Tuesday, September 23, 2014
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Die große amerikanische Illusion

NEW HAVEN – Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise in Asien, im September 1998, übermittelte der damalige Chef der amerikanischen Notenbank Federal Reserve, Alan Greenspan, eine simple Botschaft: die USA seien keine Oase des Wohlstands inmitten einer krisengeschüttelten Welt. Greenspans Argument trifft heute in noch viel höherem Maße zu als damals.

Ja, die amerikanische Wirtschaft befand sich in den letzten drei Jahren auf einem schwachen Erholungskurs. Aber immerhin, so behaupten viele, ist es eine Erholung – und daher eine Quelle anhaltender Widerstandsfähigkeit inmitten einer krisengeschüttelten entwickelten Welt. Im Gegensatz zur Großen Rezession der Jahre 2008-2009 herrscht heute die weit verbreitete Hoffnung, dass Amerika in der Lage ist, Kurs zu halten und für den Rest der Welt inmitten der Eurokrise ein Sicherheitsnetz zu bieten.

Falsch gedacht. Seit dem ersten Quartal 2009, als die US-Wirtschaft nach der schlimmsten Rezession der Nachkriegszeit die Talsohle erreicht hatte, waren Exporte für 41 Prozent der nachfolgenden Erholung verantwortlich. Richtig ist: da die amerikanischen Verbraucher im Gefolge des größten Kaufrausches der Geschichte ausgefallen waren,  bezog die amerikanische Wirtschaft ihre Versorgung überproportional von fremden Märkten. Da sich diese Märkte nun selbst in Schwierigkeiten befinden, könnten ihnen die USA rasch nachfolgen.

In den letzten drei Jahren waren drei Regionen – Asien, Lateinamerika und Europa – gemeinsam für 83 Prozent des exportgeführten amerikanischen Wachstumsimpulses verantwortlich. (Da die vom amerikanischen Handelsministerium zusammengetragenen Statistiken für Länder und Regionen nicht in saisonbereinigter Form vorliegen, beruhen alle nachfolgenden Vergleiche auf Grundlage vergleichbarer Gegenüberstellungen vom ersten Quartal 2009 bis zum ersten Quartal 2012.)

Mit einem Anteil von 33 Prozent am gesamten US-Exportanstieg der letzten drei Jahre lag Asien wenig überraschend an erster Stelle. Für den größten Teil dieser Steigerung war mit 15 Prozentpunkten die Region Großchina (Volksrepublik, Taiwan und Hongkong) verantwortlich. Selbstverständlich  fordert Chinas um sich greifende wirtschaftliche Verlangsamung – selbst unter dem in meinen Augen noch immer wahrscheinlichsten Szenario einer sanften Landung – ihren Tribut hinsichtlich des amerikanischen Exportaufschwungs. Der Rest des von Asien angeführten Exportimpulses verteilt sich  auf andere Länder – an der Spitze Südkorea, Japan und Taiwan -  bei denen es sich aber auch samt und sonders um exportorientierte Ökonomien handelt, die ebenfalls in hohem Maß von einem sich verlangsamenden China abhängig sind. 

Lateinamerika wies den zweithöchsten Anteil am amerikanischen Exportaufschwung aus. Auf diese Region entfielen in den letzten drei Jahren weitere 28 Prozent der gesamten Gewinne aus Amerikas Auslandsverkäufen, wobei Brasilien und Mexiko gemeinsam  für 19 Prozent dieses Anstiegs verantwortlich waren.  In beiden Ökonomien verlangsamt sich das Wachstum mittlerweile beträchtlich, ganz besonders jedoch in Brasilien. Aber angesichts der engen Verknüpfungen zwischen mexikanischer Produktion und amerikanischem Verbrauch (der nun wieder stottert) könnte jegliche Widerstandskraft in der mexikanischen Wirtschaft von kurzer Dauer sein.

Schließlich ist da noch der traurige Fall Europas, das in den letzten drei Jahren für 21 Prozent des kumulierten Wachstums der US-Exporte verantwortlich war. Hier sind die Statistiken des US-Handelministeriums hinsichtlich des Ursprungs dieses Anstiegs nicht sehr hilfreich, weil nur eine lückenhafte Länderliste vorliegt. Wir wissen jedoch, dass auf Großbritannien, Deutschland und Frankreich – die so genannten Kernökonomien – gemeinsam lediglich 3,5 Prozent des amerikanischen Exportwachstums seit Anfang 2009 entfielen, wobei Großbritannien für den Großteil dieses Werts verantwortlich zeichnet. Diese Entwicklung deutet darauf hin, dass sich der größte Teil des amerikanischen Exportwachstums in Richtung Europa auf die so genannten peripheren Ökonomien der Region verteilte. Und das ist ganz klar ein gravierendes Problem.

Prognosen sind immer gefährlich, aber mit einigen „Was-wäre-wenn-“ Szenarien lässt sich beleuchten, was das für die größte Volkswirtschaft der Welt bedeutet. Seit dem zweiten Quartal 2009 liegt der Wert des annualisierten realen BIP der USA im Durchschnitt bei 2,4 Prozent. Da ungefähr 40 Prozent dieser Steigerung dem Export zugerechnet werden können,  bedeutet dies, dass die restliche Wirtschaft nur um magere 1,4 Prozent gewachsen ist.

Unter Annahme stagnierender, nicht weiter steigender US-Exporte und für den Fall, dass auch alles andere unverändert bleibt (immer eine heroische Annahme) würde das reale BIP-Wachstum auf dieses 1,4-Prozent-Schreckgespenst hinauslaufen. Das ist in jeder Hinsicht ein schwacher Wachstumskurs – der wahrscheinlich zu steigender Arbeitslosigkeit und einer weiteren Verschlechterung des Verbrauchervertrauens führen wird.

Im Falle eines Alternativ-Szenarios mit einem leichten Exportabschwung, wobei die realen Exporte im Zeitraum von vier Quartalen um 5 Prozent sinken, könnte das reale BIP-Wachstum unter die kritische 1-Prozent-Schwelle fallen – und die amerikanische Wirtschaft anfällig für einen  Rückfall in die Rezession machen. Es sei jedoch darauf verwiesen, dass die Annahme eines Exportabschwungs im Ausmaß von 5 Prozent im Vergleich zu dem jähen Abfall der realen Exporte von 13,6 Prozent in den Jahren  2008-2009 verblasst. So gesehen ist dieses „Was-wäre-wenn“-Szenario eine vorsichtig optimistische Beurteilung der Abwärtsrisiken infolge der schwachen Auslandsnachfrage.

All das unterstreicht eine der offenkundigen, jedoch häufig übersehenen Implikationen einer zunehmend verflochtenen Welt: Wir sitzen alle im selben Boot. Die Eurokrise ist ein ernsthafter Schock und breitet sich wellenförmig auf der ganzen Welt aus. Europa ist für die exportgeführte chinesische Wirtschaft die größte Quelle der Auslandsnachfrage. Wenn China zurückfällt, wird es auch dem Rest des auf China zentrierten Asiens so ergehen und von da aus breiten sich die Wellen auf eine zunehmend exportabhängige amerikanische Wirtschaft aus. Die jüngste Schwäche der Beschäftigungslage und Einzelhandelsumsätze deutet darauf hin, dass diese Entwicklung bereits im Gange ist.

Greenspans Warnung aus dem Jahr 1998 kam zu einer Zeit, als die US-Exporte nur etwa 10,5 Prozent des amerikanischen BIP ausmachten. Heute liegt dieser Wert bei einer Rekordmarke von 14 Prozent, da Amerika nach der Krise stark auf eine exportgeführte Erholung gesetzt hat. Der aktuelle weltweite Abschwung ist nicht mit den Vorgängen in den späten 1990er Jahren oder den schmerzhaften Schocks vor 3-4 Jahren auf eine Stufe zu stellen – zumindest noch nicht.  Dennoch kann der weltweite Abschwung von heute für die USA oder andere Länder kaum als unbedeutend abgetan werden.

Im Zeitalter der Globalisierung gibt es keine unbeteiligten Zuschauer. Und es gibt ganz bestimmt keine Wohlstandsoasen angesichts eines weiteren großen Schocks in der Weltwirtschaft. Amerikas Wachstumsillusion ist ein wichtiges Beispiel dafür.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

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  1. Commentedsrinivasan gopalan

    If internalization of production and services of skilled people helped and are still helping fire America's export Juggernaut, the reasons for its internal restiveness about the problems plaguing the American economy could not be answered with any justification. The free trade bastion which has been the major prop for the erstwhile GATT and its next avatar the WTO at least in its first decade since its advent in 1995 is now a reluctant supporter of the WTO. This is borne out in not sealing a deal to the long-delayed Doha Round of trade talks set off in November 2011As long as this is not recognized and remedied before long, the problems plaguing the developed countries would only persist and worsen further. The global community in general and the United States in particular can no longer afford to keep themselves off from the virtues and the attendant gains of multilateral cooperation in their own enlightened self-interest. It is the lack of perspicacious vision to evolve a collective solution to the global common problems that has been the sole factor in the current shambles in which many advanced countries find themselves with the emerging economies in tow! It is time international cooperation is made feasible in an inter-connected universe where globalization and liberalization had gone too far to effect any unilateral remedy by any one country, however puissant it may be! G.Srinivasan. New Delhi

  2. CommentedProcyon Mukherjee

    I cannot quite agree that exports alone hold the key to the future as we need to look at the quality of this export, how intensive it is in the labor component is also equally important. What we see today is an export of capital, which is fueled by an enormous amount of liquidity in the system.

    The soaring bond prices and near zero yields is as much a reflection of liquidity preference as lack of credible investment option that has a clear future; the range of uncertainty is no way diminished by the flow of money, in fact it is adding to it. But treasury bonds are a different story. Even if I assume that a bulk of the preference for treasury bonds stems from those who want to create insurance for its currency, we have seen actually that these currencies have been depreciating, like the Yuan or the Rupee. This leads one to the stunning inference that America has become the chief exporter of capital to the external world for buying labor (both skilled and unskilled) at the cheapest possible cost. The acceleration of this activity (export of capital and import of labor) effectively boils down to heightened unemployment within the national territory and a downward wage spiral, which is also the very reason why inflation is tamed at its best.

    By higher capital export that is used in cheaper labor imports, we do not see how America will progress. We are adding to labor surplus.

    Procyon Mukherjee

      CommentedJim Nail

      Completely agree, Procyon. Export composition is key. I still maintain that we should focus on net exports rather than on exports per se, anyway. There must be a middle ground that allows global companies to seek low costs, while still allowing broad-based US manufacturing to exist.

      CommentedWilliam Hampton

      I agree. You hit the nail on the head. I would hope that it back fires and these cheap labor sources start becoming serious competitors to our corporations. At least maybe this could cause the reduction of soaring prices. I that unlike labor, big money seems to be unionized, I doubt this will happen.

  3. CommentedWilliam Hampton

    I have a question. If an American company manufacturing from China sells their products to Germany are those products considered exports of American products or Chinese products? How do these products made in China by American companies help the American economy as much as products made in the USA? Where are the materials from and produced that are used to make products made in China by American companies? etc, etc, etc. I do not see any economists talking about this, and how it is affecting this country. It seems to me there should be a distinction between those products made in China and ones actual made in America. Maybe it is not important or I am not reading enough.

      Commentedpeter fairley

      reply to Will Hampton. quote: "the monthly figures for the trade deficit are significantly overstated, says a Federal Reserve Bank economist(1999).

      The U.S. Census Bureau, which is responsible for trade data, says that a major component of the trade deficit called the merchandise trade deficit overstates the gap between imports and exports of goods.

      The Census believes that merchandise exports are probably understated by 3 percent to 7 percent, but possibly as much as 10 percent.
      Since there is no evidence of similar errors in import data, Census estimates the merchandise trade deficit was overstated by as much as 34 percent in 1997.
      Until the Census began basing figures on exports to Canada on that country's import data, in 1990, it was estimated that exports to Canada were understated by as much as 20 percent.

      A major reason the data are flawed is because Census bases merchandise trade figures on the paperwork importers and exporters file with the U.S. Customs Service -- but exporters are not required to file paperwork for shipments valued at less than $2,500. Instead, Census relies on a survey to estimate the fraction of total trade in these small shipments; but the most recent survey was conducted almost 10 years ago.

      Since then, the market share of small shipments has changed relative to large ones, due to such things as the boom in inexpensive air cargo services; but the magnitude of the shift is unknown.

      Source: Joseph A. Ritter, "An Overstated Headline," National Economic Trends, July 199, Federal Reserve Bank of St. Louis
      http://www.ncpa.org/sub/dpd/index.php?Article_ID=11444

      CommentedKevin Lim

      No simple answer. Here is a primer

      http://en.wikipedia.org/wiki/Rules_of_origin

      A simple example. If I imported unpainted toy trains into USA from China, and painted/packaged them in USA, its unlikely any body would be willing to certify them made in the USA. Where it gets tricky is where the components are split up and from all over. Say I get thet train wheels from a supplier in Brazil, the chasis from China, and the electronics from Germany, and I assemble them altogether in a plant here in USA. Whether I can label it made in the USA (or China, Germany, Brazil) depends on what are the tariff classifications of the components and the finished product under the Harmonised System.

      It can get pretty complex and its a fertile ground for litigation as manufacturers try to squeeze into a domestic origin for tariff purposes.

      Sounds confusing? It is.

  4. CommentedManmohan Manu

    Good article . I work for McGladrey and there's a guide on exporting on the website ( http://bit.ly/HdWo1R ) with insights from surveys and industry experts .

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