Menschen lieben es, Gefahren abstrakter Natur zu verdrängen. Erst, wenn man sich die Finger verbrannt hat, beginnt man zu reagieren. Im Umgang mit nuklearen Risiken kann man sich ein solch eher an Kinder erinnerndes Verhalten allerdings kaum erlauben.
Betrachtet man sich unter diesem Gesichtspunkt die Nuklearrisiken und die gegenwärtige internationale Lage, so besteht Anlass zu großer Sorge.
Denn erstens enthält das alte System der nuklearen Abschreckung, wie es vor allem in den USA und Russland seit dem Ende des Kalten Krieges überdauert hat, nach wie vor zahlreiche Risiken und Gefahren. Die internationale Öffentlichkeit ignoriert zwar diese Tatsache weitestgehend, aber die Risiken sind dennoch existent.
Zwar wurden in den neunziger Jahren die vorhandenen Arsenale der beiden großen Nuklearmächte von ca. 65 000 Atomwaffen auf etwa 26 000 reduziert. Aber selbst diese Zahl ist schlichtweg unfassbar und jenseits jeder Rationalität. Hinzu kommen noch weitere ca. 1 000 Atomwaffen in den Händen der weiteren Nuklearwaffenstaaten.
Zweitens aber ist die Welt gegenwärtig dabei, ein neues nukleares Zeitalter zu betreten, das noch gefährlicher und teurer zu werden verspricht als die nukleare Abschreckung in den Zeiten des Kalten Krieges.
Die Konturen dieses neuen nuklearen Zeitalters sind bereits heute abzusehen:
die Verbindung von Terrorismus und Nuklearwaffen; ein atomar gerüstetes Nordkorea; die Gefahr eines atomaren Rüstungswettlaufs im Nahen Osten, ausgelöst durch das iranische Atomprogramm; damit einhergehend eine Neudefinition von staatlicher Souveränität als „nuklearer Souveränität,“ die mit einer massiven Ausweitung von kleinen und mittleren Nuklearwaffenstatten einhergehen wird; ein möglicher Kollaps staatlicher Ordnung in der Nuklearmacht Pakistan; die illegale Weiterverbreitung von militärischer Atomtechnologie; die legale Weiterverbreitung von ziviler Nukleartechnologie und damit eine Ausdehnung der „zivilen“ Atomstaaten mit allen weitergehen Proliferationsrisiken; die Nuklearisierung des Weltraums und ein neuer Rüstungswettlauf zwischen den großen Atommächten.
Die Verantwortlichen in der internationalen Politik, an erster Stelle die beiden großen Nuklearmächte USA und Russland, wissen um die vorhandenen und neu hinzu kommenden Risiken nur zu gut. Um diese Risiken zu kontrollieren, einzudämmen oder sie gar zu eleminieren wurde allerdings nicht nur nichts unternommen, sondern ganz im Gegenteil wurde die Lage sogar noch verschlimmert.
Entscheidende Säulen des alten Rüstungskontroll- und Antiproliferationsregimes wurden entweder zerstört, wie der ABM Vertrag, oder existentiell geschwächt, wie der Atomwaffensperrvertrag (NPT). Die Regierung Bush trägt hierbei die größte Verantwortung, denn sie hat mit der Kündigung des ABM Vertrages nicht nur eine Schwächung des internationalen Kontrollsystems aktiv betrieben, sondern auch dem drohenden Zusammenbruch des Nichtweiterverbreitungsvertrages fast tatenlos zugesehen.
Die Weiterverbreitung von militärischer Atomtechnologie ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts gewiss eine der größten Bedrohungen für die Menschheit, vor allem, wenn diese in terroristische Hände fällt. Denn ein Nuklearwaffeneinsatz durch Terroristen würde nicht nur eine große humanitäre Tragödie nach sich ziehen, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die Welt über die Schwelle der Führbarkeit eines Atomkrieges treiben. Die Folgen wären ein Albtraum.
An zweiter Stelle in der Bedrohungsskala steht die nukleare Neudefinition von staatlicher Souveränität, denn diese würde nicht nur zu einer Vielzahl kleinerer, politisch höchst instabiler Nuklearmächte führen, sondern damit auch das Weiterverbreitungsrisiko in terroristische Hände erheblich vergrößern. Pakistan wäre dann vermutlich kein Einzelfall mehr.
Um diesen und alle anderen bekannten Gefahren des neuen nuklearen Zeitalters wirksam und rechtzeitig entgegentreten zu können, bedürfte es jetzt dringend einer internationalen Initiative zur Erneuerung und Verbesserung des internationalen Kontrollregimes, angeführt von den beiden großen Atommächten.
Das Signal zur Abrüstung und zur wirksamen Kontrolle muss von ganz oben, von den USA und Russland, kommen, wenn es praktisch wirksam werden soll. Und an erster Stelle muss hier die Bereitschaft der Nuklearmächte stehen, ihre im Atomwaffensperrvertrag eingegangene Verpflichtung zur Abrüstung ihrer Atomwaffenarsenale auch tatsächlich umzusetzen.
Der NPT-Vertrag – einer der großen friedenssichernden internationalen Verträge über mehr als drei Jahrzehnte hinweg – beruht auf einem politischen Übereinkommen zwischen den wenigen Nuklearwaffenbesitzern und den vielen Staaten ohne Atomwaffen: die Habenichtse verzichten auf Nuklearwaffen, während die Besitzer im Gegenzug ihre Arsenale vollständig abbauen. Leider wurde von dieser Übereinkunft nur der erste Teil erfüllt (und auch dieser nicht vollständig), während der zweite Teil noch immer seiner Erfüllung harrt.
Der NPT-Vertrag ist gleichermaßen unverzichtbar wie dringend überholungsbedürftig. Dieser zentrale Pfeiler der internationalen Nichtverbreitungskontrolle steht allerdings kurz vor seinem Kollaps. Die letzte Überprüfungskonferenz im Mai 2005 in New York endete faktisch ergebnislos.
Eines der zentralen Defizite des Vertrages wird gerade gegenwärtig, im Nuklearstreit des Sicherheitsrates mit dem Iran, sichtbar: Der Vertrag erlaubt es nämlich, dass alle nuklearen Komponenten, die für eine militärische Nutzung unverzichtbar sind – vorneweg die Urananreicherung - , unter den Regeln des Vertrages entwickelt werden dürfen, solange es nicht zu einem direkten Waffenprogramm kommt. Damit bedarf es dann in den atomaren Schwellenstatten aber lediglich noch einer einzigen politischen Entscheidung hin zu einem militärischen Atomwaffenprogramm. Eine solche „Sicherheit“ reicht nicht aus.
Zugleich hat mit dem iranischen Atomkonflikt ein altes Thema erneut an politischer Brisanz gewonnen, nämlich der diskriminierungsfreie Zugang zu Nukleartechnologie. Zu dessen Lösung wird es der Internationalisierung des Zugangs zu ziviler Nukleartechnologie bedürfen, verbunden mit der Schließung der oben erwähnten Sicherheitslücke unter dem existierenden NPT-Vertrag und wesentlich tiefer reichender Kontrollen für alle Staaten, die sich an einem solchen System beteiligen wollen.
Die Verantwortlichen in den Regierungen rund um den Globus wissen um die Gefahren des neuen nuklearen Zeitalters und kennen auch die notwendigen Antworten. Es mangelt aber am politischen Willen entscheidend zu handeln, weil die Öffentlichkeit in nuklearer Abrüstung und Rüstungskontrolle keine politische Priorität sieht.
Genau diese Tatsache muss sich ändern. Denn nukleare Abrüstung und atomare Nichtverbreitung sind keine Themen von gestern, sondern müssen heute angegangen werden, wenn sie morgen nicht zu hochgefährlichen Bedrohungen führen sollen.


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