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Der Preis des 11. September

NEW YORK: Die Terroranschläge vom 11. September 2011 durch Al Qaeda sollten den Vereinigten Staaten schaden, und sie taten es, aber auf eine Weise, die sich Osama bin Laden vermutlich nie hätte vorstellen können. Präsident George W. Bushs Reaktion auf die Anschläge kompromittierte Amerikas Grundprinzipien, untergrub seine Wirtschaft und schwächte seine Sicherheit.

Der Angriff auf Afghanistan, der auf die Anschläge vom 11. September folgte, war verständlich, doch der anschließende Einmarsch im Irak hatte mit der Al Qaeda absolut nichts zu tun – so sehr sich Bush auch bemühte, eine Verbindung herzustellen. Dieser aus eigener Entscheidung begonnene Krieg wurde sehr teuer – um ein Vielfaches teurer als die 60 Milliarden Dollar, von denen zunächst die Rede war –; zu enormer Inkompetenz gesellten sich dabei noch unredliche falsche Angaben.

Tatsächlich belief sich, als Linda Bilmes und ich Amerikas Kriegskosten vor drei Jahren berechneten, unsere konservative Einschätzung auf 3-5 Billionen Dollar. Inzwischen sind die Kosten weiter gestiegen. Da fast 50% der zurückkehrenden Truppen Anspruch auf irgendwelche Erwerbsunfähigkeitszahlungen haben werden und inzwischen mehr als 600.000 in medizinischen Einrichtungen für Veteranen behandelt werden, gehen wir nun davon aus, dass sich die künftigen Erwerbsunfähigkeitsrenten und Kosten für die Krankenbetreuung auf insgesamt 600-900 Milliarden Dollar belaufen werden. Die sozialen Kosten freilich, die sich in Selbsttötungen von Veteranen (über 18 pro Tag in den letzten Jahren) und zerrütteten Familien widerspiegeln, sind unkalkulierbar.

Selbst wenn man Bush verzeihen könnte, dass er Amerika und einen Großteil der übrigen Welt unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in einen Krieg verwickelt und dessen Kosten falsch dargestellt hat, gibt es keine Entschuldigung dafür, wie er ihn finanziert hat. Sein Krieg war der erste in der Geschichte, der allein auf Kredit bezahlt wurde. Amerika zog in den Krieg; zugleich schoss das Defizit bedingt durch Bushs Steuersenkungen des Jahres 2001 steil in die Höhe – doch Bush entschied sich, eine weitere Runde „Steuererleichterungen“ für die Reichen durchzuziehen.

Heute stehen in Amerika Arbeitslosigkeit und Defizit im Mittelpunkt. Beide diese Bedrohungen der Zukunft Amerikas lassen sich in erheblichem Umfang auf die Kriege in Afghanistan und im Irak zurückführen. Die erhöhten Verteidigungsausgaben sind, zusammen mit Bushs Steuersenkungen, ein Hauptgrund für die heutige desolate Defizit- und Amerikas – nach einem Haushaltsüberschuss von 2% vom BIP zum Zeitpunkt seiner Wahl. Die unmittelbaren Regierungsausgaben für diese Kriege belaufen sich bisher auf rund zwei Billionen Dollar – 17.000 für jeden einzelnen US-Haushalt –, und durch die noch ausstehenden Rechnungen dürfte sich dieser Betrag noch um mehr als 50% erhöhen.

Zudem verstärkten die Kriege, wie Bilmes und ich in unserem Buch Die wahren Kosten des Krieges: Wirtschaftliche und politische Folgen des Irak-Konflikts argumentieren, die gesamtwirtschaftlichen Schwächen Amerikas, was Defizite und Schuldenlast erhöhte. Die Unruhen im Nahen Osten führten damals, wie heute auch, zu höheren Ölpreisen, die die Amerikaner zwangen, Geld für Ölimporte auszugeben, das sie andernfalls für den Kauf in den USA produzierter Waren hätten verwenden können.

Dann freilich verbarg die US Federal Reserve diese Schwächen, indem sie eine Immobilienblase herbeiführte, die zu einem Konsumboom führte. Es wird Jahre dauern, die massiven Schulden und den Überhang an Immobilien abzubauen, die daraus resultierten.

Ironischerweise haben die Kriege die Sicherheit Amerikas (und der Welt) untergraben, und zwar erneut auf eine Weise, die sich bin Laden nicht hätte vorstellen können. Ein unpopulärer Krieg hätte die Rekrutierung von militärischem Personal ungeachtet der Umstände erschwert. Doch da Bush versuchte, Amerika über die Kriegskosten zu täuschen, stattete er die Truppe mit zu wenig Geld aus und verweigerte ihr selbst grundlegende Ausgaben: etwa für zum Schutz von amerikanischen Leben benötigte gepanzerte und minenschutzverstärkte Fahrzeugen oder für eine angemessene gesundheitliche Versorgung der heimkehrenden Veteranen. Ein US-Gericht urteilte kürzlich, dass die Rechte der Veteranen verletzt wurden. (Bemerkenswerterweise spricht sich die Obama-Administration dafür aus, das Recht der Veteranen, ihre Ansprüche gerichtlich geltend zu machen, zu beschneiden!)

Die militärische Überdehnung hat erwartungsgemäß zu Nervosität über den Einsatz militärischer Macht geführt, und dass sich andere dieser Tatsache bewusst sind, droht Amerikas Sicherheit ebenfalls zu schwächen. Doch Amerikas wahre Stärke liegt mehr als in seiner Militär- und Wirtschaftsmacht in seiner „Soft Power“. Und auch diese wurde geschwächt: Durch die Verstöße der USA gegen grundlegende Menschenrechte wie Habeas Corpus und das Recht, nicht gefoltert zu werden, wurde ihr lange bestehendes Bekenntnis zum Völkerrecht in Frage gestellt.

In Afghanistan und im Irak war den USA und ihren Verbündeten bewusst, dass man für einen langfristigen Sieg die Herzen und Köpfe der Menschen für sich gewinnen musste. Doch Fehler in den Anfangsjahren dieser Kriege erschwerten diese ohnehin schon schwierige Aufgabe. Die Kollateralschäden waren enorm: Schätzungen zufolge starben mehr als eine Million Iraker an den direkten oder indirekten Auswirkungen des Krieges. Und laut einigen Studien starben in Afghanistan und im Irak in den letzten zehn Jahren mindestens 137.000 Zivilisten; unter den Irakern allein gibt es 1.8 Millionen Flüchtlinge und 1.7 Millionen Vertriebene.

Nicht alle Kriegsfolgen waren katastrophal. Die Defizite, zu denen Amerikas schuldenfinanzierte Kriege so enorm beitrugen, zwingen die USA nun, der Realität von Budgetbeschränkungen ins Auge zu sehen. Amerikas Militärausgaben sind zwei Jahrzehnte nach Ende des Kalten Krieges noch immer fast ebenso hoch wie die der übrigen Welt insgesamt. Einige Ausgabesteigerungen erfolgten für die kostspieligen Kriege im Irak und in Afghanistan und den breiter angelegten globalen „Krieg gegen den Terrorismus“, aber viel wurde für Waffen verschwendet, die nicht funktionieren und auf nicht existierende Feinde zielen. Diese Ressourcen dürften nun endlich umgeschichtet werden, und die USA werden bei geringeren Ausgaben vermutlich mehr Sicherheit bekommen.

Al Qaeda scheint, auch wenn sie nicht überwunden ist, nicht länger als die Bedrohung, die sich im Gefolge der Anschläge vom 11. September so gefährlich abzeichnete. Doch der Preis, um – in den USA und anderswo – an diesen Punkt zu gelangen, war enorm und größtenteils vermeidbar. Die Folgen werden uns noch lange erhalten bleiben. Es lohnt, nachzudenken, bevor man handelt.