Exit from comment view mode. Click to hide this space
Email | Print

Der perfekte Sturm einer globalen Rezession

NEW YORK: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Weltwirtschaft – und nicht nur die Vereinigten Staaten – eine ernste Rezession erleben wird, wächst. Jüngste Entwicklungen legen nahe, dass sich alle G7-Volkswirtschaften bereits in der Rezession befinden oder kurz davor stehen. Andere hoch entwickelte Volkswirtschaften bzw. Schwellenländer (die übrige Eurozone, Neuseeland, Island, Estland, Lettland sowie einige südosteuropäische Volkswirtschaften) nähern sich ebenfalls einer rezessionsbedingten harten Landung. Wenn es dazu kommt, wird es in den BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) und auch in anderen Schwellenmärkten eine abrupte Konjunkturverlangsamung geben.

Diese sich abzeichnende globale Rezession wird durch mehrere Faktoren gespeist: das Platzen von Spekulationsblasen auf den Häusermärkten in den USA, Großbritannien, Spanien, Irland und anderen Mitgliedsstaaten der Eurozone; punktierte Kreditblasen in Ländern, in denen zu lange eine Politik billigen Geldes/billiger Kredite verfolgt wurde; die starke Kredit- und Liquiditätsverknappung im Anschluss an die Krise auf dem US-Hypothekenmarkt; die negativen Auswirkungen fallender Aktienmärkte (die weltweit bereits Verluste von mehr als 20% hinnehmen mussten) auf Vermögen und Kapitalanlagen; die sich aus den Handelsbeziehungen ergebenden globalen Effekte der Rezession in den USA (auf die noch immer etwa 30% des globalen BIP entfallen); die Dollarschwäche, die die Wettbewerbsfähigkeit der Handelspartner Amerikas verringert; und die stagflatorischen Effekte hoher Öl- und Rohstoffpreise, die die Notenbanken zwingen, zur Bekämpfung der Inflation in einer Zeit schwerwiegender Risiken für Wachstum und Finanzstabilität die Zinsen zu erhöhen.

Offizielle Daten legen nahe, dass sich die US-Wirtschaft seit dem ersten Quartal diesen Jahres in der Rezession befindet. Aufgrund der vorübergehenden Auswirkungen von Steuerermäßigungen in Höhe von 100 Milliarden Dollar erholte sich die Konjunktur im zweiten Quartal. Diese Effekte jedoch werden gegen Ende des Sommers verklingen – mit der Folge eines W-förmigen Rezessionsverlaufs.

Ähnliche Entwicklungen gibt es in Großbritannien, Spanien und Irland, wo nachgebende Blasen auf dem Häusermarkt sowie eine exzessive Verschuldung der Verbraucher die Umsätze im Einzelhandel untergraben und damit eine Rezession herbeiführen. Selbst in Italien, Frankreich, Griechenland, Portugal, Island und den Baltischen Staaten geben die überhitzten Häusermärkte inzwischen nach. Kein Wunder also, dass überall in der Eurozone Produktion und Umsätze sinken und das Vertrauen der Verbraucher und Unternehmen nachlässt.

Auch in Japan schrumpft die Volkswirtschaft. Dort war bisher aus zwei Gründen – dem starken Export und dem schwachen Yen – ein moderates Wachstum zu verzeichnen. Jetzt sinken die Exporte in die USA, während der Yen aufgewertet hat. Darüber hinaus drücken die hohen Ölpreise – Japan importiert seinen gesamten Ölbedarf – sowie die sinkende Rentabilität und Zuversicht der Unternehmen das Land in die Rezession.

Die letzte der G7-Volkswirtschaften, Kanada, müsste eigentlich von den hohen Energie- und Rohstoffpreisen profitieren, doch auch ihr BIP ist aufgrund der schrumpfenden US-Wirtschaft im ersten Quartal gefallen. Die Auslandsnachfrage trägt mit einem Viertel zum kanadischen BIP bei, und drei Viertel der kanadischen Exporte gehen in die USA.

Somit steuern nun alle G7-Staaten auf die Rezession zu. Für andere, kleinere Volkswirtschaften (vor allem die EU-Neumitglieder, die alle hohe Leistungsbilanzdefizite aufweisen) besteht die Gefahr einer plötzlichen Umkehr der Kapitalzuflüsse; in Lettland und Estland, aber auch in Island und Neuseeland ist diese möglicherweise bereits eingetreten.

Die Rezession in den G7-Staaten wird zu einer abrupten Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in den Schwellenmärkten führen und mit hoher Wahrscheinlichkeit die Weltwirtschaft insgesamt in die Rezession stürzen. Vom Export in die USA und nach Europa abhängige Volkswirtschaften mit hohen Leistungsbilanzüberschüssen (China, der größte Teil Asiens sowie die meisten anderen Schwellenmärkte) werden von der Rezession in den G7-Staaten in Mitleidenschaft gezogen werden. Jene mit hohen Leistungsbilanzdefiziten (Indien, Südafrika und mehr als 20 Volkswirtschaften in Osteuropa, von den Baltischen Staaten bis hin zur Türkei) werden unter der globalen Kreditverknappung leiden. Die Rohstoffexporteure (Russland, Brasilien und andere Länder des Nahen Osten, Asiens und Lateinamerikas) werden leiden, da die Rezession in den G7-Staaten und die globale Konjunkturabschwächung die Energie- und sonstigen Rohstoffpreise um bis zu 30% nach unten drücken dürften. Länder, die eine Aufwertung ihrer Währungen gegenüber dem Dollar zugelassen haben, werden eine deutliche Verlangsamung ihres Exportwachstums erleben. Jene mit steigenden, nunmehr zweistelligen Inflationsraten werden die Zinsen erhöhen müssen, während in anderen Ländern mit hoher Inflation die Konkurrenzfähigkeit des Exportsektors sinken wird.

Zwar werden fallende Öl- und Rohstoffpreise – schon jetzt sind die Preise gegenüber ihren Höchstständen um 15% gesunken – den stagflatorischen Druck auf die Weltwirtschaft etwas mindern, doch verfestigt sich aufgrund eines Teufelskreises steigender Preise, Löhne und Kosten die Inflation zunehmend. Dies beschränkt die Fähigkeit der Notenbanken, auf die Gefahr eines nachlassenden Wirtschaftswachstums zu reagieren. Allerdings wird die Inflation in den hoch entwickelten Volkswirtschaften für die Notenbanken bis Jahresende als Problem an Gewicht verlieren, da die Schwäche der Produktmärkte die Preissetzungsmacht der Unternehmen verringert und die zunehmende Arbeitslosigkeit den Anstieg der Löhne bremst.

Natürlich machen sich alle G7-Notenbanken Sorgen über den vorübergehenden Anstieg der Gesamtinflation, und alle drohen mit Zinserhöhungen. Trotzdem wird die Gefahr einer schweren Rezession – und einer ernsten Banken- und Finanzkrise – die Notenbanken aller G7-Staaten letztlich zu Zinssenkungen zwingen. Das Problem ist, dass diese Lockerung der Geldpolitik vor allem außerhalb der USA erst erfolgen wird, wenn sich die Rezession in den G7-Staaten und weltweit verfestigt hat. Die Anpassung der Notenbankpolitik wird also nicht ausreichend stark ausfallen, und sie wird zu spät kommen, um die Rezession zu verhindern.

Reprinting material from this Web site without written consent from Project Syndicate is a violation of international copyright law. To secure permission, please contact us.

Exit from comment view mode. Click to hide this space

Comments (0)

You need to login in order to leave a comment. If you do not yet have an account, please register.

Show comments of
close

The two commenting options explained

Watch a 1 minute video
to discover how you can comment on the entire article or a specific paragraph. The two images below also explain the two ways of commenting.

1) Entire article comment
Once logged in, simply click inside the comment box where it says "Enter text here." Enter and post your comment.

2) Paragraph comment
Please log in first. Then click to the left of the desired paragraph. Your cursor will automatically move to the comments box. Enter and post your comment.

Top Project Syndicate commentaries

Email this article

Your name is required.

Your email is required.


Your friend's name is required.

Your friend's email is required.


A message is required.