Thursday, April 17, 2014
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Die Gespenster der Vergangenheit

In Charles Dickens großartigem Roman "A Christmas Carol" wird der erbarmungslose Geschäftsmann Ebeneezer Scrooge am Weihnachtsabend von einem Geist aus der Vergangenheit heimgesucht. Heute plagen sich Ökonomen mit ähnlich unerwünschten Geistern in Form wiederkehrender Wirtschaftskrisen, von denen man annahm sie wären längst für immer von der Bildfläche verschwunden.

Wirtschaftsexperten wie Stephen Roach von Morgan Stanley oder Paul Krugman aus Princeton zeigen sich über die Deflation ebenso besorgt wie die Gouverneure der US-Notenbank Federal Reserve, die führenden Gremien der Europäischen Zentralbank und Wirtschaftsfachleute in ganz Japan. Ihre Überlegungen spiegeln das wirtschaftliche Denken von vor fünfzig Jahren wider, als Ökonomen zu dem Schluss kamen, dass Deflation unter allen Umständen zu vermeiden sei.

Im Jahr 1933 vertrat Irving Fisher --Milton Friedmans Vorgänger an der Spitze der monetaristischen Bewegung Amerikas -- die Ansicht, dass eine große Depression vermeidbar sei, wenn die Regierungen die Deflation eindämmten. Die Deflation --ein steter, unaufhaltsamer Preisverfall-- war für Unternehmen und Konsumenten ein ungeheurer Anreiz ihre Ausgaben zu reduzieren und Geld zu horten. Unternehmen und Banken gerieten dadurch mit der Schuldenrückzahlung in Verzug. Eine mögliche Folge sind eine Reihe großer Pleiten, wodurch das Vertrauen in das Finanzsystem erneut geschwächt und der Anreiz Geld zu horten noch größer wird.

Durch derartige Anreize Geld zu horten anstatt es auszugeben kann die Nachfrage noch weiter zurückgehen und die bereits hohe Arbeitslosigkeit weiter ansteigen und zwar über einen Zeitraum, den sich nicht einmal die größten Anhänger der Laissez-faire-Politik vorzustellen wagten. Die keynsiansiche Lösung war daher: Mit den Instrumenten der Finanz- (niedrigere Zinssätze) und Fiskalpolitik (Erhöhung der Staatsausgaben und Steuersenkungen) soll die Wirtschaft vor den Abgründen der Deflation bewahrt werden.

Wenn aber dieses Problem schon vor fünfzig Jahren gelöst wurde, warum schlagen wir uns heute wieder damit herum? Warum stellt es heute für Japan eine ernste Bedrohung dar und erzeugt schwerwiegende Bedenken in den USA?

In den späten vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts versuchte man bei der Schaffung einer Nachkriegswirtschaftsordnung ein internationales Finanzsystem zu etablieren, das (a) stabile Wechselkurse vorsah, so dass Produzenten und Konsumenten den Risiken exzessiver und irrationaler Wechselkursschwankungen nicht mehr ausgesetzt waren, (b) das es den Ländern erlaubt, ihre eigene makroökonomische Politik zu verfolgen und (c) die katastrophalen Panikreaktionen verhindern sollte, die nicht nur einzelne Banken, sondern ganze Länder erfassten und schließlich zu einer internationalen Finanzkrise in Form der großen Depression führten.

Das Ergebnis dieser Bemühungen war das fixe, aber dennoch anpassungsfähige Wechselkurssystem von Bretton Woods, das sich mit der Zeit zum System der variablen Wechselkurse der achtziger Jahre entwickelte. Dann kamen die neunziger Jahre. Internationale Finanzkrisen mit immenser Zerstörungskraft griffen um sich: Die Situation in Mexiko, Thailand, Korea, Brasilien und anderen Ländern erinnert an die Panik in den USA im Jahr 1873 oder an die Krise der österreichischen Creditanstalt im Jahr 1931. Die Krise Argentiniens am Ende des Jahres 2001 ähnelte fatal der Baring Brothers-Krise des Jahres 1890 - mit dem Unterschied, dass Politiker und internationale Banker im Jahr 1890 mit besseren Ideen zur Schadensminimierung aufwarten konnten als heute.

Das internationale Finanzsystem nach dem Zweiten Weltkrieg wurde konzipiert, um gegen die Gefahren solcher internationalen Finanzkrisen gewappnet zu sein. Warum aber kehrten diese Schreckgespenster der Finanzpolitik zurück?

In Wahrheit jonglieren Wirtschaftspolitiker mit einer ganzen Anzahl möglicher Katastrophen herum. Erscheint ein Szenario zu bedrohlich, wird es unverzüglich durch ein scheinbar harmloseres ersetzt. In den USA steht die Bush-Administration der stimulierenden Kraft der Geldpolitik skeptisch gegenüber. Größere Haushaltsdefizite sollen die Arbeitslosigkeit senken und man hofft, dass die zukünftig drohenden Gefahren anhaltender Defizite - geringe Investitionen, langsames Wachstum, Vertrauensverlust, unkontrollierte Inflation und Wechselkursabwertung - irgendwie umgangen oder zumindest nicht vor dem Ende der Amtszeit Präsident Bushs sichtbar werden.

In Europa hat sich die Europäische Zentralbank der Inflationsbekämpfung verschrieben. Man ist der Ansicht, dass die Gefahren einer unkontrollierten Inflation nach einem Vertrauensverlust schwerer wiegen als die in Europa viel zu hohen Arbeitskosten. In den Entwicklungsländern fürchtet man, dass Kapitalkontrollen Geldflüsse versiegen lassen könnten, die man für die Industrialisierung benötigt. Außerdem kämen dadurch Korruptionsmittel abhanden, da so mancher Geldfluss durch die Hände eines angeheirateten Neffen des Vize-Finanzminister strömt.

Durch flexible Wechselkurse, die dazu geschaffen wurden schwindendes Vertrauen in eine Währung zu signalisieren, haben auch Exporteure einen Wettbewerbsnachteil gegenüber ausländischen Produzenten, deren Währung nicht von unvorhersehbaren Wechselkursschwankungen betroffen sind. Selbst die heute allgemein geächtete Importsubstitution wurde von den Entwicklungsländern ursprünglich mit gutem (oder schlechtem) Grund eingeführt: Die protektionistische Abschottung der Märkte in den industrialisierten Ländern während der Großen Depression hatte verheerende Folgen für die Volkswirtschaften in den Entwicklungsländern.

Die Gespenster der Vergangenheit holen uns wieder ein, weil die Lektionen der Gegenwart nicht verstanden werden. Politiker und Strategen halten ihren wirtschaftspolitischen Ansatz für die allein selig machende Wahrheit. In Wirklichkeit versuchen sie das Problem allerdings zu einem hohen Preis zu lösen: mit der Abschaffung von Institutionen und politischen Strategien, die man früher etablierte um die damals drängendsten Probleme zu lösen.

Ebeneezer Scrooges nächtlichen Besuchern gelang es, ihn von seinen Fehlern zu überzeugen. Hoffen wir, dass die Ökonomen von heute die Lektion ihrer unerwünschten Geister auch lernen.

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  1. CommentedStamatis Kavvadias

    Prof. J. Bradford DeLong is describing a deflation that seems to have nothing to do with the recent crisis. If it is not just a book definition of deflation, it definitely has nothing to do with this crisis. Deflation is a result of something and, it seems to me that in big crisis, the reason is in the banking system. Deflation is not the cause of a number of unfortunate behaviors. The causes of deflation are the causes of a number of unfortunate behaviors.

    Lets hope that, along with economists and policymakers, he will learn the lessons of the ghost of fractional reserve banking, without which deflation would not be a problem but a blessing!!!

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