Das traurigste aller Bücher im Regal meines Büros ist ein vor etwa einem Jahrhundert veröffentlichtes Werk von Norman Angell: The Great Illusion: A Study of the Relation of Military Power in Nations to Their Economic and Social Advantage ("Die große Illusion: ein Studium der Beziehungen militärischer Macht in Nationen zu ihrem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorteil"). Angell versuchte mit seinem Werk nachzuweisen, dass militärische Eroberungsfeldzüge überholt und veraltet seien.
Sein Argument war einfach: In allen länger anhaltenden Kriegen des Industriezeitalters ist jeder ein Verlierer. Der Verlierer des Krieges hat natürlich die meisten Verluste zu verzeichnen, doch auch die Gewinner sind hinterher schlechter dran, als wenn der Frieden aufrechterhalten worden wäre. Viele Väter, Söhne und Ehemänner sind tot, ebenso wie viele Mütter, Ehefrauen und Töchter. Reichtum und Vermögen wurden in großem Maße vernichtet. Viele architektonisch einmalige Bauwerke wurden in Schutt und Asche gelegt. Die Beschlagnahme von Kriegsbeute verletzt die Rechtsgrundsätze, auf denen der Wohlstand moderner Industriegesellschaften ruht. Selbst die Gewinner eines Krieges können bestenfalls nur von sich sagen, sie seien kleine statt große Verlierer. Wie es der Computer im Kinofilm Kriegsspiele aus dem Jahre 1982 konstatierte: Im modernen Industriezeitalter ist der Krieg ein sehr seltsames Spiel: "Die einzige Möglichkeit es zu gewinnen ist, nicht zu spielen."
Zu dem Zeitpunkt, als Angell seine Werke verfasste, vertraten manche Menschen die Ansicht, der Krieg sei ein wichtiges Mittel zur Förderung des nationalen Wohlstands; wirtschaftlicher Wohlstand und Prosperität seien die Früchte militärischer Macht. Es war für Angell ein Rätsel, wie deutsche Politiker vor dem Ersten Weltkrieg zu der Ansicht gelangen konnten, Wohlstand in Deutschland erfordere eine gigantische Kriegsflotte; Norwegen, Dänemark oder Holland kamen ohne eine solche Flotte aus, was dem finanziellen und wirtschaftlichen Wohlstand in diesen Ländern überhaupt keinen Abbruch tat. Er schaute erwartungsvoll voraus auf ein nahendes Zeitalter der rational betriebenen Staatskunst, in dem jeder Premier- und Außenminister erkennen würde, dass - völlig unabhängig vom Gegenstand der Auseinandersetzung - für alle Länder bindende Entscheidungsinstanzen eine weitaus bessere Strategie darstellten als Kriege zu führen.
Natürlich lag Angell mit seiner Einschätzung richtig, dass die einzige Möglichkeit, im modernen Industriezeitalter einen Krieg zu verhindern, bevor er sich zu einer destruktiven Tragödie für alle ausweitet, darin bestand, möglichst schnell einen Waffenstillstand zwischen allen beteiligten Kriegsparteien auszuhandeln. Seit Ende des Ersten Weltkrieges gab es nur noch wenige Regierungen, die eine aggressive Kriegsführung als Mittel zur Förderung des Wohlstands ansahen: Zwei Beispiele, die einem dazu sofort in den Sinn kommen, sind die Regierung des kaiserlichen Japans, das den Zweiten Weltkrieg im Pazifik vom Zaun brach, und Saddam Husseins Griff nach den kuwaitischen Ölfeldern unmittelbar vor dem ersten Golfkrieg. Regierungen haben also in gewisser Weise die von Norman Angell gepredigten Lektionen gelernt.
Was jedoch Die große Illusion zum traurigsten Buch im Regal meines Büros macht, ist die Tatsache, dass wir mittlerweile noch andere Gründe gefunden haben, um Kriege zu führen. Gerade in den Jahren und Jahrzehnten nach Veröffentlichung von Angells Buch waren wir Zeugen der grausamsten und blutigsten Kriege in der Geschichte der Menschheit. Wir führten Kriege, um koloniale Herrschaftsansprüche zu verteidigen, und wir führten Kriege zur Beendigung des Kolonialimus´. Wir waren Zeugen von Bürgerkriegen und Kriegen aus rein ideologischen Motiven. Wir waren Zeugen von Vernichtungskriegen, wie sie Hitler und die Nazis nicht nur gegen Juden und Zigeuner, sondern auch gegen Polen und Russen geführt hatten. Wir waren Zeugen ethnischer Kriege und solcher, die geführt wurden, um Regierungen davon abzuhalten, ihre eigene Bevölkerung zu töten. Tatsächlich gab es seit Ende des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland 1648 mehr Religionskriege als je zuvor.
Und doch gibt es berechtigten Anlass zur Hoffnung. Von den Zeiten Julius Cäsars bis zum Jahre 1945 gab es fast immer irgendeine Streitmacht, die den Rhein voll bewaffnet überquert hatte oder im Begriff war, dies zu tun - oder die auch nur mit dem Gedanken daran spielte. Nun gibt es weit und breit keine einzige. Vor etwas mehr als eineinhalb Jahrhunderten schienen die USA bereit zu sein, Krieg gegen die damals einzige Supermacht neben ihnen - Kanada - zu führen, um Vancouver in British Columbia zu einer Stadt zu machen, die von Washington, D.C., aus regiert werden sollte statt aus Ottawa oder London.
Vancouver ist eine schöne Stadt, und ich würde liebend gern die Wahlberechtigten von British Columbia in den USA haben, denn ich bin der Ansicht, sie würden der US-amerikanischen Wählerschaft viele gesunde Impulse verleihen. Doch heutzutage würde wohl niemand die Meinung vertreten, dass diese Idee es wert wäre, darüber einen Krieg zu führen. Vor einem Jahrhundert allerdings wäre es wohl kaum wahrscheinlicher gewesen, dass ein französischer Politiker sich für Entspannung und Frieden mit Deutschland eingesetzt hätte, als ein arabischer Politiker heutzutage für Entspannung und Frieden mit Israel.
Hochgelehrte "Realisten" der Außenpolitik (die mir irgendwie gar nicht so realistisch vorkommen) führten das Ende des Konflikts zwischen Frankreich und Deutschland darauf zurück, dass beide Länder sich plötzlich einem noch größeren Schreckgespenst gegenüber sahen: Russland, das unter Stalin erschreckend, unter Chruschtschow beängstigend und unter Breschnew immer noch besorgniserregend war. "Wartet erst einmal das Ende des Kalten Krieges ab", wurde damals gesagt, "dann werden wir sehen, wie Frankreich und Deutschland wieder anfangen, mit ihren Säbeln zu rasseln", denn das sei nun einmal die Tragik internationaler Machtpolitik, so wurde behauptet. Doch der Kalte Krieg ist seit über fünfzig Jahren vorbei, und ein militärischer Konflikt zwischen Frankreich und Deutschland scheint heutzutage genauso unwahrscheinlich wie einer zwischen den USA und Kanada.
Ich hoffe, es ist die Tatsache, dass man in Europa in gegenseitiger Abhängigkeit lebt - sorgfältig herbeigeführt von Männern wie Jean Monnet, Robert Schumann, Konrad Adenauer und ihren Nachfolgern -, und nicht die Erinnerung an den Schrecken des Zweiten Weltkrieges, dass es keine Streitmächte mehr gibt, die heutzutage bewaffnet den Rhein überqueren wollen. Wenn dem so ist, gibt es eine Chance, dass das Zeitalter der wirtschaftlichen Globalisierung, dem wir entgegenblicken, friedlicher verlaufen könnte als das 20. Jahrhundert. Sollte dem nicht so sein, könnte Angell weiterhin genauso bedeutungslos sein, wie er ursprünglich recht hatte.


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