Thursday, July 31, 2014
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Taiwans Heilung

BANGKOK – Letzte Woche verurteilte ein taiwanisches Gericht Chen Shui-bian, der von 2000 bis 2008 Taiwans Präsident war, zu einer lebenslangen Haftstrafe wegen Korruption.

Chen wurde überführt, Millionen Dollar aus öffentlichen Töpfen gestohlen zu haben. Er handelte nicht allein. Seine Frau (die ebenfalls lebenslänglich bekam), seine Kinder und andere Verwandte halfen, die gestohlene Beute auf Auslandskonten zu verstecken. Taiwans ehemalige First Family hat sich als Räuberhöhle voll gewöhnlicher Diebe entpuppt.

Chen und seine regierende Demokratische Fortschrittspartei tarnten ihre persönlichen und parteigenen finanziellen Interessen hinter der patriotischen Maske, das Überleben einer demokratischen chinesischen Gesellschaft in einem unabhängigen Taiwan zu sichern. Jahrelang wurde Chen als mutiger David wahrgenommen, der den kommunistischen Goliath bekämpfte, und zog viele Bewunderer aus der ganzen Welt an (darunter zeitweise auch ich).

Chen, der sich und seine Partei als Vorkämpfer der Demokratie darstellte, war bestrebt, unter den taiwanischen Wählern den Eindruck entstehen zu lassen, dass ihre Freiheit in den Händen der Kuomintang (KMT) oder jeder anderen Partei außer seiner eigenen dahinschwinden würde. Aber in Wirklichkeit war es der verstorbene Präsident Chiang Ching-kuo, Sohn des Generalissimus Chiang Kai-shek, der die beispiellosen demokratischen Reformen einführte, die den Weg für den späteren Wahlsieg von Chens zuvor verbotener DPP ebneten.

Chens persönlicher Besitz wuchs kurz nach seinem Amtsantritt auffällig an, doch konnte damals niemand handfeste Beweise für seine Bestechlichkeit vorlegen. Die wie Pilze aus dem Boden schießenden Gerüchte über seine Selbstbereicherung taten seine politischen Anhänger als Propaganda der oppositionellen KMT ab.

Doch verließen die meisten der DPP-Gründerväter einer nach dem anderen die Partei und warfen Chen Korruption und autokratisches Verhalten sogar innerhalb seiner eigenen Partei vor – was Chen damit von sich wies, dass diesen Personen, die ihren Teil der politischen Beute abhaben wollten, die Trauben zu hoch hingen.

Tatsächlich ging es Chen stets eher darum, seine eigene Macht zu festigen als Taiwan zu verteidigen. Seine kontroversesten politischen Züge wendeten sich gegen seine Gegner im Inland, nicht gegen die chinesische Regierung auf dem Festland. Er führte eine bösartige Kampagne, um alle Taiwaner, die vom chinesischen Festland stammten, selbst wenn sie in Taiwan geboren und aufgewachsen waren, als nicht vertrauenswürdige Schwindler – wai shen ren oder „nicht Einheimische“ – darzustellen, als wären sie Fremde aus einer anderen Kultur.

Diese offizielle Anstrengung, die einheimischen „Taiwaner“ als eine getrennte ethnische Gruppe mit geringem Bezug zur chinesischen Kultur darzustellen, wurde auf die Sprache ausgedehnt, als Chen es vorzog, den Fujian-Dialekt anstelle von Mandarin zu benutzen, das von 1,3 Milliarden Chinesen gesprochen und überall auf der Welt gelehrt wird. Unterdessen wollte das Bildungsministerium sämtliche Verweise auf China aus den Schulbüchern streichen.

Chens Kampagne war so hartnäckig, dass sie einige an Maos Kulturrevolution erinnerte, in deren Zeit die Chinesen in „wir“ und „sie“ unterteilt wurden. So wurde Taiwan unter Chens Politik fast zu einer streng geteilten Gesellschaft, in der „lokale“ und „nicht einheimische“ Chinesen als potenzielle Feinde lebten.

Taiwans einziger indigener Abgeordneter führte die Politik Chens und der DPP einmal ad absurdum, indem er vor einem vollen Kongress eine ganze Rede in seiner Muttersprache hielt, die niemand anders in der Kammer verstehen konnte. Die Botschaft war klar: Ausschließlich seine Bevölkerungsgruppe hatte einen legitimen Anspruch darauf, sich als einheimische Taiwaner zu bezeichnen.

Am Ende war Chens Versuch ebenso aussichtslos wie töricht. Die chinesische Kultur, die im täglichen Leben von 23 Millionen Taiwanern jedweder politischer Couleur verankert ist, konnte nicht so einfach per Dekret ausgelöscht werden. Zudem verärgerte der Versuch einen Großteil der Taiwaner, die schließlich die Dummheit von Chens Politik begriffen, insbesondere die Tatsache, dass sie zu wirtschaftlicher Stagnation führte, während das chinesische Festland boomte.

Tatsächlich wurde mit taiwanischem Kapital und Know-how ein großer Anteil der chinesischen Hightech-Industrie aufgebaut, und über eine halbe Million Taiwaner leben und arbeiten in der Nähe von Schanghai in einer regelrechten Kopie von Hsin Chu, dem taiwanischen Silicon Valley. Doch hatten innenpolitische Kabbeleien in Chens Taiwan Vorrang vor der wirtschaftlichen Entwicklung. Chen gab stets der KMT die Schuld daran, vernünftige Wirtschaftspläne zu blockieren, doch selbst einige seiner vermögenden Anhänger wussten es besser.

Als endgültig bewiesen war, dass die Macht Chen in einen gewöhnlichen Kriminellen verwandelt hatte, wurde die KMT wieder an die Macht gewählt. Doch während Chens Vermächtnis der Lügen und Korruption vorbei ist, hat die neu erwachte KMT unter Präsident Ma Ying-jeou viel zu tun, um eine zynische Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass Chens Vorgehensweise, die an die dunklere Vergangenheit der KMT selbst erinnert, nicht Teil des Systems geworden ist.

Chens Gefängnisstrafe sollte auch dazu dienen, die DPP daran zu erinnern, dass sie eine Partei für alle Taiwaner werden muss, „einheimisch“ oder nicht, wenn sie überhaupt eine Chance auf eine Erneuerung haben soll. Taiwans Bevölkerung weiß, dass sie keinen Erfolg als Demokratie haben kann, wenn sie zulässt, dass ethnische Zwietracht herrscht.

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