Thursday, October 23, 2014
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Thomas Malthus' endgültige Niederlage?

Vor kurzem hat die UNO ihre Prognosen über die Weltbevölkerung revidiert. Heute leben rund 6,3 Milliarden Menschen auf der Erde. Wenn die Fruchtbarkeitsquoten in relativ armen Ländern den in relativ reichen Ländern gesetzten Trends weiterhin folgen, befinden wir uns bald in Reichweite der für die Jahre 2050 bis 2100 vorausgesagten maximalen Weltbevölkerung von 9 bis 10 Milliarden.

Danach könnte die Weltbevölkerung aber wieder zurückgehen. Unter gut ausgebildeten Frauen mit ihren vielfältigen sozialen und wirtschaftlichen Möglichkeiten in den reichen Ländern von heute ist die Fruchtbarkeitsrate bereits unter das natürliche Bestandserhaltungsniveau gefallen. Das Problem ist allerdings nicht, dass sich diese Frauen durchschnittlich weniger als zwei Kinder wünschen, eigentlich hätten sie sogar gerne mehr als zwei Kinder. Aber weil sich viele dieser Frauen ihren Kinderwunsch erst jenseits ihres dreißigsten Lebensjahres erfüllen, steht ihre tatsächliche Fruchtbarkeit nicht im Einklang mit der gewünschten Kinderzahl.

Bei einer Weltbevölkerung zwischen 9 und 10 Milliarden Menschen müssten wir uns aber noch keine Sorgen hinsichtlich der Theorie von Thomas Malthus machen. Malthus, ein englischer Ökonom des 19. Jahrhunderts sagte uns eine Zukunft voraus, in der die Weltbevölkerung schneller wächst als die Produktion von Ressourcen, die zu ihrer Erhaltung notwendig sind. Millionen Menschen wären daher dem Hungertod geweiht. Tatsächlich ist es aber umgekehrt beinahe schon ein Schock zu sehen, dass sich das Zeitalter der Bevölkerungsexplosion möglicherweise dem Ende zuneigt.

Vor nur dreißig Jahren erklärten uns Professoren wie Paul Ehrlich von der Universität Stanford, dass der malthusianische Todesengel bereits vor der Tür stünde. Man versicherte uns, dass es bereits zu spät wäre, um etwas gegen den Hungertod von Hunderten Millionen Menschen am indischen Subkontinent zu tun und dass Kriege und Verteilungskämpfe um die verbliebenen Nahrungsressourcen das Schicksal der Menschheit im 21. Jahrhundert sein werden.

Der Kernpunkt der politischen Debatte zur Nahrungsversorgung ist heute allerdings nicht, dass es zu wenig Nahrung gibt, sondern zu viel. Politiker und die Menschen in Entwicklungsländern beklagen sich bitterlich, dass die reichen Industrieländer zu viel Nahrungsmittel erzeugen.

,,Der Export von Nahrungsmitteln ist eine unserer wenigen Möglichkeiten, Geld für moderne industrielle Technologie zu verdienen", wird argumentiert. ,,Aber durch eure Agrarsubventionen, können wir uns keinen Wettbewerbsvorteil für landwirtschaftliche Erzeugnisse schaffen. Ihr sagt, Freihandel ist gut, aber nur in Bereichen, wo ihr exportiert. Ihr sagt, die Durchsetzung von Eigentumsrechten ist von entscheidender Bedeutung für eure Investoren, aber wenn es um gleiche Chancen im Handel mit landwirtschaftlichen Produkten geht, scheint ihr auf beiden Ohren taub zu sein...."

Sie haben Recht. Nicht jedes Entwicklungsland kann durch Produktion und Verkauf von Computerchips, Plastikspielzeug oder Bananen reich werden. Manche sind auf den Export von Stahl angewiesen, andere auf den Verkauf von Möbel oder Textilien. Wieder andere müssen Zitrusfrüchte, Getreide oder Fertignahrung exportieren. Aber seit beinahe einem Jahrzehnt gibt es kaum Fortschritte zur Öffnung des Welthandels. Das überrascht auch nicht, wenn man sich die Hauptwählerschichten der Demokraten in den USA ansieht. Wirklich überraschend ist eigentlich, dass Präsident Clinton in den Jahren 1993 und 1994 so willig gegen den Strom seiner eigenen protektionistischen Basis schwamm und die Gründung der NAFTA und der WTO vorantrieb.

Nicht minder überraschend ist, dass die republikanische Regierung unter George W. Bush nach 2000 dem Freihandel so ablehnend gegenüberstand. So unterstützte Bush mehrere antiliberale Initiativen: Stahlzölle, die Ausweitung von Agrarsubventionen und eine Erklärung, dass in den Verhandlungen über die FTAA [Amerikanische Freihandelszone] die Auswirkungen der US-Agrarsubventionen nicht einmal zur Debatte stehen dürfen.

Die Blockierung des Welthandels gefährdet aber die globale wirtschaftliche Entwicklung. Technologietransfer ist unerhört schwierig. Es könnte sich durchaus herausstellen, dass 4 Dollar an Hilfsgeldern am Ende weniger bringen als 1 Dollar aus dem Export, denn es sind vor allem die Lehren aus der Exportwirtschaft, die zeigen, wie man sich die seit der Industriellen Revolution entstandenen Organisationsformen und Technologien zu Eigen macht.

Wenn die globale Entwicklung in Gefahr ist, dann könnten auch Malthus Theorien wieder Gültigkeit erlangen. Bleiben die ärmsten Länder arm, könnte ihr Bevölkerungswachstum viel langsamer zurückgehen, als es die Vereinten Nationen vorhersagen.

Die Besserstellung von Frauen, Vertrauen in das öffentliche Gesundheitswesen, wachsender Wohlstand und die Botschaft, dass es andere, bessere Erfolgsfaktoren im Leben gibt, als eine große Familie, führen zu sinkenden Geburtenraten. Die Tatsache, dass dieser demographische Ansatz in den meisten Ländern vorhanden ist, garantiert aber noch nicht, dass diese Entwicklungen auch eintreten. Vielleicht wird Malthus` Theorie in geografisch kleinen, aber dicht besiedelten und ungeheuer armen Teilen der Welt wieder aktuell.

Die reichen und wohlhabenden Länder sollen nicht glauben, dass sie sich für immer und ewig von Armut und Elend in den ärmsten Ländern abschotten können. Der Nationalismus war lange Zeit ein entscheidender Grund für politische Gewalt. Nichts gibt dem Nationalismus und der Gewalt mehr Auftrieb, als das Gefühl, dass das eigene Heimatland von anderen, nur ihre eigenen Interessen verfolgenden Nationen ausgebeutet wird und so arm und machtlos bleibt. Die Welt von heute ist zu klein, als dass es sich irgendwer leisten könnte, einen Winkel davon im Kampf gegen den Malthusianismus auszuklammern.

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