PALO ALTO – Im letzten Juni hat die Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen als Reaktion auf einen Ausbruch des H1N1-Virus (bzw. der Schweinegrippe) die höchste Pandemiewarnstufe ausgerufen, Phase 6, was bedeutet, dass eine Pandemie begonnen hat – es war das erste Mal in 41 Jahren, dass die Organisation diesen erklärten Schritt unternommen hat. Doch scheint der Ausbruch weniger zu dem bösartigen Wildschwein geworden zu sein, das die WHO-Bürokraten vorausgesagt hatten, sondern eher zu einem geschmorten Schweinefilet mit Äpfeln und Salbei.
Im Grunde hat die WHO wiederholt Sherlock Holmes’ Warnung missachtet: „Es ist ein Kardinalfehler, Theorien aufzustellen, bevor man alle Fakten kennt.“ Zudem war der Pandemiealarm gleich doppelt merkwürdig, zumal die normale saisonale Grippe jedes Jahr über die Welt hinwegfegt, stets weitaus tödlicher ist als das zurzeit zirkulierende H1N1 mit geringer Virulenz und gewiss die WHO-Definition einer Pandemie erfüllt: Infektionen in einem großen geografischen Gebiet, von denen ein großer Anteil der Bevölkerung betroffen ist.
Ironischerweise kann das Auftreten der H1N1-Grippe in den letzten neun Monaten unterm Strich als ein Vorteil für die Gesundheit der Bevölkerung gesehen werden, da sie die wesentlich ansteckenderen und tödlicheren saisonalen Grippestämme unterdrückt oder zumindest verdrängt hat. In der zweiten Januarwoche wurden 3,7 % der Amerikaner positiv auf die saisonale Grippe getestet, im Vergleich zu 11,5 % in der gleichen Woche 2009. Die offizielle Zahl der Todesopfer von H1N1 beträgt weltweit unter 14 000, während der saisonalen Grippe in den Vereinigten Staaten durchschnittlich 36 000 Menschen zum Opfer fallen und Hunderttausende in anderen Ländern.
Die meisten Grippe- und Gesundheitsexperten sind der Meinung, die WHO sei übermäßig schwarzseherisch gewesen. Die Entscheidung im April 2009, die Pandemiebedrohung der Grippe auf die zweithöchste Stufe zu setzen, Phase 5 („drohende Pandemie“), ist den gesammelten Daten bereits weit vorausgeeilt, und so zeigte die Ausrufung der Stufe 6 im Juni, dass das Modell der Organisation grundsätzlich fehlerhaft ist. Ein Warnsystem, dass allein auf der Ausbreitung eines Virus beruht, jedoch nicht die Art und Schwere der von ihm verursachten Krankheit in Betracht zieht, würde nicht nur die saisonale Grippe als „Pandemie“ klassifizieren, sondern auch die häufigen, jedoch weitgehend unbedeutenden Ausbrüche von z. B. Viruserkältungen und Magen-Darm-Katarrhen. (Die WHO hat nie erklärt, warum diese offensichtlichen Beispiele nicht ihren Kriterien entsprechen.)
Fehlalarme machen die Warnstufe des „Pandemiefalls“ fast bedeutungslos und verringern ihre Zweckmäßigkeit. Und das hat wiederum gewaltige Folgen: Jack Fisher, Professor für Chirurgie an der School of Medicine der University of California in San Diego bemerkte: „Wenn sie nur lang genug Alarm schlägt, kann die WHO sich darauf gefasst machen, dass im nächsten Herbst weniger Menschen den Grippeimpfempfehlungen folgen als üblich.“ Schlimmer noch: Man stelle sich vor, was passieren würde, wenn wir es mit einem wirklich gefährlichen neuen Krankheitserreger zu tun haben, beispielsweise mit einem Stamm der H5N1-Vogelgrippe (die in ihrer jetzigen Form eine über 100-mal höhere Sterblichkeitsrate aufweist als H1N1), der leicht zwischen Menschen übertragen werden kann.
Die Fehlalarme der UNO hatten zudem weitere unmittelbare Negativfolgen. Laut Matthew Hingerty, dem geschäftsführenden Direktor des australischen Tourism Export Council, hat das Land aufgrund der Ausrufung der Pandemie durch die WHO Tausende von Touristen verloren. Die ägyptischen Gesundheitsbehörden haben überreagiert und die Schlachtung aller Schweine im Land angeordnet. Zusätzlich zu den direkten wirtschaftlichen Verlusten, stieg die Anzahl der Nagetiere auf ein beängstigendes Niveau, weil die Schweine nicht mehr da waren, um einen Großteil des in Kairo anfallenden Mülls aufzufressen.
Die Öffentlichkeit und einsetzende Panik, die die Ausrufung der Phasen 5 und 6 durch die WHO begleiteten – vor allem da es (bis Dezember) keine allgemein verfügbare Impfung gab –, hat zudem Betrüger auf den Plan gerufen, die mit allen möglichen unwirksamen und womöglich gefährlichen Schutzausrüstungen und Geheimmitteln hausieren gingen: Handschuhen, Masken, Nahrungsmittelergänzungen, Shampoos, einem Nasensäuberungsgerät und einem Spray, das die Hände angeblich mit einer Schicht aus antimikrobiellem „ionischem Silber“ überzieht.
Aus all diesen Gründen sollte die Ausrufung einer Pandemie keine Prognose sein, sondern eher eine Art aktuelle Momentaufnahme.
Die Leistung der WHO wurde allgemein kritisiert: So erklärte die Parlamentarische Versammlung des Europarates beispielsweise am 12. Januar, sie plane, in diesem Monat über das Thema „Falsche Pandemien, eine Gefahr für die Gesundheit“ zu diskutieren. Trotzdem verteidigen WHO-Beamte weiterhin ihr Handeln. In einer Konferenzschaltung mit Journalisten am 14. Januar argumentierte Keiji Fukuda, der Sonderberater des WHO-Generaldirektors für pandemische Grippe, die Organisation habe die Gefahren nicht übertrieben, sondern „sich auf das Schlimmste vorbereitet und auf das Beste gehofft.“
Die zweifelhaften Entscheidungen der WHO zeigen, dass ihre Beamten entweder zu unbeweglich sind oder inkompetent (oder beides), um die notwendigen Korrekturen am Pandemiewarnsystem vorzunehmen – was wir mittlerweile nicht anders erwarten von einer Organisation, die wissenschaftlich überfordert, überheblich und nicht rechenschaftspflichtig ist. Sie mag in der Lage sein, eine weltweite Überwachungsfunktion auszuüben und darüber zu berichten, also die Anzahl der Fälle und Todesopfer zu zählen, doch sollte ihre politische Rolle drastisch verringert werden.


Comments (0)
You need to login in order to leave a comment. If you do not yet have an account, please register.
The two commenting options explained
Watch a 1 minute video
to discover how you can comment on the entire article or a specific paragraph. The two images below also explain the two ways of commenting.
1) Entire article comment
Once logged in, simply click inside the comment box where it says "Enter text here." Enter and post your comment.
2) Paragraph comment
Please log in first. Then click to the left of the desired paragraph. Your cursor will automatically move to the comments box. Enter and post your comment.