Saturday, August 2, 2014
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Der Preis des 11. September

NEW YORK: Die Terroranschläge vom 11. September 2011 durch Al Qaeda sollten den Vereinigten Staaten schaden, und sie taten es, aber auf eine Weise, die sich Osama bin Laden vermutlich nie hätte vorstellen können. Präsident George W. Bushs Reaktion auf die Anschläge kompromittierte Amerikas Grundprinzipien, untergrub seine Wirtschaft und schwächte seine Sicherheit.

Der Angriff auf Afghanistan, der auf die Anschläge vom 11. September folgte, war verständlich, doch der anschließende Einmarsch im Irak hatte mit der Al Qaeda absolut nichts zu tun – so sehr sich Bush auch bemühte, eine Verbindung herzustellen. Dieser aus eigener Entscheidung begonnene Krieg wurde sehr teuer – um ein Vielfaches teurer als die 60 Milliarden Dollar, von denen zunächst die Rede war –; zu enormer Inkompetenz gesellten sich dabei noch unredliche falsche Angaben.

Tatsächlich belief sich, als Linda Bilmes und ich Amerikas Kriegskosten vor drei Jahren berechneten, unsere konservative Einschätzung auf 3-5 Billionen Dollar. Inzwischen sind die Kosten weiter gestiegen. Da fast 50% der zurückkehrenden Truppen Anspruch auf irgendwelche Erwerbsunfähigkeitszahlungen haben werden und inzwischen mehr als 600.000 in medizinischen Einrichtungen für Veteranen behandelt werden, gehen wir nun davon aus, dass sich die künftigen Erwerbsunfähigkeitsrenten und Kosten für die Krankenbetreuung auf insgesamt 600-900 Milliarden Dollar belaufen werden. Die sozialen Kosten freilich, die sich in Selbsttötungen von Veteranen (über 18 pro Tag in den letzten Jahren) und zerrütteten Familien widerspiegeln, sind unkalkulierbar.

Selbst wenn man Bush verzeihen könnte, dass er Amerika und einen Großteil der übrigen Welt unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in einen Krieg verwickelt und dessen Kosten falsch dargestellt hat, gibt es keine Entschuldigung dafür, wie er ihn finanziert hat. Sein Krieg war der erste in der Geschichte, der allein auf Kredit bezahlt wurde. Amerika zog in den Krieg; zugleich schoss das Defizit bedingt durch Bushs Steuersenkungen des Jahres 2001 steil in die Höhe – doch Bush entschied sich, eine weitere Runde „Steuererleichterungen“ für die Reichen durchzuziehen.

Heute stehen in Amerika Arbeitslosigkeit und Defizit im Mittelpunkt. Beide diese Bedrohungen der Zukunft Amerikas lassen sich in erheblichem Umfang auf die Kriege in Afghanistan und im Irak zurückführen. Die erhöhten Verteidigungsausgaben sind, zusammen mit Bushs Steuersenkungen, ein Hauptgrund für die heutige desolate Defizit- und Amerikas – nach einem Haushaltsüberschuss von 2% vom BIP zum Zeitpunkt seiner Wahl. Die unmittelbaren Regierungsausgaben für diese Kriege belaufen sich bisher auf rund zwei Billionen Dollar – 17.000 für jeden einzelnen US-Haushalt –, und durch die noch ausstehenden Rechnungen dürfte sich dieser Betrag noch um mehr als 50% erhöhen.

Zudem verstärkten die Kriege, wie Bilmes und ich in unserem Buch Die wahren Kosten des Krieges: Wirtschaftliche und politische Folgen des Irak-Konflikts argumentieren, die gesamtwirtschaftlichen Schwächen Amerikas, was Defizite und Schuldenlast erhöhte. Die Unruhen im Nahen Osten führten damals, wie heute auch, zu höheren Ölpreisen, die die Amerikaner zwangen, Geld für Ölimporte auszugeben, das sie andernfalls für den Kauf in den USA produzierter Waren hätten verwenden können.

Dann freilich verbarg die US Federal Reserve diese Schwächen, indem sie eine Immobilienblase herbeiführte, die zu einem Konsumboom führte. Es wird Jahre dauern, die massiven Schulden und den Überhang an Immobilien abzubauen, die daraus resultierten.

Ironischerweise haben die Kriege die Sicherheit Amerikas (und der Welt) untergraben, und zwar erneut auf eine Weise, die sich bin Laden nicht hätte vorstellen können. Ein unpopulärer Krieg hätte die Rekrutierung von militärischem Personal ungeachtet der Umstände erschwert. Doch da Bush versuchte, Amerika über die Kriegskosten zu täuschen, stattete er die Truppe mit zu wenig Geld aus und verweigerte ihr selbst grundlegende Ausgaben: etwa für zum Schutz von amerikanischen Leben benötigte gepanzerte und minenschutzverstärkte Fahrzeugen oder für eine angemessene gesundheitliche Versorgung der heimkehrenden Veteranen. Ein US-Gericht urteilte kürzlich, dass die Rechte der Veteranen verletzt wurden. (Bemerkenswerterweise spricht sich die Obama-Administration dafür aus, das Recht der Veteranen, ihre Ansprüche gerichtlich geltend zu machen, zu beschneiden!)

Die militärische Überdehnung hat erwartungsgemäß zu Nervosität über den Einsatz militärischer Macht geführt, und dass sich andere dieser Tatsache bewusst sind, droht Amerikas Sicherheit ebenfalls zu schwächen. Doch Amerikas wahre Stärke liegt mehr als in seiner Militär- und Wirtschaftsmacht in seiner „Soft Power“. Und auch diese wurde geschwächt: Durch die Verstöße der USA gegen grundlegende Menschenrechte wie Habeas Corpus und das Recht, nicht gefoltert zu werden, wurde ihr lange bestehendes Bekenntnis zum Völkerrecht in Frage gestellt.

In Afghanistan und im Irak war den USA und ihren Verbündeten bewusst, dass man für einen langfristigen Sieg die Herzen und Köpfe der Menschen für sich gewinnen musste. Doch Fehler in den Anfangsjahren dieser Kriege erschwerten diese ohnehin schon schwierige Aufgabe. Die Kollateralschäden waren enorm: Schätzungen zufolge starben mehr als eine Million Iraker an den direkten oder indirekten Auswirkungen des Krieges. Und laut einigen Studien starben in Afghanistan und im Irak in den letzten zehn Jahren mindestens 137.000 Zivilisten; unter den Irakern allein gibt es 1.8 Millionen Flüchtlinge und 1.7 Millionen Vertriebene.

Nicht alle Kriegsfolgen waren katastrophal. Die Defizite, zu denen Amerikas schuldenfinanzierte Kriege so enorm beitrugen, zwingen die USA nun, der Realität von Budgetbeschränkungen ins Auge zu sehen. Amerikas Militärausgaben sind zwei Jahrzehnte nach Ende des Kalten Krieges noch immer fast ebenso hoch wie die der übrigen Welt insgesamt. Einige Ausgabesteigerungen erfolgten für die kostspieligen Kriege im Irak und in Afghanistan und den breiter angelegten globalen „Krieg gegen den Terrorismus“, aber viel wurde für Waffen verschwendet, die nicht funktionieren und auf nicht existierende Feinde zielen. Diese Ressourcen dürften nun endlich umgeschichtet werden, und die USA werden bei geringeren Ausgaben vermutlich mehr Sicherheit bekommen.

Al Qaeda scheint, auch wenn sie nicht überwunden ist, nicht länger als die Bedrohung, die sich im Gefolge der Anschläge vom 11. September so gefährlich abzeichnete. Doch der Preis, um – in den USA und anderswo – an diesen Punkt zu gelangen, war enorm und größtenteils vermeidbar. Die Folgen werden uns noch lange erhalten bleiben. Es lohnt, nachzudenken, bevor man handelt.

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  1. CommentedDavid Donovan

    CommentsView/Create comment on this paragraphBut then the US Federal Reserve hid these weaknesses by engineering a housing bubble that led to a consumption boom. It will take years to overcome the excessive indebtedness and real-estate overhang that resulted.

  2. CommentedPeter Buchi

    @Mark Pitts: Why do you lump socialist governments in with totalitarian communists? Isn't that a bit disingenuous? I would hardly call Sweden a murderous country, nor most of the rest of western Europe, yet these countries are mostly socialistic in their governing, in practice, if not always in theory. It's not helpful to the debate to have people on the Right continually misusing terms like "liberal" and "socialism".

  3. Commentedjohnny mac

    The article references a "war of choice." I'd agree. It was an American war of choice. The majority of the Democrats in the House voted "Yes" for the war, as did the majority of the Democrats in the Senate. When the bill for $100 billion to fund the war came up for vote, 37 of 49 Democrats in the Senate voted "Yes". Nancy Pelosi and Hillary Clinton were among the most outspoken supporters. Years later it's laid at Bush's feet by plotting souls such as yourself, and accepted as gospel by the willingly naive. Fortunately, facts are much easier to access today than they once were, making liberal hogwash easier to dispel. We collectively share responsibility for Iraq. A country, it should be noted, that is now free from the oppression of a sadistic dictator, and that has a representative government and a growing economy. Perspective, Mr. Stiglitz. Crank up the prescription on those coke-bottle lenses and get ya some.

  4. CommentedAly Kamadia

    Excellent article!! It's a nice reminder about the catastrophic mistakes that the Bush administration made in their foreign policy, something that many Republicans have forgotten about, not to mention many public commentators and the American electorate in general. - Kamadia.ca

  5. CommentedWilliam Wallace

    "... together with the Bush tax cuts, is a key reason why America went from a fiscal surplus of 2% of GDP when Bush was elected to its parlous deficit and debt position today."

    This is the glaring truth that the GOP manages to obfuscate, and gives the lie to the ability of the current Republican Party to be fiscally responsible. Indeed, if one accesses the GAO figures for 1980-present, the so-called Reagan Revolution of no-tax-and-spend-even-more is what has massively eroded government finances. That Obama has done so well in spite of inheriting this horrid mess is a testament to the value of reason and clear thinking over extreme partisan politicking.

      CommentedMark Pitts

      Also, keep in mind that Clinton left office just before the internet bubble burst so Bush, like Obama, inherited a burst bubble and rapidly falling asset prices. Then, there was 9/11 ...

      CommentedMark Pitts

      Obama actively worked to extend the Bush tax cuts. Without his efforts, the Bush tax cuts would have expired automatically.

      The Iraqi war cost are a relatively small part of the equation.

  6. CommentedThomas Haynie

    I’m mostly a fan of Stiglitz’s work but I just started reading the “Cost of Inequality”. I’ve not finished the preface yet but something comes to mind as Stiglitz discusses the shift to embracing a value set that is devoid of a moral compass. Somewhat recent work in psychology found that the concentration of sociopaths, those who lack empathy and simply don’t feel others pain as the rest of us do, increases the higher up the corporate ladder the samples were taken. This is discussed on a “Through the Wormhole” episode on the Science channel. Allegedly at least some of this behavior is genetic. This begs the question of whether or not top execs have dumped their moral values or are simply people following their own self interest and naturally finding their way to massive wealth and power. Though, perhaps the behavior can be learned as the rewards are witnessed.

      Commentedjames durante

      To Mark Pitts: do we still get to make John Bircher logical fallacies? "It's either capitalism or the commies, boys."

      I doubt a genetic predisposition to sociopathology. Most elites run in elite circles all their lives or adapted as they climb the ladder. There are no shortage of classic capitalist texts that proclaim the necessity of dismissing all personal considerations and letting the market and strategic decisions aimed at market dominance to guide ALL thinking. The is the ideological underpinning of the amorality rampant in today's economics and economic policy-making. There is a tax deductible, charitable contribution available to any rich person or corporation who still has some concern for others.

      Anyway, as economics is a subset of politics there are all manner of overarching policy directions that might restore a sense of fair play and public good to what has become a swamp of greed.

      CommentedMark Pitts

      And history shows that "caring" socialist / communist governments are the most murderous of all (Soviet Union, China, Cambodia - murdering many more than the Nazis).

      So, what should we conclude?

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