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Ungleichheit tötet den Kapitalismus

LONDON – Es herrscht allgemeine Einigkeit darüber, dass die Krise der Jahre 2008-2009 durch exzessive Kreditvergabe der Banken verursacht wurde, und dass die Erholung dadurch erschwert wird, dass sich die Banken aufgrund ihrer “zerstörten” Bilanzen weigern, Kredite zu vergeben.

Eine typische Geschichte, die von den Anhängern Friedrich von Hayeks und der Österreichischen Schule favorisiert wird, lautet wie folgt: Vor der Krise verleihen die Banken – dank der Bereitstellung übertrieben billigen Geldes durch die Zentralbanken, insbesondere die US-Federal-Reserve – mehr Geld an Kreditnehmer, als die Sparer eigentlich zu vergeben bereit gewesen wären. Mit Zentralbankgeld gefütterte Geschäftsbanken leiten Kredite an viele unsichere Investitionsprojekte weiter, und dieser Verleihwahn wird durch die Explosion finanzieller Innovationen (insbesondere derivativer Instrumente) noch verstärkt.

Diese umgekehrte Schuldenpyramide kollabierte, als die Fed durch die Erhöhung der Zinssätze die Ausgabenorgie bremste. (Die Fed hatte ihren Leitzinssatz, die Federal Funds Rate, von 1% im Jahr 2004 auf 5,25% 2006 erhöht und bis August 2007 auf diesem Niveau gelassen). Infolgedessen brachen die Häuserpreise zusammen und hinterließen eine Spur von Zombie-Banken (deren Verbindlichkeiten ihre Vermögenswerte bei weitem überstiegen) und ruinierten Schuldnern.

Das Aufgabe scheint nun darin zu liegen, die Kreditvergabe durch die Banken wieder anzuschieben. Beschädigte Banken, die keine Kredite vergeben wollen, müssen irgendwie “geheilt” werden. Diesem Zweck dienen die enormen Bankenrettungen in den USA und Europa mit ihren nachfolgenden Runden “quantitativer Erleichterungen”, im Rahmen derer die Notenbanken Geld drucken und es über eine Vielzahl unorthodoxer Kanäle in das Bankensystem pumpen. (Anhänger Hayeks sprechen sich dagegen aus: Eine durch exzessive Kreditvergabe verursachte Krise könne nicht durch weitere Kredite überwunden werden.)

Gleichzeitig wurden überall die Regulierungssysteme verschärft, um die Banken daran zu hindern, das Finanzsystem erneut zu beschädigen. Beispielsweise wurde der Bank of England zusätzlich zu ihrem Preisstabilitätsmandat die neue Aufgabe gegeben, “die Stabilität des Finanzsystems” zu bewahren.

Diese Analyse erscheint plausibel, beruht aber auf der Annahme, die Verfügbarkeit von Krediten sei der Hauptfaktor für die Gesundheit der Wirtschaft: Durch zu viele Kredite werde sie ruiniert und durch zu wenige zerstört.

Aber man kann die Dinge auch so betrachten, dass anstatt der Verfügbarkeit von Krediten die Kreditnachfrage der entscheidende wirtschaftliche Einflussfaktor ist. Immerhin erwarten Banken für die Kreditvergabe adäquate Sicherheiten, die vor der Krise durch steigende Hauspreise gegeben waren. Das Angebot an Krediten hing, anders ausgedrückt, von der Kreditnachfrage ab.

Dies rückt die Suche nach den Ursprüngen der Krise in ein etwas anderes Licht. Weniger die aggressiven Verleiher waren schuld, sondern vielmehr die unvernünftigen oder verblendeten Kreditnehmer. Also stellt sich die Frage: Warum wurden so viele Kredite nachgefragt? Warum schoss vor der Krise das Verhältnis der Kredite zum Haushaltseinkommen in solche nie dagewesenen Höhen?

Einigen wir uns darauf, dass Menschen gierig sind und immer mehr möchten, als sie sich leisten können. Warum hat sich diese “Gier” also derart manisch manifestiert?

Um dies beantworten zu können, müssen wir uns anschauen, was mit der Einkommensverteilung geschehen ist. Die Welt wurde immer reicher, aber innerhalb der Staaten wurden die Einkommen immer ungleicher verteilt. Obwohl die Pro-Kopf-Einkommen gestiegen sind, sind die Median-Einkommen während der letzten 30 Jahre stagniert oder gar gefallen. Dies bedeutet, dass der größte Teil des Produktivitätswachstums von den Reichen abgeschöpft wurde.

Und was taten die vergleichsweise armen Mitbürger, um in dieser Welt der steigenden Standards Schritt zu halten? Sie taten, was die Armen immer getan haben: sich verschulden. Früher verschuldeten sie sich beim Pfandleiher, und heute bei den Banken oder Kreditkartenfirmen. Und da ihre Armut nur relativ war und die Hauspreise explodierten, wurden sie von den Geldgebern nur zu gern mehr und mehr in Schulden gestürzt.

Natürlich haben sich manche Menschen Sorgen über die Sparquote der Haushalte gemacht, aber nur wenige machten sich genug Sorgen. In einem seiner letzten Artikel schrieb Milton Friedman, Ersparnisse nähmen heutzutage die Form von Häusern an.

Warum die Geschäftsbanken trotz allen Geldpumpens der Zentralbanken nicht wieder angefangen haben, Kredite zu vergeben, und warum die Wirtschaft lahmt, wird meiner Meinung nach durch diese Sichtweise der Dinge viel besser erklärt als durch die orthodoxen Annahmen. Ebenso wie die Kreditgeber der Öffentlichkeit vor der Krise keine Kredite aufgezwungen haben, können sie auch jetzt den hochverschuldeten Haushalten keine Kredite aufzwingen, ebenso wenig wie den Unternehmen, die angesichts stagnierender oder schrumpfender Märkte ihre Produktion nicht ausweiten möchten.

Also kann die Erholung nicht der Fed, der Europäischen Zentralbank oder der Bank of England überlassen werden. Sie erfordert die aktive Teilnahme der Haushaltspolitiker. In der aktuellen Lage brauchen wir keinen Kreditgeber der letzten Instanz, sondern einen Ausgeber der letzten Instanz, und das können nur die Regierungen sein.

Wenn die Regierungen angesichts ihrer jetzt schon hohen Verschuldung glauben, sie könnten sich von der Öffentlichkeit keine weiteren Kredite geben lassen, sollten sie diese bei ihren Zentralbanken aufnehmen und das Geld selbst in öffentliche Dienste und Infrastrukturprojekte stecken. Nur so können die großen Volkswirtschaften des Westens wieder auf Trab gebracht werden.

Darüber hinaus aber können wir uns kein System erlauben, innerhalb dessen sich ein so großer Teil des nationalen Einkommens in so wenigen Händen sammelt. Schon oft war es für das langfristige Überleben des Kapitalismus erforderlich, dass Reichtum und Einkommen umverteilt wurden. Diese Lektion müssen wir nun erneut lernen.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff