55

Der Preis der Ungleichheit

NEW YORK: Amerika betrachtet sich selbst gern als Land der unbegrenzten Möglichkeiten, und andere sehen es in einem ganz ähnlichen Licht. Doch obwohl wir uns alle an Beispiele erinnern können, in denen es Amerikaner allein ganz nach oben schafften – was wirklich zählt, ist die Statistik: In welchem Umfang sind die Lebenschancen eines Menschen vom Einkommen und der Bildung seiner Eltern abhängig?

Heutzutage zeigen diese Zahlen, dass der amerikanische Traum ein Mythos ist. Es herrscht in den USA heute weniger Chancengleichheit als in Europa – oder sogar, was das angeht, in jedem einzelnen hoch entwickelten Industrieland, für das entsprechende Zahlen vorliegen.

Dies ist einer der Gründe, warum Amerika das höchste Maß an Ungleichheit unter allen hoch entwickelten Ländern aufweist – und die Kluft zu den Übrigen wird immer größer. Während der „Erholung“ der Jahre 2009-2010 entfielen auf das eine Prozent der US-Amerikaner mit dem höchsten Einkommen 93% der Einkommenszuwächse. Andere Indikatoren für Ungleichheit – wie Vermögen, Gesundheit und Lebenserwartung – sind genauso schlecht oder sogar noch schlechter. Es gibt einen klaren Trend zur Konzentration von Einkommen und Vermögen an der Spitze der Gesellschaft bei gleichzeitiger Aushöhlung der Mitte und zunehmender Armut unten.

Es wäre nun eine Sache, wenn die hohen Einkommen derer an der Spitze das Ergebnis größerer Leistungen für die Gesellschaft wären, doch die Große Rezession zeigt das Gegenteil: Selbst Banker, die die Weltwirtschaft – und auch ihre eigenen Firmen – an den Rande des Ruins geführt hatten, erhielten überdurchschnittliche Boni.

Sieht man sich „die da oben“ genauer an, zeigt sich die überproportionale Rolle des Rent Seekings: Manche haben ihr Vermögen durch Ausnutzung einer Monopolstellung gemacht; andere sind CEOs, die Mängel bei der Corporate Governance ausnutzen, um sich selbst einen überhöhten Anteil an den Unternehmenserträgen zu sichern; und wieder andere haben ihre politischen Beziehungen ausgenutzt, um von der Freigiebigkeit des Staates zu profitieren – entweder durch überzogene Preise für vom Staat angekaufte Güter (Medikamente) oder durch überzogen niedrige Preise für das, was der Staat verkauft (Rechte an Bodenschätzen).

In ähnlicher Weise beruht ein Teil des Vermögens jener im Finanzwesen auf Ausbeutung der Armen durch unlautere Kredite und missbräuchliche Kreditkartenpraktiken. Die ganz oben bereichern sich in diesen Fällen unmittelbar auf Kosten derer ganz unten.

Es wäre alles vielleicht nicht so schlimm, wenn an der so genannten „Trickle-down-Theorie“ – der hübschen Vorstellung, dass, wenn man die ganz oben reicher macht, alle profitieren – zumindest ein Quäntchen Wahrheit wäre. Doch den meisten Amerikanern geht es heute schlechter als 1997, also vor anderthalb Jahrzehnten; ihre (inflationsbereinigten) Realeinkommen sind niedriger. Alle Früchte des Wirtschaftswachstums gehen an die Reichen.

Die Verteidiger der Ungleichheit in Amerika argumentieren, dass sich die Armen und die Mittelschicht nicht beschweren sollten. Zwar sei es möglich, dass ihr Anteil am Kuchen kleiner sei als in der Vergangenheit, doch wüchse der Kuchen dank der Beiträge der Reichen und Superreichen derart, dass ihr Kuchenstück absolut gesehen tatsächlich größer sei. Auch dies wird durch die Tatsachen klar widerlegt. Tatsächlich ist Amerika in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, als es gemeinsam wuchs, schneller gewachsen als seit 1980, als seine einzelnen Teile begannen, sich auseinanderzuentwickeln.

Dies sollte niemanden überraschen, der mit den Ursachen der Ungleichheit vertraut ist. Rent Seeking führt zu Verzerrungen innerhalb der Volkswirtschaft. Natürlich spielen die Marktkräfte ebenfalls eine Rolle, aber Märkte werden durch die Politik gestaltet; und in Amerika mit seinem quasikorrupten System der Wahlkampffinanzierung und seinen fliegenden Wechseln zwischen Regierung und Industrie wird die Politik durch das Geld bestimmt.

So bereichert etwa ein Konkursgesetz, das Derivate gegenüber allem anderen privilegiert, aber die Löschung eines Studentenkredits nicht zulässt, egal, wie unzureichend die erhaltene Bildung auch sein mag, die Banker und stürzt viele am unteren Ende der Gesellschaft in Armut. In einem Land, wo das Geld über die Demokratie triumphiert, sind derartige Gesetze inzwischen vorhersehbar häufig.

Doch die wachsende Ungleichheit ist kein Naturgesetz. Es gibt Marktwirtschaften, in denen die Entwicklung besser verläuft, und zwar sowohl was das BIP-Wachstum als auch was den steigenden Lebensstandard der meisten Bürger angeht. In manchen nimmt die Ungleichheit sogar ab.

Amerika zahlt einen hohen Preis dafür, dass es sich weiter in die gegenteilige Richtung entwickelt. Ungleichheit führt zu weniger Wachstum und Effizienz. Der Mangel an Chancen hat zur Folge, dass sein wertvollster Vermögenswert – seine Menschen – nicht optimal genutzt wird. Viele am unteren Ende der Gesellschaft oder sogar in der Mittelschicht schöpfen ihr Potenzial nicht aus, weil die Reichen, die kaum öffentlicher Dienstleistungen bedürfen und Angst haben, dass eine starke Regierung eine Einkommensumverteilung betreiben könnte, ihren politischen Einfluss nutzen, um die Steuern zu senken und die Staatsausgaben zurückzufahren. Die Folge sind zu geringe Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Technologie, was die Wachstumsmotoren hemmt.

Die Große Rezession hat die Ungleichheit verschärft; grundlegende Sozialausgaben wurden zurückgeschnitten, und die hohe Arbeitslosigkeit setzt die Löhne unter Druck. Zudem haben sowohl die Expertenkommission zur Reform des internationalen Währungs- und Finanzsystems der Vereinten Nationen, die die Ursachen der Großen Rezession untersucht hat, als auch der International Währungsfonds gewarnt, dass Ungleichheit zu wirtschaftlicher Instabilität führt.

Vor allem aber untergräbt die Ungleichheit in Amerika die Werte und Identität des Landes. Angesichts des extremen Ausmaßes, das sie inzwischen erreicht hat, überrascht es nicht, dass ihre Auswirkungen in jeder öffentlichen Entscheidung zum Ausdruck kommen – von der Gestaltung der Geldpolitik bis hin zur Zuweisung von Haushaltsmitteln. Amerika hat sich zu einem Land entwickelt, in dem nicht „Gerechtigkeit für alle“ herrscht, sondern eine Begünstigung der Reichen und Gerechtigkeit für die, die sie sich leisten können – was ganz deutlich wurde während der Zwangsvollstreckungskrise, in der die Großbanken glaubten, dass sie nicht nur zu groß wären, als dass man sie würde untergehen lassen, sondern auch zu groß, um sie zur Rechenschaft zu ziehen.

Amerika kann sich nicht länger als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten betrachten, das es einst war. Aber das muss nicht so bleiben: Es ist noch nicht zu spät, den amerikanischen Traum zu erneuern.

Aus dem Englischen von Jan Doolan