    The problem is that despite all of our achievements, scientific discoveries we still lack the system of coordinates that could point to a common nominator, a mutual purpose we could unite around, harmonizing all our activities, balancing our human system.
    In the absence of such a common point we carry on satisfying our own self-centered needs and desires as we ourselves see fit, and since all of us perceive the world, the values, moral codes, "truth and false" subjectively we stumble again and again, and cannot understand each other.
    Thus the hope is from this and similar scientific, or even public discussions, from further analyzing our living system and our own role in it, that we become successful identifying a mutual ground, a mutual purpose for all of us, and if we can direct all our planning and activities through that mutual, common prism we can start solving all our problems, and start building a sustainable future for all of us.

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