Saturday, November 22, 2014
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Ein neuer Ansatz für die Wirtschaft

Die Große Depression rückte John Maynard Keynes' Theorien in den Mittelpunkt des ökonomischen Denkens. Die wichtigste ,,keynesianische" Erkenntnis war, dass private Investitionen an sich instabil sind - aufgrund verschiedener Launen und Modeerscheinungen unter den Investoren, aufgrund wechselnder ,,Urinstinkte" der Geschäftsleute oder aufgrund fallender Preise, die das Finanzsystem durcheinander bringen.

Die Keynesianer glaubten, dass eine umsichtige Geldpolitik - mit Zentralbanken, die Zinssätze erhöhen und senken, um Schwankungen bei Privatinvestitionen zu verringern - ihren Teil zur Stabilisierung der Wirtschaft beitragen kann. Sie waren aber auch der Ansicht, dass der Staat über eine expansive Haushaltspolitik zu direkten Eingriffen bereit sein muss, um die Gesamtausgaben in einer Volkswirtschaft stabil zu erhalten. Durch eine derartige Politik, so glaubte man, würde das Gespenst der Massenarbeitslosigkeit wie in Zeiten der Großen Depression für immer gebannt. Außerdem wäre damit annähernde Vollbeschäftigung garantiert.

Keynes' Anhänger sahen voraus, dass annähernde Vollbeschäftigung die Inflation anheizen würde. Warum sollten Arbeiter und Gewerkschaften ihre Lohnforderungen auch mäßigen, wenn der Staat die öffentlichen Ausgaben bei drohender hoher Arbeitslosigkeit erhöht. Ein beschränkender Aspekt bei hohen Lohnforderungen - nämlich die Angst bei hoher Arbeitslosigkeit entlassen zu werden - war damit verschwunden. Wodurch würde er aber ersetzt werden?

Für die erste Nachkriegsgeneration nach 1945 war es die korporatistische Sozialdemokratie. Die Gewerkschaften beugten sich den Wünschen der Regierung zur Mäßigung von Lohnforderungen und umgekehrt beugten sich Regierungen den Gewerkschaftsforderungen nach öffentlichen Ausgaben und Sozialversicherung.

Das keynesianische Gedankenmodell garantierte, dass so etwas wie eine Große Depression niemals wiederkehren würde. Die Lösung des Problems der schleichenden Inflation war in dieser Theorie aber mangelhaft gelöst und brach in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vollends zusammen. Nach dem Ausbruch der Inflation in den wichtigsten Industrieländern zu dieser Zeit, verlagerte sich der ökonomische Mainstream hin zu einem ,,semi-monetaristischen" Modell.

Milton Friedman erlebte nie einen solchen Triumph wie Keynes. Aber Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts stimmten politische Entscheidungsträger auf der ganzen Welt folgenden Thesen zu:

Zentralbanken müssen ein glaubwürdiges Engagement für langfristige Preisstabilität an den Tag legen;

Zentralbanken haben zu akzeptieren, dass die durchschnittliche Arbeitslosenrate nicht von zyklischen, sondern von ,,strukturellen" Faktoren abhängt, die sie nicht beeinflussen können;

Die Ankündigung und versuchte Aufrechterhaltung eines Wachstumszieles für das Geldangebot ist für Zentralbanken der einfachste Weg ihre grundsätzlichen Absichten zu kommunizieren, glaubwürdig zu sein und Außenstehenden eine sichere Methode zu bieten, die ihnen eine Beurteilung der Zentralbankpolitik erlaubt.

Der Monetarismus war das Spiegelbild des Keynesianismus. Auch er garantierte scheinbar, dass so etwas wie die Inflation der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts nicht wiederkehrt. Aber Lösungen für das Problem der strukturellen Arbeitslosigkeit, die in Westeuropa gerade entstand, wurden nicht geboten. Die letzten fünfzehn Jahre haben gezeigt, dass der Monetarismus ebenso schlecht geeignet ist, auf die Herausforderungen fallender Preise im Zusammenhang mit großteils fremdfinanzierten Firmen und Banken zu reagieren, wie der Keynesianismus auf die Herausforderungen der Inflation.

In den siebziger Jahren und Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurden schlechte Entscheidungen von vielen (auch von mir) für die mangelnde Fähigkeit sozialdemokratischer Systeme zur Inflationskontrolle verantwortlich gemacht. Politiker verstanden nicht, dass eine Ausweitung der Sozialversicherung der zwangsläufige Preis für zurückhaltende Lohnforderungen war und Gewerkschafter verstanden nicht, dass sich die politische Macht zur Rechten verschieben würde, wenn die korporatistische Sozialdemokratie nichts gegen die Inflation unternahm und die hohe Arbeitslosigkeit die Inflation beschränken würde.

Heute werden andere schlechte Entscheidungen für die alarmierende Wirtschaftslage in den wichtigsten Industrieländern - mehr als ein Jahrzehnt Stagnation in Japan, Deflation in Japan und Deutschland, Rezession in Deutschland - verantwortlich gemacht. Japanische und europäische Zentralbankiers haben die Zinssätze nicht schnell und nicht tief genug gesenkt, die Bankenaufsichtsbehörden scheuten vor Spekulationskrediten zurück und Politiker waren nicht zu einer expansiveren Haushaltspolitik bereit.

Man darf aber von Politikern und Zentralbankchefs nicht immer nur gute Entscheidungen erwarten: Gute Strategien müssen so gestaltet sein, dass sie auch funktionieren, wenn politische Entscheidungsträger kurzsichtig handeln und schlecht beraten werden. Die Inflation in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war ein Versagen der keynesianischen politischen Ökonomie. Die Deflation, die heute Japan, Europa und möglicherweise auch die USA bedroht, ist ein Fehlschlag der semi-monetaristischen Denkweise, die die Makroökonomie in den Industrieländern seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts dominierte.

So bewegen wir uns im Kreis. Eigentlich nicht wirklich im Kreis, denn keine Regierung würde einen Liquiditätskollaps wie in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts oder Banken- und Firmenzusammenbrüche, die das gesamte Finanzsystem gefährden, zulassen. Wir bewegen uns in einer Aufwärtsspirale. Die makroökonomischen Probleme sind tatsächlich vorhanden, aber sie werden nicht in eine weitere Große Depression führen - vor allem deshalb nicht, weil Politiker sich erinnern, dass es einmal eine Große Depression gab .

Was wir brauchen, wäre eine weitere politisch-ökonomische Revolution wie die keynesianische oder semi-monetaristische. Eine Revolution, die die Leistungen ihrer Vorgänger nicht (gänzlich) außer Acht lässt, ihre Schwachpunkte aber eliminiert.

Wo könnte eine solche Revolution herkommen? Vielleicht kommt sie aus der Richtung des Gouverneurs der amerikanischen Notenbank Ben Bernanke, der sich während seiner gesamten Laufbahn mit Assetpreisen, der Rolle der Negativauslese am Kreditmarkt und mit der Notwendigkeit beschäftigte, dass Zentralbanken in schwierigen Situationen mehr aufbieten sollten als kurzfristige Offenmarktgeschäfte. Er ist der Ansicht, dass Banken beispielsweise eine Untergrenze bei wichtigen langfristigen Anleihen einführen sollten. Irgendjemand für Bernankeismus?

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