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Die neue internationale Wirtschaftsunordnung

NEWPORT BEACH – Vor unseren Augen nimmt eine neue Wirtschaftsordnung Gestalt an und dazu gehört die beschleunigte Annäherung zwischen den alten Mächten des Westens und den neuen bedeutenden Akteuren unter den Schwellenländern. Allerdings hat die Dynamik dieser Annäherung wenig mit dem zu tun, was Generation von Ökonomen vor Augen hatten, als sie auf die Unzulänglichkeit der alten Ordnung hinwiesen. Und die Folgen dieser Dynamik könnten ebenso beunruhigend sein.

Jahrzehntelang lamentierten viele über das Ausmaß der Dominanz des Westens im globalen Wirtschaftssystem. Von der Führung multilateraler Organisationen bis hin zur Konzeption von Finanzdienstleistungen wurde die globale Infrastruktur als Begünstigung westlicher Interessen betrachtet. Obwohl von Reformen viel die Rede war, wandten sich westliche Länder wiederholt gegen ernsthafte diesbezügliche Bemühungen, die zu einer durchaus sinnvollen Aushöhlung ihrer Ansprüche geführt hätten.

Bei den wenigen Gelegenheiten, da dieser Widerstand offenbar gebrochen werden konnte, bestand das Resultat aus schrittweisen und zaghaften Veränderungen. Folglich verloren viele Schwellenökonomien, vor allem in Zeiten großer Not, das Vertrauen in die „Gemeinschaftsversicherung“, die ihnen das globale System angeblich zur Verfügung gestellt hatte.

Beschleunigt wurde dieser Sinneswandel durch die Finanzkrisen in Asien, Osteuropa und Lateinamerika in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren sowie durch die in diesen Regionen vielfach als unzulänglich und schlecht konzipiert wahrgenommenen Reaktionen des Westens. Aufgrund des erschütterten Vertrauens in bilaterale Hilfe und multilaterale Institutionen wie den Internationalen Währungsfonds, verlegten sich die Schwellenökonomien – unter Führung der asiatischen Schwellenländer – auf eine nachhaltige Entwicklung in Richtung größerer finanzieller Unabhängigkeit.

Nach Überwindung der schmerzhaften Phase des Krisenmanagements, häuften zahlreiche dieser Länder vorher undenkbare Währungsreserven als Sicherheitspolster an. Durch die Schaffung und Erhaltung großer Leistungsbilanzüberschüsse tilgten sie Milliarden an Auslandsschulden. Und sie vergrößerten Umfang und Ausmaß der Finanzintermediation in ihren jeweiligen Ländern, um die Anfälligkeit gegenüber externen Stürmen zu verringern.

Diese Entwicklungen standen in krassem Widerspruch zu den Vorgängen im Westen. Dort setzten sich ein beispielloses Maß an Fremdkapitaleinsatz, massive Schuldenanhäufung und ein offenbar unstillbares Kredit-Anspruchsdenken durch. Finanzexzesse blieben nicht die Ausnahme, sondern wurden zur Regel. Begünstigt wurde dies durch Finanzinnovationen und die Aushöhlung von Kreditvergabenormen und vernünftiger Regulierungen.

Auf einmal stand die Welt Kopf: die „reichen“ Länder bauten riesige Defizite auf und wurden in manchen Fällen vom Nettogläubiger zum Nettoschuldner, während „arme“ Länder riesige Überschüsse und enorme Bestände and Auslandsaktiva, einschließlich finanzieller Forderungen gegenüber westlichen Ökonomien, anhäuften.  

Die Länder wussten wenig darüber, dass ihre unterschiedlichen Entwicklungen riesige globale Ungleichgewichte schüren und letztlich eine Finanzkrise auslösen würden, die die vorherrschende internationale Wirtschaftsordnung in ihren Grundfesten erschütterte.

Eine vollständige Wiederherstellung dieser Ordnung wird es auch nicht geben. Statt zu einer starken Erholung kommt es im Westen zu regelmäßigen Flirts des trägen Wachstums mit der Rezession, und das zu einer Zeit hoher Arbeitslosigkeit und der vor allem in Europa stetig wachsendem Sorge hinsichtlich der Staatschulden. In einer erstaunlichen Umkehrung der Verhältnisse müssen nun beinahe alle westlichen Länder um die gute Einstufung ihrer Kreditwürdigkeit zittern, während einige Schwellenökonomien auf der Rating-Leiter immer weiter nach oben klettern. So können wir uns nun ein Bild von den westlichen Delegationen machen, wie sie in die Schwellenländer pilgern, um dort unterwürfig - sowohl direkt als auch indirekt über den IWF - um finanzielle Unterstützung anzusuchen.

Auf den ersten Blick scheint diese ungewöhnliche Annäherung zwischen dem Westen und den Schwellenländern ein Spiegelbild dessen zu sein, was die Befürworter einer neuen internationalen Wirtschaftsordnung im Sinn hatten. Aber der Schein kann trügen und in diesem Fall trügt er in signifikanter Weise.

Diese Befürworter rechneten nämlich mit einem geordnetem Ablauf der Dinge, im Zuge dessen die wirtschaftliche Annäherung das globale Wirtschaftswachstum begleiten und ermöglichen würde. Sie hatten einen gemeinschaftlichen, durch vernünftige Politik geleiteten Prozess im Auge. Gekommen ist es aber völlig anders und die Entwicklung nimmt einen unberechenbaren Verlauf.

Statt überlegt zu führen, hinken die westlichen Politiker der Realität beständig hinterher, wobei ihre Antworten auf die Herausforderungen von einer peinlichen Mischung aus Verleugnung, Fehldiagnose und Gezänk untergraben werden. Anstatt in geordneter Manier voranzuschreiten, wird der globale Wandel von den ungeordneten Kräften der Entschuldung angetrieben, die ihren Ursprung in einem tief in der Finanzkrise steckendem Europa und einem Amerika haben, dem es offensichtlich nicht gelingt, nachhaltiges BIP-Wachstum und Arbeitsplatzschaffung wiederherzustellen. 

Multilaterale Institutionen, allen voran der IWF, haben auf diese Entwicklung reagiert, indem sie unfassbare Geldmengen nach Europa pumpen. Aber statt für eine Umkehr der ungeordneten Entschuldung zu sorgen und neue private Investitionen zu ermöglichen, haben diese offiziellen Mittel lediglich die Verbindlichkeiten vom privaten in den öffentlichen Sektor verschoben. Außerdem stellen zahlreiche Schwellenländer fest, dass die an die Milliarden Dollar für Europa geknüpften Bedingungen im Vergleich zu jenen verblassen, die ihnen in den 1990er und frühen 2000er Jahren auferlegt wurden.

Obwohl die Politiker diesem Prozess des logischen (und zunehmend ungeordneten) globalen Wandels hinterher hinkten, anstatt Führungsstärke zu zeigen, ist es glücklicherweise nicht zu spät, um noch einiges aufzuholen. Dazu bedarf es allerdings mehr als nur verbesserter Politik auf nationaler Ebene in Europa und Amerika. Es ist auch an der Zeit, dringende und tiefgreifende Reformen des multilateralen Systems und seiner wichtigsten Institutionen durchzuführen. Dieser Prozess erfordert gemeinsame Führungskraft der Schwellenländer als tatsächlich gleichberechtigte Partner der westlichen Mächte.

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