Thursday, October 2, 2014
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Was bei Rio+20 auf dem Spiel steht

NAIROBI: Nun, da bis zum Weltumweltgipfel Rio+20 nur noch wenige Wochen verbleiben, wird viel spekuliert, wie viele Staats- und Regierungschefs diesmal wohl dabei sein werden und was für Vereinbarungen sie bei den zentralen Tagesordnungspunkten – der Schaffung einer „grünen Wirtschaft“ und der Einrichtung eines „internationalen Rahmenwerks für nachhaltige Einwicklung“ – erreichen werden. Es ist kein Zufall, dass diese beiden Punkte Seite an Seite erscheinen.

Der Begriff „grüne Wirtschaft“ wurde schon vor Jahren geprägt – sogar noch vor dem ersten Weltumweltgipfel 1992 –, um ein neues Okular zu schaffen, durch das sich die Verknüpfungen zwischen Wirtschaft und Nachhaltigkeit untersuchen lassen. Neuen Schwung jedoch erhielt das Konzept in einer Welt, in der der Klimawandel bereits Realität ist, die Rohstoffpreise steigen und grundlegende Ressourcen wie etwa saubere Luft, bewirtschaftungsfähiges Land und Trinkwasser zunehmend knapp werden. Eine wachsende Zahl wissenschaftlicher Untersuchungen, darunter der in Kürze erscheinende fünfte Global Environment Outlook des UN-Umweltprogramms, bestätigt, was in Rio vor 20 Jahren in Ansätzen erkennbar war.

Jene, die in auf Vorbildern des 19. und 20. Jahrhunderts beruhende Wirtschaftsmodelle und Produktionsverfahren investiert haben, sind nun, vielleicht verständlicherweise, besorgt über einen Paradigmenwechsel. Doch dasselbe gilt für einige Segmente der Zivilgesellschaft, die nervös sind, dass sich ein Umstieg auf eine grüne Wirtschaft negativ auf die Armen auswirken und sie größeren Risiken und Gefahren aussetzen wird.

Andere stellen die Effizienz marktgestützter Ansätze bei der Nachhaltigkeitsförderung in Frage, weil die Märkte nie gesellschaftlich und ökologisch optimale Ergebnisse hervorbrächten. Nur starke Institutionen, u.a. Gesetze und Verordnungen, könnten dies erreichen.

Dies ist eine Ansicht, der wir völlig zustimmen. Die systemischen Krisen bei der Lebensmittel- und Treibstoffversorgung und im Finanzwesen, die 2008 einen Höhepunkt erreichten und in vielen Ländern weiter anhalten, wurzeln in einem Wirtschaftsparadigma, das den Wert der Natur und ihrer Vielzahl von lebenserhaltenden Leistungen unberücksichtigt lässt. Wie der jüngst veröffentlichte Bericht Towards a Green Economy: Pathways to Sustainable Development and Poverty Eradication zeigt, hat die Marktwirtschaft in ihrer gegenwärtigen Form zur Fehlallokation von Kapital in nie da gewesenem Umfang geführt.

Tatsächlich verstärkt das tiefgreifende und weit verbreitete Marktversagen im Bereich der Kohlenstoffemissionen, der Artenvielfalt und der Ökosystemleistungen Umweltrisiken und ökologische Verknappungen und untergräbt menschliches Wohlergehen und soziale Gerechtigkeit. Dies ist der Grund, warum die Verbindung zur Regierungsführung und zu den Institutionen auf dem Rio+20-Gipfel genauso wichtig ist wie der Umstieg auf eine grüne Wirtschaft: Als menschliche Konstrukte brauchen Märkte Regeln und Institutionen, die nicht nur ihre Richtung, sondern auch ihre Grenzen bestimmen.

Viele Kritiker sind besorgt, dass ein Umstieg auf eine grüne Wirtschaft die Natur im Wesentlichen monetisieren und Wälder, Trinkwasser und Fischbestände dem Gewinnstreben von Bankern und Händlern ausliefern wird, deren Unzulänglichkeiten bereits die Finanz- und Wirtschaftsturbulenzen der vergangenen vier Jahre auslösen halfen. Aber ist die Frage eine der Monetisierung oder der Bewertung der Natur?

Tatsache ist, dass Natur bereits heute zu Schleuderpreisen ge- und verkauft, ausgebeutet und vermarktet wird, die ihrem realen Wert insbesondere als Lebensgrundlage für die Armen nicht gerecht werden. Zu einem großen Teil spiegelt dies die mangelnde Regulierung oder das Fehlen von Märkten wider, was dazu führt, dass der Nutzen, den die Natur uns tagtäglich bietet, nicht erfasst wird – ein Punkt, der z.B. im vom UN-Entwicklungsprogramm ausgerichteten G8+5-Projekt zur Ökonomie von Ökosystemen und Artenvielfalt hervorgehoben wird.

In einem sehr realen Sinn steht in Rio die Zukunft unseres Planeten auf dem Spiel. Ohne eine echte und dauerhafte Lösung, die unser derzeitiges Wirtschaftsdenken auf systemischer Ebene neu ausrichtet, könnten Umfang und Tempo des Wandels die Erde schnell über kritische Schwellenwerte drücken und eine nachhaltige Entwicklung überall zu einem unerreichbaren Traum machen. Und obwohl der Multilateralismus ein langsamer und häufig schmerzhafter Prozess zur Konsensfindung ist, sind einige der Probleme zu groß, als dass sie auf Ebene der einzelnen Länder gelöst werden könnten.

Warum etwa verfolgt die Welt ein Paradigma wirtschaftlichen Wachstums, das auf der Zerstörung der Grundlagen der lebenserhaltenden Supportsysteme unseres Planeten beruht? Lässt sich der Begriff „Wohlstand“ neu definieren und umdeuten, sodass er den Zugang zu grundlegenden Waren und Leistungen mit umfasst, darunter auch jenen, die uns die Natur kostenlos zur Verfügung stellt – wie saubere Luft, ein stabiles Klima und Trinkwasser? Ist es nicht an der Zeit, menschlicher Entwicklung, ökologischer Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit den gleichen Stellenwert einzuräumen wie dem BIP-Wachstum?

Überall um uns herum leuchten die Warnlampen auf Gelb, wenn nicht gar auf Rot. Doch wir wissen, dass neue Technologien und Innovationen Veränderungen bei der Art und Weise hervorbringen, in der Strom produziert wird, neue Märkte für Lebensmittel und sauberes Wasser entstehen und grundlegende ökologische Leistungen inzwischen knapp und wertvoll werden.

Rio+20 ist ein Moment zur Weitergabe von Kenntnissen und Erfahrungen über Erfolge bei der Umstellung auf eine grünere und ressourceneffizientere Wirtschaft. Es ist eine Gelegenheit, auf allen Ebenen mit der Entwicklung der Fähigkeit zu beginnen, unsere Volkswirtschaften zu Wachstums- und Beschäftigungsmotoren umzubauen, die weder unsere Ressourcen erschöpfen noch neue, Wachstum und menschliche Gesundheit auf Jahre hinaus bremsende Belastungen schaffen.

Die vor uns liegende Herausforderung besteht darin, die sich abzeichnende ökonomische Realität mit den sozialen Werten und der Ethik in Einklang zu bringen, die wir brauchen, um eine ausgewogene und alle einbeziehende grüne Wirtschaft zu schaffen. Dies ist – um es mit den Worten von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon zu sagen – eine „Zukunft, die wir alle wollen“. Es ist eine Zukunft, die sich bei wegweisender und entschiedener Führung der weltweiten Staats- und Regierungschefs auf dem Rio+20-Gipfel entfalten könnte.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

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  1. CommentedFrank O'Callaghan

    This is a key point. Monetizing nature not only opens it to profit driven exploitation but may reserve it for the wealthy and exclude the poor who have traditionally used and perhaps conserved it.

      CommentedMike Hannis

      The question apparently posed in this paragraph, ie 'what is the relationship between monetisation and valuing', is not answered in the rest of the article, which simply goes on to say that we should value nature.

      Yes, we can all agree that valuing nature is 'a good thing'. But this has nothing to do with monetisation. As Frank points out, the consequences of monetisation are likely to be negative both for nature and for (most) people. Valuing nature is in fact precisely the opposite of pricing and selling it.

      The sensible response to observing that "nature is already being bought and sold, mined and marketed at knock-down prices that fail to capture its real worth, especially to the livelihoods of the poor" is not to say that we need to adjust the prices. It is to ask: why is nature being bought and sold in this way? How can our institutions be reformed to stop this happening?

      Enclosing and monetising the global commons might perhaps keep an illusory appearance of economic growth going for a few more years. But in the process it is likely to greatly exacerbate the multiple ecological crises we are now witnessing. To present it as a solution is essentially a massive confidence trick.

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